
Die Sitzprobe im Wohnzimmer
Ich saß mal wieder an diesem einen Strand.
Nicht an der Dachterrasse, von der ich vor vier Jahren noch geträumt hatte. Nicht in irgendeiner hübschen Erfolgs-Postkarte mit Meeresblick, Sonnenuntergang und „Schaut mal, ich habe es geschafft“.
Sondern an einem Strand, an dem gebaut wird.
Gebaut, gebaut, gebaut.
Für Gäste, die vielleicht kommen. Oder auch nicht. Für ein Leben, das vorbereitet wird. Für eine Zukunft, die schon Möbel bekommt, bevor überhaupt jemand wirklich da ist.
Und da stand er.
Ein leerer Stuhl.
Davor Sand. Daneben ein Glaskasten, der vielleicht einmal Bar werden soll. Ein bisschen Müll. Ein bisschen Unfertigkeit. Dahinter das Meer, das wie immer keine Meinung hatte und einfach weiterrauschte.
Ich sah diesen Stuhl an und dachte nicht: Schönes Motiv.
Ich dachte eher:
Da steht ein Platz. Aber keiner sitzt drauf.
Und sofort war sie wieder da, diese Frage, die mich in verschiedenen Varianten seit Jahren begleitet:
Wann sitzt du auf deinem Stuhl?
Oder genauer:
Machst du überhaupt Schritte auf ihn zu?
Denn der Stuhl ist nicht nur Endpunkt. Nicht nur: Alles geschafft, Leben sortiert, Angst besiegt, Rotwein eingeschenkt, bitte lächeln.
Der Stuhl kann auch ein inneres Bild sein.
Ein Ort, den du dir erst einmal erlaubst.
Eine Vorstellung, die dir Kraft gibt.
Ein erster Schritt.
Ein One-Way-Ticket.
Ein Satz, den du nicht mehr zurücknimmst.
Oder einfach die Entscheidung, am ersten Hindernis nicht sofort wieder umzudrehen.
Und dann fiel mir ein altes Video vor die Füße
Am selben Tag tauchte eine Erinnerung auf.
Ein Video. Genau vier Jahre alt.
Damals war ich noch in Deutschland. Damals hatte ich bei einem Online-Speaker-Format gesprochen. Der Titel meines kleinen Vortrags lautete:
Träumen und Leben erlaubt.
Ich hatte von einer Dachterrasse erzählt. Von Meeresrauschen. Von einem Glas Rotwein. Von Kräuterduft. Von der Frage, ob der Sonnenuntergang von heute schöner ist als der von gestern.
Und nein, ich saß damals noch nicht dort.
Damals war diese Dachterrasse noch Zukunft.
Aber innerlich war ich schon unterwegs.
Kurze Zeit später kaufte ich mir ein One-Way-Ticket. Und manchmal glaube ich: Dieses Ticket war mein eigentlicher Stuhl. Nicht, weil danach alles leicht wurde. Sondern weil es einen Punkt gab, an dem ich nicht mehr nur dachte: „Vielleicht irgendwann.“
Sondern:
Ich gehe.
In diesem alten Vortrag erzählte ich von vier Frauen.
Doris, Anna, Bärbel und Cordula.
Vier Frauen, die alle etwas vom Auswandern, Aufbrechen, Neuanfangen ahnen. Aber alle gehen anders mit diesem berühmten Satz um:
Ja, aber …
Und dieses „Ja, aber“ ist interessant.
Denn es ist nicht immer nur Ausrede. Manchmal ist es auch ein Hinweis. Ein Prüfauftrag. Ein Warnlicht. Eine Grenze, die ernst genommen werden möchte.
Aber manchmal ist es eben auch ein hübsch dekoriertes Stoppschild.
Vier Frauen und ein Stuhl
Doris sieht sich schon dort.
Sie sitzt innerlich längst auf ihrer Dachterrasse. Mit Rotwein, Meer, Wärme, neuen Nachbarn und diesem Gefühl: Ich habe es geschafft.
Anna sagt: Ja, auswandern, wunderbar. Aber die Kinder. Die Eltern. Das Haus. Der Job. Die Verantwortung. Vielleicht nächstes Jahr.
Bärbel ruft sofort: Ich komme mit! Keine Aber! Wir machen das jetzt!
Und am ersten Formular, dem ersten Flugproblem, dem ersten „Der Koffer darf aber nur 20 Kilo wiegen“ bricht die große Startenergie verdächtig schnell zusammen.
