Von gekauften Sternen, bezahlter Sichtbarkeit und der Frage, wie viel von uns selbst wir eigentlich verkaufen
Neuanfang.
Klingt gut.
Nach Aufbruch. Möglichkeiten. Frischer Energie.
Dazu gibt es jede Menge wunderbare Ratschläge.
Ich stand trotzdem plötzlich wieder da wie vor zehn Jahren.
Vor genau dem Kram, von dem ich irgendwann gesagt hatte: Das mache ich nicht mehr.
Sichtbarkeit. Reichweite. Bewertungen. Algorithmen. Die Frage, wie man überhaupt wahrgenommen wird, wenn noch kaum jemand hinschaut.
Nun hatte ich wieder Lust.
Nicht auf das Spiel. Auf meine Arbeit.
Ich wollte damit wieder stärker nach draußen. Also stand ich erneut vor diesem schönen Wort:
Neuanfang.
Diesmal bei ProvenExpert.
Mein Profil lag dort lange brach. Ich wollte es neu aufsetzen und aktuelle Bewertungen sammeln.
Denn natürlich schaue auch ich nach Bewertungen, wenn ich jemanden nicht kenne.
Wer ist das?
Kann die was?
Wie haben andere die Zusammenarbeit erlebt?
Völlig nachvollziehbar.
Nur stand ich nun auf der anderen Seite.
Und da lautet die Frage:
Woher bekomme ich Bewertungen, wenn Menschen erst buchen, nachdem sie Bewertungen gesehen haben?
Vertrauen wäre schön. Wo kriegt man das?
Da stehst du dann.
Mit deiner Erfahrung. Deiner Arbeit. Deinem neuen alten Profil.
Du weißt, was du kannst.
Einige andere wissen es auch.
Nur steht es nicht unbedingt im Internet.
Manche Rückmeldungen sind zu alt. Manche Menschen denken gar nicht daran, eine Bewertung zu schreiben. Andere versprechen es und vergessen es wieder.
Also stehen da zwei aktuelle Stimmen.
Zwei gute Stimmen.
Aber eben zwei.
Keine Bewertungen sind kein Beweis für schlechte Arbeit.
Es sieht nur verdächtig ähnlich aus.
Natürlich gibt es die üblichen Ratschläge:
Mach erst einmal etwas kostenlos.
Biete einen Schnupperabend an.
Lass die Menschen dich kennenlernen.
Schaffe Vertrauen.
Ja.
Mache ich.
Nur müssen die Menschen auch zu einem kostenlosen Angebot erst einmal kommen.
Auch ein Schnupperabend braucht Sichtbarkeit.
Auch eine gute Gelegenheit muss irgendjemand bemerken.
Und während ich mich damit beschäftigte, wie dieses berühmte Vertrauen überhaupt entstehen soll, stieß ich auf mehrere Firmen mit einer beeindruckenden Lösung:
Vertrauen aufbauen – kaufen Sie Bewertungen.
Ich dachte zunächst, ich hätte mich verlesen.
Noch einmal.
Nein.
Da stand nicht:
Kaufen Sie Werbung.
Da stand auch nicht:
Machen Sie Ihr Angebot bekannter.
Da stand sinngemäß:
Sie brauchen Vertrauen?
Kaufen Sie welches.
Echtes Profil. Echte Person. Erfundenes Erlebnis.
Natürlich wurde gleich erklärt, warum diese Bewertungen trotzdem authentisch seien.
Die Profile seien echt.
Hinter ihnen stünden reale Menschen.
Die Texte würden geprüft.
Man könne sogar selbst vorgeben, was dort stehen soll.
Na dann.
Alles echt.
Bis auf die Erfahrung.
Ein echtes Profil beweist, dass ein Mensch existiert.
Mehr nicht.
Es beweist nicht, dass dieser Mensch Kundin war.
Es beweist nicht, dass er mit mir gearbeitet hat.
Und schon gar nicht, dass er das erlebt hat, was er unter seinem Namen behauptet.
Geprüft wird also nicht die Erfahrung.
