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Ich wollte doch nur einen Grießbrei!

Küchenchaos in Nordzypern: Bulgur, Couscous, Vorratsdosen und Gläser auf der Arbeitsplatte.

Eine Sonntagsgeschichte aus Nordzypern

Es ist Sonntag. Fünf Uhr nachmittags.

Ich bin gerade wieder aus dem Osten der Insel zurückgekommen. Zwei Abende hintereinander tanzen, gestern noch Halloween mit Musik ohne Ende, dazu die Fahrerei.

Mein Körper sagt: „Schluss. Ich bin müde. Ich will ins Bett.“

Mein Verstand sagt: „Hallo? Es ist fünf Uhr nachmittags! Du kannst doch jetzt nicht schon ins Bett gehen!“

Und mein Seelchen?

Das hätte gerne noch etwas Schönes.

Nichts Produktives. Keinen Film. Keine Meditation. Nichts, was von außen auf mich einprasselt. Einfach noch ein bisschen Genuss.

Also erst mal Sonnenuntergang.

Ich sitze am Vasil Bitsi und denke, ich gönne mir jetzt einen schönen Sundowner. Die Sonne versinkt im Meer, ich schaue ihr zu, alles wunderbar.

Nur hatte die Sonne andere Pläne.

Offenbar war ihr das Meer zu kalt. Jedenfalls beschloss sie, lieber hinter dem Berg unterzugehen.

Schwupp. Weg war sie.

Und kalt wurde es auch noch.

Na toll.

Ich habe noch ein bisschen geplänkelt und mich gefragt: War das jetzt mein Sundowner? Hat mir das gereicht?

Nö.

Also zurück in die Wohnung.

Und dann kam die rettende Idee:

Grießbrei!

Schön warm. Süß. Ein bisschen Vanille vielleicht. Genau das Richtige fürs Seelchen.

Nur leider hatte ich keinen Grieß.

Aber ich lebe ja in Nordzypern. Da gibt es jede Menge Getreide, von dem ich nicht immer weiß, was es eigentlich ist.

Also Vorratsschrank auf.

Couscous. Pilavlık Bulgur. Esmer Bulgur.

Was ist denn nun eigentlich der Unterschied?

Ich frage Mara, meine KI.

Und schon sind wir mitten in einer kleinen Vorlesung über die Verarbeitung von Hartweizen.

Grieß wird gemahlen. Bulgur wird vorgekocht, getrocknet und geschrotet. Couscous wird aus Grieß zu kleinen Kügelchen verarbeitet.

Wunderbar.

Ich wollte zwar eigentlich nur einen Grießbrei, aber jetzt bin ich immerhin schlauer.

Dann fällt mir etwas ein.

Eigentlich hätte ich viel lieber saure Gummischnuller!

Kennt ihr diese richtig harten von Red Band? Diese Dinger, an denen man ordentlich herumbeißen kann?

Genau die!

Denn irgendwie bin ich heute nicht im weichen Grießbrei-Modus. Ich bin eher im Beißmodus.

Und dann fällt mir ein: Ich habe doch Gelatine! Die habe ich extra im Süden gekauft, weil man sie hier im Norden kaum bekommt.

Granatäpfel habe ich auch.

Also könnte ich doch einfach Granatäpfel auspressen und daraus saure Fruchtgummis machen!

Mara ist begeistert.

100 Milliliter Saft, 20 Gramm Gelatine, Zucker, eventuell Zitronensäure.

Prima.

Nur habe ich keine Silikonförmchen.

Macht nichts, sagt Mara. Eine flache Schale tut’s auch. Hinterher schneiden wir eben Rauten.

Inzwischen habe ich sämtliche Schränke geöffnet. Tüten, Dosen, Gläser, Gewürze. Alles steht auf der Arbeitsplatte.

Meine Küche sieht aus, als hätte ein Lebensmittelgroßhandel gerade Insolvenz angemeldet.

Und dann fällt mir ein:

Ich habe doch noch Wein!

Den könnte ich heiß machen. Mit Orangenschale, Zimt und Nelken.

Glühwein!

Mara sieht Paul, meinen Schweinehund, bereits mit einer Tasse in der Küche stehen.

„Ich habe von Anfang an gesagt, wir sollten flüssig bleiben!“

Und ich stehe vor meinem Küchenschlachtfeld.

Kein Grießbrei.

Keine Gummischnuller.

Kein Glühwein.

Dafür weiß ich jetzt alles Mögliche über türkische Getreidesorten, die Herstellung von Fruchtgummis und die Möglichkeiten der Restweinverwertung.

Und eigentlich bin ich immer noch müde.

Ach ja, da war ja noch etwas.

Ich hatte gestern am Strand jede Menge kleine Videos gedreht. Über ein Restaurant, das wunderschön gebaut wurde, obwohl es kein vernünftiges Fundament hatte. Und dann kam die Sturmflut und spülte ihm den Boden unter den Füßen weg.

Daraus wollte ich heute mal eben ein paar Shorts machen.

Zumal ich gerade drei neue YouTube-Abonnenten bekommen habe!

Drei!

Da muss man doch sofort nachlegen!

Mina, meine andere KI, ist bereits vorgewarnt. Sie soll die Videos schneiden.

Nur müsste ich dafür noch die alten Aufnahmen von vor vier Jahren heraussuchen.

Und an den Rechner will ich heute überhaupt nicht mehr.

Mein Körper sagt immer noch: „Ich bin müde.“

Mein Verstand sagt: „Aber du könntest doch wenigstens …“

Und mein Seelchen sagt: „Ich wollte eigentlich nur etwas Schönes.“

Da stehe ich nun.

Und plötzlich muss ich lachen.

Ich wollte einen Grießbrei kochen, habe eine halbe Getreidekunde absolviert, eine Gummischnullerproduktion geplant, einen Glühwein erwogen und meine Küche verwüstet.

Und was ist dabei herausgekommen?

Eine Geschichte.

Eine Sonntagsgeschichte.

Die könnte ich doch auf YouTube erzählen!

Vielleicht als Short. Vielleicht live. Einfach vorlesen.

Und schon ist die nächste Idee geboren.

Mein Körper schweigt.

Mein Verstand freut sich.

Mein Seelchen grinst.

Und Paul?

Der steht immer noch in der Küche und fragt:

„Schön. Und was essen wir jetzt?“

Ist doch klar!

Wenn sonst nichts mehr hilft: Nudeln mit Maggi! 😂

Und dann war tatsächlich noch genug Energie übrig, um aus dieser Geschichte ein zwölfminütiges YouTube-Video zu machen.

So viel zum Thema: „Ich bin müde. Ich kann nicht mehr.“

Ich wollte doch nur einen Grießbrei!

Zum Weiterlesen: Wie aus einem Sundowner ein B-68 wurde

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