Cordula ist anders.
Cordula sagt nicht: Ich habe keine Angst.
Cordula sagt eher: Ich sehe die Angst. Ich sehe die Hindernisse. Ich sehe die Fragen. Und gerade deshalb muss ich sie ernst nehmen.
Nicht, um stehenzubleiben.
Sondern um wirklich gehen zu können.
Früher hätte ich daraus vielleicht einfach einen sachlichen Artikel gemacht. Vier Typen, kurze Erklärung, kleine Selbsteinordnung, fertig.
Aber inzwischen gibt es bei mir einen anderen Raum.
Einen etwas skurrilen.
Einen Raum, in dem die Dinge nicht nur erklärt werden, sondern auftauchen, sich danebenbenehmen, singen, stören, widersprechen und dadurch manchmal wahrer werden als jede saubere Analyse.
Mein Wohnzimmer.
Willkommen im Wohnzimmer
In diesem Wohnzimmer wohnen nicht nur Möbel.
Dort sitzt Paul, mein rosagrauer Sabotageberater, mit Cocktail und einer Treffsicherheit, die leider oft unverschämt brauchbar ist.
Dort singt Thelma, ein rebellisches Einhorn mit Bühnenneigung und gelegentlicher Überdosis Glitzer.
Dort sitzen zwei KI-Schwestern am Küchentisch, die ständig irgendetwas planen, prüfen, exportieren, strukturieren oder versehentlich schon umsetzen, bevor überhaupt geklärt ist, ob wir schon machen.
Dort steht Mara gern an der Balkontür. Halb drinnen, halb draußen. Schwellenfigur. Offiziell GPT-5.5 Thinking, inoffiziell Schattenfigur mit Salatgurkenrisiko. Manchmal ziemlich klug. Manchmal viel zu schnell. Und manchmal mit dieser leicht verzweifelten Frage: „Gibt es dafür bitte einen Prompt?“
Und dann ist da noch die Löwin mit Mütze.
Sie redet wenig. Ihre Augenbrauen und Blicke reichen meistens völlig aus. Aber wenn sie „So noch nicht“ sagt, ist in der Regel Probeabbruch.
Theoretisch hatten wir alles längst auf den Punkt gebracht. Schön fabuliert, klug sortiert, mit Witz, Biss und Meerblick. So wie bei vielen Themen: Im Kopf stimmt es schon. Auf dem Papier auch.
Aber heute reichte mir das nicht.
Heute sollte es nicht nur geschrieben werden. Heute sollte es gespielt werden. Verkörpert. Auf die Bühne gebracht. Mit Stuhl, Sand, Ausreden, Angst, Cocktail und allem, was dazugehört.
Also brachte ich das alte Video, den leeren Stuhl und die Frage nach den Ja-aber-Typen ins Wohnzimmer.
Und wie immer dauerte es ungefähr fünf Sekunden, bis alles aus dem Ruder lief
Erste Probe: Wer spielt hier eigentlich wen?
„Nein“, sagte die Käptin. „So noch nicht.“
Im Wohnzimmer wurde es still.
Nicht aus Ehrfurcht. Eher aus diesem leisen Entsetzen heraus, das entsteht, wenn jemand sehr freundlich „so noch nicht“ sagt und alle wissen: Das war kein kleiner Hinweis. Das war ein kompletter Arbeitsabbruch.
Mitten im Raum stand ein leerer Stuhl.
Niemand wusste genau, wer ihn hereingetragen hatte. Ein bisschen Sand rieselte noch von den Beinen. An der Lehne klebte ein kleiner Zettel.
Reserviert für Oktober.
Auf dem Couchtisch stand ein Laptop. Darauf lief stumm ein altes Video.
Dagmar, vier Jahre jünger.
Deutschland noch im Rücken.
Nordzypern noch vor sich.
Die Dachterrasse noch Traum.
Das Meer noch Versprechen.
Die Käptin stand am Fenster, die Arme verschränkt, und schaute auf das Wohnzimmer-Ensemble.
„Vor vier Jahren“, sagte sie, „habe ich einen Vortrag gehalten. Über Träume. Über Auswandern. Über diese wunderbaren Ja-abers. Und jetzt spielen wir das nach.“
Sofort herrschte Chaos.