Geprüft wird, ob die Erfindung glaubwürdig genug aussieht.
Das ist schon eine besondere Kunst.
Man verkauft Täuschung und liefert das Gütesiegel gleich mit.
Authentisch.
Geprüft.
Echt.
Legal.
Vertrauen.
Schöne Worte.
Nur steht kaum noch etwas darin.
„Das macht doch jeder“
Ich kam ziemlich aufgewühlt zu einem Stammtisch.
Nicht ein bisschen irritiert.
Aufgewühlt.
Ich erzählte von meinem Fund.
„Vertrauen aufbauen – kauf dir Bewertungen.“
Für mich lag der Widerspruch offen auf dem Tisch.
Nackt.
Kaum zu übersehen.
Martin – nennen wir ihn so – sah mich an und sagte:
„Das weiß doch jeder. Das macht man doch schon seit Jahren. Das ist doch normal.“
Normal.
Aha.
Nicht ehrlich.
Nicht richtig.
Nicht einmal besonders geschickt.
Normal.
Vielleicht hat mich dieser Satz noch mehr getroffen als die Anzeigen selbst.
Nicht, dass Menschen Bewertungen kaufen.
Sondern dass man darüber offenbar nicht einmal mehr stolpert.
Das macht doch jeder.
Diesen Satz muss man nur oft genug sagen.
Dann wird aus Täuschung Geschäftspraxis.
Und wer sich noch darüber aufregt, wirkt plötzlich ein bisschen naiv.
Wie süß.
Sie glaubt noch, eine Bewertung hätte etwas mit einer Erfahrung zu tun.
Werbung ist doch etwas anderes. Oder?
Nun könnte ich mich zurücklehnen.
Gekaufte Bewertungen kommen für mich nicht infrage.
Punkt.
Und ja: Punkt.
Nur ist die Sache damit nicht erledigt.
Denn während ich mich über gekaufte Bewertungen aufrege, flüstert LinkedIn:
Bewerben Sie Ihren Beitrag.
Instagram auch.
Dein Beitrag wird kaum ausgespielt?
Zahl.
Du hast noch keine Reichweite?
Zahl.
Du willst Menschen erreichen, die dich nicht kennen?
Zahl.
Und natürlich habe ich darüber nachgedacht.
Wie soll etwas anfangen, wenn es niemand sieht?
Wie soll Reichweite entstehen, wenn geringe Reichweite dazu führt, dass ein Beitrag weiterhin kaum gezeigt wird?
Der Algorithmus sagt:
Da passiert nichts.
Also zeige ich es niemandem.
Sehr praktisch.
Für den Algorithmus.
Eine Anzeige und eine gekaufte Bewertung sind nicht dasselbe.
Das muss man sauber trennen.
Eine Anzeige kauft Sichtbarkeit.
Eine gekaufte Bewertung kauft eine erfundene Erfahrung.
Das eine sagt:
Ich bezahle dafür, dass du mich siehst.
Das andere sagt:
Ich bezahle dafür, dass du glaubst, andere hätten mir bereits vertraut.
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Und trotzdem bleibt etwas hängen.
Denn auch bezahlte Sichtbarkeit arbeitet mit Wirkung.
Dieser Beitrag begegnet mir dauernd.
Also muss er wichtig sein.
Diese Person ist überall.
Also muss sie relevant sein.
Dieses Angebot wird mir ständig gezeigt.
Also scheint es gefragt zu sein.
Vielleicht.
Vielleicht hatte nur jemand Geld.
Ab wann kaufe ich nicht mehr Sichtbarkeit, sondern Bedeutung?
Vielleicht verläuft die Grenze nicht einfach zwischen bezahlt und unbezahlt.
Das wäre angenehm.
Ist aber zu einfach.
Die Frage lautet eher:
Bezahle ich dafür, dass etwas überhaupt gesehen werden kann?
Oder:
Bezahle ich dafür, dass es so aussieht, als hätte es längst Vertrauen, Zustimmung oder Bedeutung erzeugt?
