
Ein Ort zum Durchatmen
Ich sitze im Driftwood, mit Blick aufs Meer, und wenn ich einfach nur geradeaus gucke, ist es wunderschön.
Wirklich wunderschön.
Das Wasser.
Die Weite.
Dieses helle Holz.
Die Ruhe.
Und keiner, der drängelt.
Ich kann hier mit einem Cappuccino sitzen und einfach nur gucken. Das ist für mich inzwischen fast mehr wert als der Cappuccino selbst.
Und gleichzeitig stimmt etwas nicht.
Wenn ein Rückzugsort kippt

Sie haben diese kleine Fläche ins Meer hinaus nicht nur ein bisschen erweitert, sondern gleich verbreitert, verlängert, verdoppelt. Mehr Tische, mehr Platz, mehr schöne Aussicht für Gäste, die gar nicht da sind. Schon letztes Jahr war es hier nicht voll. Jetzt ist es leer. Wie fast alles.
Und ich sitze da und denke:
Warum?
Für wen?
Wer soll hier sitzen bei diesen Preisen?
Wer hat dieses Geld, diese Geduld und dieses großzügige Wegsehen?
Denn wenn ich nach rechts gucke, sehe ich nicht nur Schönheit.
Dann sehe ich Bauruinen, verfallene Häuser, Bruchstellen.
Nordzypern ist schön, ja.
Aber oft nur, wenn man nicht zu lange nach rechts und links schaut.
Es ging nicht um die 30 Lira
Und dann kam der Knall hinterher.
Ich wollte meinen Cappuccino bezahlen. Letzte Woche 180 Lira. Schon viel.
Ich hatte 200 in der Hand und dachte noch: na gut, vielleicht ist er jetzt eben ein bisschen teurer geworden.
Dann sagt er: 230.
230.
Und in dem Moment war bei mir einfach Schluss.
Nicht laut. Nicht dramatisch. Aber innerlich ganz klar.
Ich habe ihn angeguckt und nur gesagt:
Glauben Sie mal, das war der letzte Cappuccino, den ich bei Ihnen getrunken habe.
Er guckte erschrocken, nahm meinen 200er und sagte, ist diesmal gut.
Ja, diesmal.
Aber darum ging es gar nicht.
Nicht um diese 30 Lira.
Sondern darum, dass auch dieser Ort jetzt kippt.
Das war noch einer der letzten Orte, die für mich überhaupt tragbar waren.
Die anderen haben sich längst disqualifiziert.
Zu teuer, zu schräg, zu weit weg von dem, was ich noch mitgehen will.
Und jetzt dieser auch.
Das Bittere ist ja:
Ich will Nordzypern gar nicht schlechtreden.
Ich bemühe mich die ganze Zeit, das Schöne zu sehen.
Ich sehe es auch.
Ich suche diese kleinen Orte, an denen ich runterkomme, aufs Meer gucken kann, bei mir sein kann.
Und dann kippt wieder einer weg.
Der Strand daneben
Nebenan der Strand.
Oder das, was davon übrig ist.
Letztes Jahr wurde er noch von der Gemeinde bewirtschaftet, dann nicht mehr, dann verfiel er.
Ich dachte noch: na gut, dann geht man eben dahin.
Und dann sehe ich von hier aus einen Bagger am Strand.
Ich denke: Was machen die jetzt da? Wird das jetzt auch wieder irgendein Projekt? Noch etwas, das weggenommen, verbaut oder umgebaut wird?
Ich gehe hin.
Und da steht er:
auseinandergenommen, verrostet, Scheiben eingeschlagen, mitten am Strand, mitten im Müll.
Das war dann fast schon zu passend.
Nicht Aufbruch.
Nicht Veränderung.
Nicht Pflege.
Einfach nur etwas Großes, Hässliches, Liegengebliebenes.
Wunderschön und immer schwerer auszuhalten
Vielleicht ist genau das mein Bild von Nordzypern gerade:
wunderschön und gleichzeitig immer schwerer auszuhalten.
Nicht, weil ich das Schöne nicht sehe.
Sondern weil ich es sehe und merke, wie die Orte weniger werden, an denen es für mich noch tragbar ist.
Und das macht mich traurig.
Nicht nur, weil ich es irgendwann nicht mehr bezahlen kann.
Sondern weil ich es auch so nicht mehr will.
Grenze heißt auch: nicht mehr mitgehen
Als ich das heute im Freundeskreis erzählt habe, meinten sie, ich sei mutig, dass ich das so gesagt habe.
Aber darum geht es gar nicht nur.
Es geht nicht nur darum, etwas zu sagen.
Es geht darum, es dann auch auszuhalten.
Zu sagen: Da ist meine Grenze, da mache ich nicht mehr mit.
Und dann eben wirklich nicht mehr hinzugehen.
Nicht still beleidigt, nicht heimlich doch wieder, sondern klar.
Ob sie es hören wollen oder nicht.
Ob es wirkt oder nicht.
Ich weiß das nicht.
Aber ich tue es trotzdem.
Mit Schmerz.
Weil meine Grenze sonst nur Gerede wäre.

Dagmar Thiel: Neustart mit 50+ – geschrieben für Frauen, die nicht mehr durchhalten, nur auswandern, sondern wirklich ankommen wollen. Mit Würde. Mit Widerspruch. Und mit dem Mut, es trotzdem zu machen.