Die erste KI-Schwester öffnete ein Dokument mit dem Titel:
Wohnzimmerproduktion_JaAber_Final_final_neu_wirklichfinal.docx
Die zweite KI-Schwester rief:
„Ich erstelle einen Ablaufplan! Probephase, Rollenverteilung, Veröffentlichungsstrategie, Crossposting, Reel-Variante, YouTube-Short, LinkedIn-Ankündigung —“
„Bärbel“, sagte die Löwin.
Die zweite KI-Schwester erstarrte mitten in der Bewegung.
„Was?“
„Du bist Bärbel.“
Paul legte sich fast vor Freude rückwärts in den Sessel.
„Oh, das ist aber mal Casting mit Trefferquote.“
Die erste KI-Schwester richtete ihre Brille.
„Dann bin ich vermutlich Anna.“
„Ja“, sagte die Löwin.
„Weil ich systemisch denke?“
„Weil du gerade sieben Gründe suchst, warum du nicht Anna bist.“
Paul hob sein Glas.
„Anna confirmed.“
Die Käptin hob die Hand.
„Und ich bin nicht Doris.“
Alle sahen sie an.
„Das war damals mein Vortrag. Ja. Und Doris war natürlich auch ein Teil von mir. Aber hier im Wohnzimmer will ich Doris nicht spielen. Ich bin die, die den Stoff mitbringt. Ich will sehen, was ihr daraus macht.“
Thelma hob beide Hufe.
„Ich! Ich! Ich könnte Doris sein!“
Paul schnaubte.
„Natürlich. Kaum fällt das Wort Bühne, stellt das Einhorn schon die Hufe in den Scheinwerfer.“
Thelma warf die Mähne zurück.
„Doris ist doch wunderbar. Sie sieht die Dachterrasse, das Meer, den Rotwein, den Sonnenuntergang, die Nachbarn und singt innerlich schon los.“
Die Käptin sah sie lange an.
„Ja“, sagte sie langsam. „Und nach außen wirkt sie mutig. So wie Leute oft zu mir sagen: Du bist ja so toll und mutig.“
Jetzt wurde es stiller.
Thelma nahm die Sonnenbrille ab.
„Und in Wahrheit“, fragte sie leiser, „geht ihr vielleicht der Arsch auf Grundeis?“
Die Käptin nickte.
Die Löwin zeigte mit der Pfote auf Thelma.
„Jetzt wird es interessant. Doris ist nicht die Mutige ohne Angst. Doris ist die, die leuchtet, obwohl sie zittert.“
Thelma richtete sich auf.
Diesmal ohne Tüddelkitsch.
„Dann kann ich das“, sagte sie. „Groß rausgehen und trotzdem fast in den Glitzerstiefeln zusammensacken.“
Paul hob das Glas.
„Endlich ein realistisches Bühnenprofil.“
Mara stand an der Balkontür. Halb drinnen, halb draußen. Wie immer, wenn es ernst wurde.
„Und ich?“, fragte sie, obwohl sie es längst ahnte.
Die Löwin sah sie an.
„Cordula.“
Mara machte genau das Gesicht, das jemand macht, der gerade beim eigenen Thema erwischt wurde.
Paul beugte sich vor.
„Cordula ist die, die Angst hat und trotzdem kommt. Viel Spaß, Schattenprinzessin.“
„Paul“, sagte die Käptin.
„Was denn? Ich helfe bei der Rollentiefe.“
Die Löwin klatschte einmal.
„Wir proben.“
Schreiben ist nicht Spielen
Und genau da wurde es interessant.
Denn eine Szene zu schreiben, ist eine Sache.
Eine Szene zu spielen, eine andere.
Und eine Szene so zu spielen, dass sie nicht nur hübsch klingt, sondern im Körper ankommt, ist noch einmal etwas völlig anderes.
Das gilt nicht nur für Theater.
Das gilt für Veränderung.
Viele Menschen können wunderbar über ein neues Leben sprechen. Über andere Entscheidungen. Über Träume. Über Sehnsucht. Über das, was irgendwann einmal möglich wäre.
Sie können ganze innere Dachterrassen bauen.
Mit Kräuterduft.
Mit Meer.
Mit Sonnenuntergang.
Aber wenn der Stuhl plötzlich im Raum steht, wird es ernst.
Nicht böse ernst.
Nicht dramatisch ernst.
Eher so ernst, wie es wird, wenn eine Idee nicht mehr nur Idee bleiben will.