Eine Anzeige kann eine Tür öffnen.
Eine gekaufte Bewertung stellt jemanden hinter die Tür, der nie dort war.
Und doch leben beide davon, dass wir Zeichen mit Inhalt verwechseln.
Viele Sterne bedeuten Qualität.
Viele Follower bedeuten Bedeutung.
Viel Reichweite bedeutet Relevanz.
Ja?
Manchmal.
Und manchmal bedeutet es nur:
Jemand kann sich den Schein leisten.
Sei authentisch. Aber bitte hübsch verpackt.
Spätestens hier ist das Thema nicht mehr nur Marketing.
Denn auch Authentizität wird inzwischen verkauft.
Sei du selbst.
Zeig dich.
Steh zu dir.
Geh deinen Weg.
Wunderbar.
Nur kommt der Nachsatz meist etwas leiser:
Sei du selbst – aber bitte anschlussfähig.
Sei klar – aber nicht unbequem.
Sei selbstbewusst – aber nicht so, dass jemand neben dir nervös wird.
Verändere dich – aber störe damit niemandes Ordnung.
Zeig dich – aber bitte so, dass wir dich weiterhin mögen.
Gerade Frauen kennen das.
Nicht erst von LinkedIn.
Aus Familien.
Aus Beziehungen.
Aus dem Beruf.
Du darfst stark sein.
Aber nicht stärker als vorgesehen.
Du darfst dich verändern.
Aber bitte so, dass alle anderen sich nicht mitverändern müssen.
Du darfst deinen eigenen Weg gehen.
Solange er nicht quer durch fremde Erwartungen führt.
Und dann stehen wir wieder an derselben Stelle.
Was gebe ich von mir ab, damit etwas vorangeht?
Was schleife ich rund, damit ich angenommen werde?
Wo nutze ich eine Form?
Und wo werde ich selbst zur Ware?
Anpassung ist nicht automatisch Verrat
Nun könnte man den nächsten einfachen Satz bauen:
Passe dich niemals an.
Sei immer ganz du selbst.
Auch so ein hübscher Spruch.
Und genauso falsch.
Wir leben mit anderen Menschen.
Wir brauchen Formen.
Sprache.
Rücksicht.
Manchmal Strategie.
Nicht jede Anpassung ist Selbstverrat.
Nicht jede Anzeige ist Manipulation.
Nicht jede verständliche Formulierung ist Anbiederung.
Die Frage ist nicht:
Passe ich mich an oder nicht?
Die Frage ist:
Dient die Form noch dem, was ich wirklich sagen und leben will?
Oder ist von mir inzwischen nur noch die Form übrig?
Anpassung kippt nicht dort, wo ich Rücksicht nehme.
Sie kippt dort, wo ich Zugehörigkeit kaufe und mit mir selbst bezahle.
Dann eben Pippi Langstrumpf
Wer sich lange angepasst hat, hat irgendwann die Nase voll.
Vollkommen verständlich.
Dann kommt der Gegenschlag.
Jetzt mache ich nur noch, was ich will.
Jetzt bin ich authentisch.
Jetzt lebe ich mein Pippi-Langstrumpf-Leben.
Herrlich.
Klingt nach Freiheit.
Kann trotzdem nur die nächste Gefangenschaft sein.
Vorher richte ich mich danach, was andere wollen.
Danach richte ich mich dagegen.
Das Gegenüber bestimmt mich immer noch.
Nur mit umgekehrtem Vorzeichen.
Die Angepasste sagt:
Wenn ich so werde, wie ihr mich braucht, werde ich geliebt.
Die Trotzige sagt:
Wenn ich grundsätzlich nicht so werde, wie ihr mich braucht, bin ich frei.
Beides bleibt abhängig.
Auch Trotz kann Unfreiheit sein.
Er trägt nur interessantere Kleidung.
Und natürlich liebt jeder Pippi Langstrumpf.
Aber wehe, eine steht vor ihm.
Dann ist sie nicht mehr herrlich unangepasst.
Dann ist sie schwierig.
