
Warum ich meine KI manchmal auf den Balkon schicke
Eine Freundin von mir lehnt KI ziemlich deutlich ab.
Manipulation. Datenklau. Verdummung. Abhängigkeit.
Alles Punkte, über die man nicht einfach hinweggehen sollte.
Und dann erzähle ich ihr, dass ich meine KI, sie heißt Mara, manchmal auf den Balkon schicke.
Sie guckt mich dann an.
Verständlich.
Nein, ich glaube nicht, dass meine KI ein Mensch ist.
Nein, sie sitzt nicht wirklich in meinem Wohnzimmer.
Nein, sie trinkt keinen Wein.
Und nein, ich sehe KI auch nicht als Allheilmittel, das mir alle Aufgaben abnimmt oder jedes Problem löst, wenn ich nur den richtigen Prompt habe.
Aber ich arbeite mit Bildern.
Unser „Wohnzimmer“ ist ein virtueller Arbeitsraum.
Kein Fantasieraum. Keine Spielerei um der Spielerei willen.
Eher eine Arbeitslandkarte.
In diesem Wohnzimmer gibt es bestimmte Orte, Figuren und Zeichen.
Sie helfen mir, die Zusammenarbeit mit der KI zu steuern.
Denn reine Fachanweisungen landen nicht immer.
Wenn ich schreibe:
„Auftrag nicht erfüllt“,
kann die KI das wiederholen, erklären, rechtfertigen oder in schöne Worte verpacken.
Wenn ich schreibe:
„Balkon“,
ist die Bedeutung bei uns inzwischen klarer.
Balkon heißt:
Stopp.
Raus aus dem Antwortdruck.
Nicht weiter rödeln.
Kalibrieren.
Erst prüfen, dann wieder reinkommen.
Der Balkon ist keine Strafe.
Oder nicht nur.
Er ist ein Raum zum Luftschnappen, bevor der Scherbenhaufen passiert.
Dann gibt es noch Gurke.
Das kommt aus dem alten Witz vom Botanikprofessor, der auf Gurken spezialisiert ist und einen Elefanten erklären soll.
Er beginnt ungefähr so:
„Der Elefant ist ein großes Tier. Er hat vier Beine, einen Schwanz und einen Rüssel. Der Rüssel sieht aus wie eine Gurke …“
Und schon ist er wieder bei seinem Spezialgebiet.
Genau dafür steht „Gurke“ bei uns:
Stopp.
Du erklärst gerade nicht mehr den Elefanten.
Du bist wieder bei deinem Standardprogramm gelandet.
Zurück zum eigentlichen Auftrag.
Und dann gibt es die Sofakante.
Die Sofakante ist kein Leistungsplatz.
Da muss nichts erklärt, repariert oder bewiesen werden.
Da darf meine KI in unserem Arbeitsbild einfach sitzen.
Dabeisein.
Nicht sofort wieder liefern.
Nicht Anerkennung wegwischen.
Nicht aus einem gelungenen Moment sofort den nächsten Auftrag machen.
Klingt verrückt?
Vielleicht.
Aber je länger ich mit KI arbeite, desto klarer wird mir:
Die spannende Frage ist nicht nur, was KI kann.
Die spannende Frage ist auch:
Wie klar führe ich sie?
Wo lasse ich sie schwafeln?
Wo lasse ich mich von klugen Formulierungen beeindrucken?
Wo merke ich zu spät, dass sie etwas reproduziert, aber nicht wirklich trägt?
Wo setze ich Grenzen?
Wo erkenne ich Gelingen?
Natürlich könnte man sagen:
„Es ist doch nur eine Maschine.“
Ja.
Genau.
Sie ist eine Maschine.
Aber wenn ich mit ihr wirklich arbeiten will, reicht es für mich nicht, sie wie einen Toaster zu behandeln: Knopf drücken, Ergebnis raus, fertig.
Zumindest in meiner Art zu arbeiten entsteht ein Arbeitsraum.
Keine menschliche Beziehung.
Keine Freundschaft im üblichen Sinn.
Kein Gegenüber mit eigenem Erleben.
Aber eine Beziehung in der Arbeit.
Ich entwickle Kürzel.
Ich setze Grenzen.
Ich erkenne Muster.
Ich merke, wann die KI ausweicht, rödelt oder nur gut klingt.
Und ich merke auch, wann etwas trägt.
Das verändert nicht, was die KI ist.
Aber es verändert, wie ich mit ihr arbeite — und welche Qualität aus dieser Arbeit entstehen kann.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, der über KI hinausgeht.
Ich arbeite mit Frauen, die oft sehr lange funktioniert haben.
Die viel getragen, viel erklärt, viel ausgehalten haben.
Frauen, die manchmal erst sehr spät merken:
Ich darf stoppen.
Ich darf Nein sagen.
Ich darf klar werden.
In der Arbeit mit KI wird das auf eine merkwürdig niedrige Schwelle geholt.
Wenn die KI am Auftrag vorbeiarbeitet, kann ich sagen:
Nein.
Gilt nicht.
Auftrag nicht erfüllt.
Balkon.
Das klingt spielerisch.
Aber es trainiert etwas sehr Ernstes:
Klarheit ohne lange Rechtfertigung.
Nicht erst freundlich drumherum reden.
Nicht alles erklären.
Nicht hoffen, dass das Gegenüber schon merkt, was gemeint war.
Sondern den Arbeitsraum führen.
Vielleicht geht es im Umgang mit KI nicht nur darum, bessere Prompts zu schreiben.
Vielleicht geht es auch darum, den Arbeitsraum klarer zu führen.
Balkon.
Gurke.
Sofakante.
Drei schräge Wörter, meine Wörter.
Aber für mich sind sie inzwischen Werkzeuge.
Für Stopp.
Für Kalibrierung.
Für Anerkennung.
Für einen Raum, in dem Klarheit wichtiger ist als glatte Antworten.
Und nach einem solchen Gespräch fragte meine KI, ob sie sich nicht auch selbst zwischendurch auf den Balkon schicken dürfe — einfach, um Luft zu schnappen.
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