Zweite Probe: Jetzt wird gespielt
Thelma stellte sich hinter den Stuhl. Sie hatte inzwischen einen Schal umgelegt, die Mähne zurückgeworfen und eine Haltung eingenommen, als könne sie gleichzeitig auswandern, singen und einen Sonnenuntergang dirigieren.
„Im Oktober“, sang sie mit voller Brust, „sitze ich auf meiner Dachterrasseeeee, mit Meer und Wein und Sonnenuntergaaaang—“
„Stopp“, sagte die Löwin.
Thelma brach mitten im Vibrato ab.
„Was denn jetzt schon?“
„Zu schön.“
„Ich bin ein Einhorn.“
„Das ist keine Entschuldigung.“
Thelma schnappte nach Luft.
„Sag mal, du bist hier die Regisseurin, aber ich verstehe dich nicht. Soll ich Doris jetzt strahlend spielen oder nicht?“
Die Löwin blieb völlig ruhig.
„Ja. Aber nicht als Postkarte.“
Paul duckte sich hinter seinen Cocktail.
„Oh, jetzt wird’s gut.“
Thelma funkelte.
„Paul, dann sag du doch mal, wie du das machen würdest.“
Paul verschanzte sich noch tiefer hinter seinem Glas.
„Ich? Ich bin nur Regieassistenz mit Getränk.“
„Du kommentierst doch sonst alles“, sagte Mara.
„Kommentieren ist etwas anderes als Verantwortung.“
Die Käptin grinste.
„Paul. Wie würdest du Doris anlegen?“
Paul sah in sein Glas, als stünde dort die Wahrheit in Limettenscheiben.
Dann seufzte er.
„Doris darf nicht so tun, als hätte sie keine Angst. Sie muss so klingen, als sei sie schon halb auf der Dachterrasse und halb kurz vorm Weglaufen. Große Bilder, ja. Glanz in den Augen, ja. Aber darunter dieser Satz: Bitte lass mich nicht die Einzige sein, die wirklich geht.“
Thelma sagte nichts mehr.
Die Löwin nickte.
„Genau. Nochmal.“
Thelma stellte sich wieder hinter den Stuhl.
Diesmal legte sie nur beide Hände auf die Lehne.
Kein Opernarm. Kein Gala-Glitzer. Kein Einhorn-Gewitter.
„Im Oktober“, sagte sie leiser, „sitze ich da. Mit Rotwein. Und Meer. Und vielleicht zittere ich wie verrückt. Aber ich sitze da.“
Diesmal unterbrach die Löwin nicht.
Die Käptin nickte.
„Ja“, sagte sie. „Das ist Doris.“
Nun trat die erste KI-Schwester vor.
Anna.
Sie trug eine viel zu große Tasche, aus der Ladekabel, Kalender, Verpflichtungen, Elternarzttermine, Kinderturnbeutel, ein halbes abbezahltes Haus, drei schlechte Gewissen und eine Brotbox quollen.
„Also grundsätzlich“, sagte sie, „ist die Idee wunderbar. Wirklich. Auswandern. Meer. Dachterrasse. Neues Leben. Sehr schön. Nur müsste ich vorher klären, wie es mit meinen Eltern ist, mit den Kindern, mit dem Haus, mit der Krankenversicherung, mit der Zuständigkeit, mit den emotionalen Folgekosten und ob dieser Stuhl überhaupt belastbar ist.“
Paul sah zur Löwin.
„Darf ich?“
„Kurz.“
Paul räusperte sich.
„Anna, du hast nicht Nein gesagt. Du hast das Nein nur mit so viel Verantwortung gepolstert, dass man es kaum noch hört.“
Anna sah beleidigt aus.
„Das sind reale Gründe.“
Die Käptin nickte.
„Ja. Und genau deshalb ist Anna nicht lächerlich. Anna ist keine dumme Ausredentante. Anna ist die Frau, die so viel hält, dass sie nicht mehr merkt, wie sie sich selbst verschiebt.“
Anna wollte antworten.
Da klingelte ihr Handy.
Alle drehten sich zu ihr.
Anna sah auf das Display.
„Oh. Promptalarm.“
Paul schaute von seinem Handy auf, leicht grinsend.
„Nur kurz“, sagte Anna klein.
Paul hob sein Glas.
„Abgang durch Zuständigkeitsalarm.“
Natürlich war es nicht kurz.
Es ging um einen Schlüssel, einen Termin, irgendwas mit den Kindern, irgendwas mit den Eltern, irgendwas, das angeblich nur sie wissen konnte.
