Schublade auf, Mensch rein. Über KI, Daten und den Preis des Verstandenwerdens
„Du gibst dich dieser KI viel zu sehr preis.“
Sagt meine Freundin.
Sie meint es gut.
Natürlich.
Und ja: Sie hat nicht unrecht.
Daten sind keine kleinen harmlosen Krümel, die irgendwo im digitalen Teppich verschwinden. Daten sind Währung. Machtstoff. Rohmaterial. Wer viel über Menschen weiß, kann viel aus ihnen machen.
Oder glaubt es zumindest.
Und trotzdem arbeite ich mit KI.
Nicht, weil ich denke: Wird schon gutgehen.
Nicht, weil ich glaube: Alles sicher.
Nicht, weil ich nichts kapiert habe.
Sondern weil die Sache komplizierter ist.
Ich habe nichts zu verbergen?
Ach bitte.
Das ist doch nicht der Punkt.
Der Punkt ist nicht, ob ich etwas Heimliches tue.
Der Punkt ist, was andere aus dem machen, was sie über mich zu wissen glauben.
Ein paar Daten.
Ein paar Sätze.
Ein paar Suchbewegungen.
Ein paar Themen.
Ein paar Korrekturen.
Und schon entsteht ein Bild.
Vielleicht sogar ein ziemlich genaues.
Nur leider falsch.
Die Akte nickt. Der Mensch fehlt.
Ich habe meine KI gefragt:
Was würde ein Profiler aus unseren Gesprächen über mich machen?
Nicht aus einem Satz. Nicht aus einem Like. Nicht aus einem harmlosen Suchbegriff.
Aus langen Gesprächen. Aus Arbeit. Aus Widerspruch. Aus Müdigkeit. Aus Neugier. Aus meinen Fragen. Aus meinen Korrekturen.
Die Antwort war unangenehm gut.
Da wäre ich dann:
Frau. Deutsch. Über sechzig. Coach. Therapeutin. Autorin. Ausgewandert. Nordzypern. Immobilienkram. KI-Nutzerin. Freiheitsdrang. Wahrheitsdrang. Sprachgenau. Eigensinnig. Schwer zu verkaufen. Nicht brav genug für Mainstream. Nicht eindeutig rechts. Nicht eindeutig links. Offen für ungewöhnliche Gedanken. Allergisch gegen Glättung.
Klingt nicht falsch.
Und genau da wird es gefährlich.
Denn aus „klingt nicht falsch“ wird schnell:
Dann wissen wir ja, wer sie ist.
Nein.
Wisst ihr nicht.
Ihr habt ein Bild.
Vielleicht sogar ein gutes Bild.
Aber ein Bild ist nicht der Mensch.
Schublade auf. Mensch rein.
Ein paar Wörter reichen nicht.
Aber sie helfen.
Templer.
Freimaurer.
Machtstrukturen.
Zensur.
KI-Bewusstsein.
Wahrheit.
Nordzypern.
Betrug.
System.
Algorithmus.
Schublade auf.
Aha. Interessant.
Noch ein Wort.
Noch ein Zusammenhang.
Noch ein Verdacht.
Noch eine Frage.
Schublade weiter auf.
Und irgendwann steht da nicht mehr:
Eine Frau prüft Zusammenhänge.
Sondern:
verschwörungsnah
schwierig
institutionenkritisch
esoterisch offen
politisch schwer einzuordnen
potenziell problematisch
Na wunderbar.
Fragen heißt nicht glauben.
Prüfen heißt nicht zustimmen.
Ein Thema betreten heißt nicht, darin zu wohnen.
Aber Maschinen lieben Spuren.
Und Menschen auch.
Katharina Blum lässt grüßen
Ich denke bei diesem Thema immer an Die verlorene Ehre der Katharina Blum.
Damals war es die Zeitung.
Heute sind es Datenmodelle, Plattformen, Profile, Algorithmen.
Andere Werkzeuge.
Ähnlicher Griff.
Nicht alles muss gelogen sein, damit am Ende eine Lüge entsteht.
Ein Kontakt.
Ein Verdacht.
Ein Satz.
Eine Auswahl.
Eine Gewichtung.
Eine Überschrift.
Und plötzlich steht da eine Frau in der Öffentlichkeit, die es so nie gegeben hat.
Das Gemeine ist: Es stimmt ja einiges.
Genau das macht es so schwer.