Zu laut.
Zu viel.
Unzuverlässig.
Egoistisch.
Als Kinderbuchfigur darf sie alles.
Als reale Frau soll sie sich bitte benehmen.
Ich will Freiheit. Also ziehe ich mir eine Rolle an.
Vielleicht kaufen wir uns nicht nur Bewertungen.
Nicht nur Reichweite.
Nicht nur den Anschein von Vertrauen.
Vielleicht kaufen wir uns auch Rollen.
Die Angepasste.
Damit wir dazugehören.
Die Trotzige.
Damit wir uns frei fühlen.
Die Erfolgreiche.
Damit niemand merkt, wie unsicher der Anfang ist.
Die Authentische.
Damit alles möglichst natürlich aussieht, was wir vorher sorgfältig auf Wirkung geprüft haben.
Dann wird sogar Freiheit zum Kostüm.
Schau mich an.
Mir ist egal, was andere denken.
Schau mich an.
Ich mache nur noch, was ich will.
Schau mich an.
Ich bin ganz bei mir.
Vielleicht.
Vielleicht schaut da auch nur eine Rolle besonders überzeugend in die Kamera.
Freiheit beginnt nicht automatisch dort, wo ich widerspreche.
Vertrauen beginnt nicht dort, wo fünf Sterne leuchten.
Und Authentizität beginnt ganz sicher nicht dort, wo ich das Wort oft genug in meine Überschrift schreibe.
Was ist dann echt?
Vielleicht ist echt nicht das, was ungefiltert aus mir herausfällt.
Vielleicht ist echt auch nicht das, was besonders kantig aussieht.
Vielleicht beginnt Echtheit beim Prüfen.
Was gehört wirklich zu mir?
Was ist Schutz?
Was ist Trotz?
Was ist eine sinnvolle Form?
Was ist Anpassung?
Welchen Preis bin ich bereit zu zahlen?
Und wann stelle ich lieber einen Schein her, weil das Wirkliche zu langsam wächst?
Denn das ist ja die Zumutung.
Vertrauen wächst langsam.
Reichweite oft auch.
Freiheit sowieso.
Ich will sichtbar sein.
Ich will Vertrauen.
Ich will dazugehören, ohne mich zu verkaufen.
Ich will frei sein, ohne in der nächsten Rolle zu landen.
Und ich will nicht zehn Jahre warten, bis irgendjemand bemerkt, dass ich da bin.
Da liegt der Konflikt.
Nicht in irgendeiner sauberen Marketingregel.
Sondern mitten im Neuanfang.
Wer neu beginnt, braucht Menschen, die hinschauen.
Wer wenige Bewertungen hat, braucht erste Stimmen.
Wer kaum Reichweite hat, muss überlegen, wie er sichtbar wird.
Das Problem ist real.
Die Abkürzungen auch.
„Das ist doch normal“
Und dann höre ich Martin wieder.
„Das weiß doch jeder. Das macht doch jeder. Das ist doch normal.“
Vielleicht ist genau das das Verstörende.
Nicht nur, dass Menschen Bewertungen kaufen.
Nicht nur, dass Plattformen Sichtbarkeit verkaufen.
Nicht nur, dass wir uns anpassen, um geliebt zu werden.
Oder in den Trotz springen, um uns frei zu fühlen.
Sondern dass wir uns so sehr an die Zeichen gewöhnt haben, dass uns kaum noch auffällt, wenn der Inhalt fehlt.
Vertrauen sieht aus wie fünf Sterne.
Bedeutung sieht aus wie Reichweite.
Authentizität sieht aus wie Unangepasstheit.
Freiheit sieht aus wie Trotz.
Und irgendwann reicht uns das Bild.
Hauptsache, es sieht echt aus.
Vertrauen kann ich nicht kaufen.
Freiheit auch nicht.
Aber offenbar kann ich mir von beidem eine ziemlich überzeugende Kulisse bauen.
Das weiß doch jeder.
Das macht doch jeder.
Das ist doch normal.
Genau das macht mir Angst.