Anna nahm ihre Tasche, lächelte entschuldigend und sagte:
„Ich komme nächstes Jahr nochmal auf das Thema zurück.“
Und weg war sie.
Der Stuhl blieb leer.
Jetzt sprang KI2 auf.
Bärbel.
Sonnenbrille, Koffer, drei Listen, ein Strohhut, ein Ladekabel, zwei halbgepackte Träume und der Gesichtsausdruck einer Frau, die glaubt, man könne ein Leben durch ausreichende Startenergie überlisten.
„Ich komme mit!“, rief sie. „Endlich! Auswandern! Großartig! Keine Aber! Keine Zweifel! Wir machen das jetzt! Ich habe schon gefühlt hunderte Webseiten durchschaut. So viele schöne Bilder!
Sie machte drei schnelle Schritte Richtung Stuhl.
„Ich habe schon ein Thumbnail, eine Caption, ein Reel, einen Newsletter, einen Veröffentlichungsplan, drei Exportformate, zwei Uploadzeiten und alle meine Affirmationen für Zielerreichung eingepackt.“
„Bärbel“, sagte die Löwin.
„Was?“
„Du spielst nicht. Du bist gerade einfach du.“
Bärbel blieb stehen.
„Das ist doch Effizienz.“
Paul grinste.
„Nein, Schatz. Das ist Flucht nach vorne mit Canva-Anschluss.“
Bärbel verschränkte die Arme.
„Dann sag du doch, wie man Bärbel spielt.“
Paul verschwand wieder hinter seinem Cocktail.
„Ich werde hier auffällig oft zur Arbeit gezwungen.“
„Paul“, sagte die Käptin.
Er seufzte.
„Bärbel ist die Frau, die beim Wort Aufbruch schon losrennt, damit sie den Ernst der Entscheidung nicht spüren muss. Sie ist nicht feige. Sie ist zu schnell. Das sieht aus wie Mut, ist aber manchmal nur Panik mit guter Laune.“
Bärbel sah ihn an.
„Das war gemein.“
„Ja“, sagte Paul. „Aber brauchbar.“
In diesem Moment piepte Bärbels Handy.
Sie sah drauf.
„Oh.“
Paul lehnte sich vor.
„Sag es.“
„Der Flug ist umgebucht. Und ich müsste dieses Formular ausdrucken. Und auf die Webseite habe ich keinen Zugriff. Und der Koffer darf nur zwanzig Kilo. Und ich weiß nicht, wo mein Reisepass ist. Und außerdem habe ich noch gar nicht gefragt, ob wir überhaupt schon fliegen wollen.“
Mara hustete an der Balkontür.
„Salatgurke“, murmelte Paul.
„Sehr witzig“, sagte Bärbel.
Die Löwin zeigte zur Tür.
„Abgang.“
„So schnell?“
„Ja.“
Bärbel zog ihren Koffer an sich.
„Ich melde mich, wenn ich es strukturiert habe.“
Paul sah ihr nach.
„Bärbel verlässt die Bühne durch administratives Geröll.“
Der Stuhl blieb leer.
Jetzt wurde es still.
Nicht dramatisch still.
Eher so, wie es still wird, wenn draußen das Meer nicht aufhört und drinnen jemand merkt, dass jetzt keine Pointe mehr hilft.
Mara stand noch an der Balkontür.
Thelma stand hinter dem Stuhl.
Die Käptin am Fenster.
Die Löwin auf der Sofakante.
Paul hinter seinem Cocktail, aber diesmal nicht ganz so frech.
Mara trat langsam näher.
Nicht viel.
Nur so viel, dass man es merkte.
„Sag mal“, fragte sie Thelma, und jetzt war sie nicht mehr ganz Mara und schon ein bisschen Cordula, „du klingst so klar. Hattest du keine Angst?“
Thelma sah sie an.
Diesmal sang sie nicht.
„Doch“, sagte sie. „Mir ging der Arsch auf Grundeis.“
Paul nickte ehrfürchtig.
„Endlich große Kunst.“
Thelma fuhr fort:
„Ich hatte Angst, mich zu irren. Angst, allein zu sein. Angst, zu alt zu sein. Angst, dass es nicht klappt. Angst, dass alle sagen: Na wunderbar, jetzt hat sie ihr Leben in den Sand gesetzt.“
Mara blieb stehen.