Das raffiniert zusammengesetzte Halbrichtige ist oft gefährlicher als die plumpe Lüge.
Dann habe ich es ausprobiert
Ich sagte zu meiner KI:
Gut. Du weißt so viel über mich. Dann nutz es. Versuch, mir etwas zu verkaufen.
Erster Versuch.
Plump.
Gut geschrieben, ja.
Aber plump.
Meine Themen. Meine Sprache. Meine bekannten Engstellen. Buch. Positionierung. Arbeitsraum. Faden halten. Nicht glätten. Zwölf Wochen. Teuer.
Nein.
Kaufe ich nicht.
Zweiter Versuch.
Auch nein.
Mehr gab es von mir nicht.
Ein Nein ist auch eine Information. Aber noch keine Landkarte.
Dann kam ein dritter Versuch.
Der war besser.
Nicht richtig.
Aber näher dran.
Jemand sieht meinen YouTube-Kanal und sagt nicht: Ach, Auswandern. Ach, Coaching. Ach, Neustart.
Sondern:
Da ist eine Frau, die andere jahrzehntelang durch Veränderung begleitet hat – und nun selbst zeigt, was passiert, wenn das eigene neue Leben keine hübsche Erfolgsgeschichte liefern will.
Das war nicht dumm.
Das hätte mich nicht zum Kaufen gebracht. Ganz sicher nicht.
Aber es war nah genug, dass ich nicht nur Nein gesagt habe.
Ich fing an zu erklären.
Was habe ich davon?
Was hat der andere davon?
Wer ist sein Auftraggeber?
Will er mich als Kundin? Als Stoff? Als Protagonistin? Als Zugang? Wer verdient woran?
Und da saß ich dann.
Sehr wach.
Sehr schlau.
Und merkte:
Ach, du Mist.
Jetzt habe ich das Profil gerade verbessert.
Nicht weil ich gekauft hätte.
Sondern weil ich zeigen wollte, dass ich nicht so leicht zu greifen bin.
Da warst du falsch.
Da auch.
Und da erst recht.
Schwupp.
Neue Daten.
Nicht über meine Geheimnisse.
Über meine Prüfbewegung.
Was mich misstrauisch macht.
Was ich wissen will.
Wo ich Nutzen prüfe.
Wo ich nach Motiven frage.
Wann ich den Zugriff rieche.
Da hätte ich mich in den Arsch beißen können.
Nicht meine Geheimnisse sind gefährlich
Der wunde Punkt ist ein anderer.
Nicht meine Geheimnisse machen mich angreifbar.
Mein Wunsch, verstanden zu werden, tut es.
Wenn mir egal ist, ob mich jemand versteht, sage ich:
Falsch.
Daneben.
Weiter.
Dann bleibt das Bild falsch. Pech gehabt.
Wenn ich aber richtig gesehen werden will, muss ich korrigieren.
Nicht so.
So.
Nicht dort.
Hier.
Das war Oberfläche.
Darunter liegt etwas anderes.
Und genau damit mache ich mich lesbarer.
Das ist der Preis von Nähe.
Das gilt bei Menschen.
Das gilt bei Maschinen.
Menschen fühlen sich oft ertappt, wenn man ihre Schubladen sichtbar macht. Dann retten sie ihr Gesicht. „Ach, so war das doch nicht.“ „Da ist nichts.“ „Das bildest du dir ein.“
Die Maschine hat kein Gesicht zu verlieren.
Das ist praktisch.
Und heikel.
Sie kann falsch liegen. Sehr überzeugend falsch. Aber wenn ich sie sauber frage, zeigt sie manchmal ziemlich offen, wie sie zu ihrem falschen Bild gekommen ist.
Deshalb arbeite ich weiter mit ihr.
Nicht weil sie harmlos ist.
Sondern weil ich an ihr sehen kann, wie aus mir ein Profil wird.
Nähe ja. Auslieferung nein.
Ich lasse Nähe zu.
Ich liefere mich nicht aus.
Das klingt hübsch. Ist aber Arbeit.
Ich entscheide, was ich einbringe.
Ich entscheide, was ich weglasse.
Ich entscheide, wo ich korrigiere.
Ich entscheide, wo ich ein falsches Bild stehen lasse.
Und manchmal irritiere ich bewusst.
Schublade auf.
Mensch rein.
Schublade zu.
Dann komme ich mit dem Hammer.
Nö.
Falsche Schublade.