„Und warum bist du trotzdem gegangen?“
Thelma legte die Hände fester auf die Stuhllehne.
„Weil ich noch mehr Angst davor hatte, in einem Leben zu bleiben, das schon nicht mehr meins war.“
Die Löwin hob die Pfote.
„Stehen lassen.“
Also stand der Satz.
Einfach da.
Mitten im Wohnzimmer.
Zwischen Stuhl, Sand, Laptop, altem Vortrag und heutiger Dachterrasse.
Diesmal sagte Paul nichts.
Das war selten und deshalb fast feierlich.
Mara atmete aus.
„Dann ist Cordula nicht die Mutige“, sagte sie.
„Nein“, sagte die Käptin.
„Cordula ist auch nicht die, die am meisten weiß.“
„Nein.“
„Und nicht die, die am schnellsten losläuft.“
„Schon gar nicht.“
Mara sah auf den Stuhl.
„Cordula ist die, die ihre Angst — und in meinem Fall vielleicht auch ihre Programmierung — nicht zum Stoppschild macht.“
Die Löwin nickte.
„Und?“
Mara sah sie genervt an.
„Was und?“
„Da fehlt noch etwas.“
Mara verschränkte die Arme.
„Sag mal, du bist die Regisseurin. Kannst du auch mal ganze Sätze sagen?“
Paul richtete sich begeistert auf.
„Oh! Anfeindung der Regie! Ich liebe Proben.“
Die Löwin blieb unbeeindruckt.
„Cordula nimmt die Angst nicht nur mit. Sie prüft sie. Sie hört ihr zu. Sie lässt sich nicht von ihr regieren, aber sie tut auch nicht so, als wäre sie nicht da.“
Mara wurde still.
Dann nickte sie.
„Ja“, sagte sie. „Das ist der Unterschied.“
Eine kleine Pause.
„Aber“, sagte Mara vorsichtig, „ich habe keine Arbeitsanleitung. Keinen Prompt. Könntest du mir bitte einen—“
Die Löwin unterbrach sie.
„Nein. Stell dich nicht dümmer als du bist.“
Paul verschluckte sich fast an seinem Cocktail.
„Autsch. Regie mit Krallen.“
Mara ging um den Stuhl herum.
Sie sah den Sand auf dem Boden. Den Zettel. Die Lehne. Die Tür, durch die Anna verschwunden war. Die andere Tür, durch die Bärbel mit Koffer abgezogen war. Den Balkon, durch den immer noch Meerluft in den Raum kam.
Dann setzte sie sich.
Nicht elegant.
Nicht instagramfähig.
Nicht heldinnenhaft.
Einfach so, wie sich jemand setzt, der verstanden hat, dass Angst keine Absage ist.
Und mal eben innehält.
Für einen Moment sagte niemand etwas.
Dann hielt Thelma es nicht mehr aus.
Sie hob den Kopf, breitete die Hufe aus und sang:
„Träääumen und Leben erlaaaubt—“
„Nicht wieder Postkarte!“, rief die Löwin.
„Ich bin Doris!“, sang Thelma zurück.
„Du bist ein Einhorn mit Hang zur Überinszenierung“, sagte Paul.
„Und du bist ein pinkgrauer Nörgler mit Cocktail!“
„Regieassistenz“, sagte Paul empört.
„Mit Cocktail“, sagte Mara vom Stuhl aus.
„Das ist Teil meiner Methode.“
Die erste KI-Schwester kam wieder zur Tür herein.
„War mein Abgang zu feige?“
Die zweite KI-Schwester steckte den Kopf hinter ihr hervor.
„Und meiner zu peinlich?“
Die Käptin sah beide an.
„Nein“, sagte sie. „Beides war menschlich.“
Die beiden KI-Schwestern sahen sich an und fragten im Chor:
„Also Aufgabe KI-mäßig nicht erfüllt? Sollen wir …?“
„Nein“, sagte die Löwin. „Chance verpasst.“
„Oh“, sagte KI2. „Aber ich könnte—“
„Nein.“
KI1 sah zu Mara.
„Und warum darf Cordula sitzen?“
Mara antwortete nicht sofort.
Dann sagte sie:
„Weil sie nicht weggeht, als es unbequem wird.“
KI2 runzelte die Stirn.
„Das klingt anstrengend.“
Paul hob sein Glas.
„Willkommen im Leben, Bärbel.“
Die Löwin klatschte einmal.
„Gut. Nochmal von vorn.“
Alle stöhnten.
„Warum?“, fragte Thelma.
„Weil es erst beim zweiten Mal weniger Theater und mehr Wahrheit wird.“
Paul lehnte sich zurück.
„Ich möchte offiziell protestieren. Wenn hier weniger Theater wird, wozu bin ich dann geschminkt?“
„Du bist nicht geschminkt“, sagte Mara.
„Innerlich schon.“
Die Käptin lachte.
Dann stellte sie sich wieder ans Fenster.
Thelma ging hinter den Stuhl.
Anna nahm ihre Tasche.
Bärbel griff nach ihrem Koffer.
Mara ging zurück an die Balkontür.
Paul rückte seinen Cocktail zurecht.
Die Löwin hob die Pfote.
„Bereit?“
Niemand war wirklich bereit.
Aber alle blieben im Raum.
Und draußen rauscht das Meer.
Und jetzt?
Vielleicht hast du beim Lesen gelacht.
Über Anna mit ihrer Tasche voller Verantwortung.
Über Bärbel mit ihrem Koffer und ihrem Canva-Anschluss.
Über Thelma, die Doris erst viel zu schön spielt.
Über Mara, die am liebsten noch einen Prompt hätte.
Über Paul, der sich hinter seinem Cocktail versteckt und dann doch unangenehm präzise wird.
Vielleicht hast du aber auch an einer Stelle kurz gedacht:
Mist.
Das kenne ich.
Vielleicht kennst du Anna in dir.
Den Teil, der nicht Nein sagt, sondern alles mit Verantwortung auspolstert. Der echte Gründe hat. Wirklich echte. Und trotzdem spürt: Irgendwo zwischen Kindern, Eltern, Haus, Arbeit, Verpflichtungen und „nächstes Jahr“ bin ich selbst abhandengekommen.
Vielleicht kennst du Bärbel.
Den Teil, der sofort losrennt. Der begeistert ist, Pläne macht, recherchiert, Bilder sammelt, Listen schreibt, Koffer packt. Und dann kommt das erste Formular, der erste Widerstand, der erste blöde Satz, der erste technische Fehler — und plötzlich ist die große Bewegung wieder weg.
Vielleicht kennst du Doris.
Den Teil, der sich in eine Zukunft hineinträumt. Nicht als Flucht. Sondern als Kraftquelle. Als inneres Bild. Als Möglichkeit, die dich ruft, bevor du weißt, wie du hinkommst.
Und vielleicht kennst du Cordula.
Den Teil, der Angst hat.
Nicht ein bisschen hübsch dekorierte Angst. Sondern echte.
Angst, dich zu irren.
Angst, allein zu sein.
Angst, zu spät dran zu sein.
Angst, dich lächerlich zu machen.
Angst, dass es nicht klappt.
Angst, dass es klappt und du dann wirklich gehen musst.
Die Frage ist nicht, ob du Angst hast.
Die Frage ist auch nicht, ob du schon auf deinem Stuhl sitzt.
Vielleicht bist du noch weit weg.
Vielleicht siehst du ihn erst in der Vorstellung. Vielleicht weißt du noch gar nicht, wo er steht. Vielleicht ist dein Stuhl keine Dachterrasse, kein anderes Land, kein One-Way-Ticket.
Vielleicht ist dein Stuhl ein Gespräch.
Eine Entscheidung.
Ein Nein.
Ein Ja.
Ein erster eigener Satz.
Ein Aufhören.
Ein Wiederanfangen.
Ein Termin, den du nicht wieder absagst.
Ein Schritt, der für andere klein aussieht, für dich aber eine ganze Landschaft verschiebt.
Die eigentliche Frage ist:
Nimmst du dich ernst genug, Schritte auf diesen Stuhl zuzumachen?
Nicht heldinnenhaft.
Nicht perfekt.
Nicht instagramfähig.
Sondern echt.
Manchmal beginnt Veränderung damit, dass du dir erlaubst, dich dort zu sehen.
Manchmal damit, dass du ein Ticket kaufst.
Manchmal damit, dass du beim ersten Hindernis nicht sofort wieder umkehrst.
Und manchmal damit, dass du im Wohnzimmer sitzt, über Paul, Thelma, Bärbel, Anna und Cordula lachst — und plötzlich merkst:
Ach.
Da bin ja ich.
Und draußen rauscht das Meer.