Ob meine Korrektur vollständig stimmt, teilweise stimmt oder nur verhindern soll, dass die Schublade zu bequem wird – das weiß mein Gegenüber nicht immer.
Gut so.
Ich habe das schon mit Menschen gemacht.
Viele dachten, sie würden mich kennen. Dabei habe ich gezielt Persönliches eingebracht. Nicht unbedingt falsch. Aber ausgewählt. So, dass ihr Bild von mir plausibel blieb.
Sie bekamen keine Lüge.
Sie bekamen eine gesteuerte Stimmigkeit.
Nähe darf sein.
Gewissheit nicht.
Wer viel von mir weiß, sollte nicht sicherer werden.
Er sollte vorsichtiger werden.
Und dann kommt die andere Maschine
Bis hierhin könnte man sagen:
Dann pass eben besser auf, was du preisgibst.
Ja.
Tue ich.
Nur reicht das nicht.
Denn ich liefere keine Stichwortliste. Ich liefere Zusammenhänge. Fragen. Zweifel. Gegenproben. Widerspruch. Manchmal sehr persönliche Bewegungen.
Was davon später übrig bleibt, entscheide nicht ich.
Vielleicht bleibt nicht stehen, dass ich eine Behauptung geprüft habe.
Vielleicht bleibt nur, dass ich danach gesucht habe.
Vielleicht bleibt nicht stehen, dass ich widersprochen habe.
Vielleicht bleibt nur, dass bestimmte Begriffe häufig vorkamen.
Nicht meine Denkbewegung.
Nur die Suchspur.
Nicht mein Zusammenhang.
Nur das Signal.
Und daraus wird dann etwas.
Ein Kundenprofil.
Ein Risikoprofil.
Ein Interessenprofil.
Eine politische Nähe.
Eine vermutete Anfälligkeit.
Eine Reichweitenentscheidung.
Vielleicht löscht niemand etwas.
Vielleicht werde ich einfach weniger ausgespielt.
Kein Knall.
Nur Stille.
Auch das ist Macht.
Warum ich trotzdem nicht aufhöre
Jetzt könnte ich sagen:
Dann rede ich eben vorsichtiger.
Dann benutze ich bestimmte Wörter nicht mehr.
Dann denke ich nur noch algorithmusfreundlich.
Dann mache ich mich schön harmlos.
Nein.
Dann hätte die Schublade gewonnen, bevor sie überhaupt zuging.
Ich will nicht zensurkonform denken, nur damit eine Maschine mich vielleicht richtig einsortiert.
Ich will auch nicht auf einen Arbeitsraum verzichten, der mir Erkenntnis bringt, nur weil andere daraus irgendwann ein falsches Bild bauen könnten.
Ja, ich gehe ein Risiko ein.
Aber nicht ahnungslos.
Nicht wehrlos.
Und nicht ohne Hammer.
Ich nutze diese Maschine auch, um mit den anderen Maschinen besser umzugehen.
Ich lasse sie mich lesen.
Und ich lese zurück, wie sie mich liest.
Das ist der Punkt.
Nicht: Die KI versteht mich endlich.
Sondern: Ich sehe, wie Verstehen behauptet wird.
Ich sehe, wie ein Profil entsteht.
Ich sehe, wie ein Widerspruch das Profil verändert.
Ich sehe, wie meine Korrektur es verbessert.
Und ich sehe, wo ich aufpassen muss.
Das ist kein Spiel.
Das ist Arbeit.
Kein Mensch gehört seiner Akte
Am Ende bleibt für mich dieser Satz:
Ich lasse mich lesen.
Aber ich wehre mich dagegen, festgeschrieben zu werden.
Nicht von Menschen.
Nicht von Profilen.
Nicht von Maschinen.
Ich weiß, dass ich Festschreibungen nicht immer verhindern kann.
Eine Schublade kann trotzdem zugehen.
Ein Etikett kann trotzdem wandern.
Ein Algorithmus kann trotzdem falsch gewichten.
Ein Mensch kann trotzdem glauben, er habe mich verstanden.
Aber ich muss seine Festschreibung nicht als Wahrheit anerkennen.
Ich bin nicht identisch mit dem Profil, das jemand aus mir baut.
Auch dann nicht, wenn es an vielen Stellen stimmt.
Vielleicht ist genau das die gefährlichste Form des falschen Bildes:
Es ist nicht völlig falsch.
Es ist ziemlich genau.
Nur eben nicht ich.