
Servicekräfte auf der Suche nach ihrem Sinn – Geschichten aus Absurdistan (Nordzypern)
Im Innenministerium roch es nach Staub, Angst und abgestandenem Kaffee.
Birgit hielt ihre Papiere, als könnten sie sie retten. Der Beamte hinter dem Schreibtisch war zu klein für die Macht, die er sich nahm. Heute wollte er Nordzypern retten – mit Formular 47B. Keine Gnade, keine Ausnahmen. Er hatte wohl schlecht gefrühstückt.

Leider für Birgit existenziell. Die unsichere Gesetzeslage wurde zu seinem Vorteil ausgelegt – sie hatte keine Chance.
Als wir wieder draußen waren, sagte sie nur: „Ich hab alles versucht.“
Ich nickte. Mehr ging nicht.
„Kaffee?“, fragte ich.
„Kaffee.“
Vom Innenministerium ins Kaffeetheater
Please wait to be seated, stand am Eingang des neuen Cafés Kollektiv.
Wir warteten nicht. Worauf auch?
Vier Kellner, fünf Uniformen, schick in den Farben des Logos. Zwei Aschenbecher – einer davon unterwegs.
„Karte?“, fragte ich.
„QR-Code.“
„Internet?“
„Sometimes.“
Es war sometimes. Das WLAN zitterte, die Seite blieb schwarz.
Birgit suchte Bagel mit Käse.
„Inside or outside?“
„I don’t know“, sagte die Kellnerin, freundlich ratlos. „You can see at counter.“
Sie ging mit. Ich blieb und sah dem WLAN beim Sterben zu.
Als sie zurückkam, hatte sie entschieden.
Ich nahm den Bananenkuchen – golden, teuer, emotional überbacken.
Wir zündeten an. Kein Aschenbecher.
Die Bedienung versprach, einen echten zu suchen, verschwand.
Der Nachbar half aus: eine Untertasse mit Patina.
Der Kaffee kam später – kalt. Der Aschenbecher hatte sich zu tief versteckt.
Der Kuchen kam früher. Vielleicht war’s umgekehrt.
Der Kaffee war verbrannt, vielleicht sollte die „besondere Mischung vom Hochland XY“ so schmecken.
Der Kuchen war gut, fast erinnerter Standard – fast. Aber man nimmt, was so hochgelobt wird.
Balance.
Neben uns redeten Kryptobrüder laut über ihre Millionen.
Zwei Tische weiter führte eine hochtätowierte Gruppe junger Zyprioten ein Facebook-Gespräch – mit echten, nachgemachten Sneakers und extra freigelegten Körpergemälden.
Jeder vertieft in sein Handy.
Dazwischen die Kellner, die Säule, der Sektkübel.
Letzterer gefüllt mit kaltem Restkaffee, flankiert von leeren Tassen, die auf ihren Lift in die Küche warteten.
Ein stilles Ballett: heben, abräumen, wegrennen, vergessen. Oder einfach leer blicken.
Der Aschenbecher kam. Leer.
Die Untertasse blieb. Voll. Daneben. Stehenbleibend.
Wir lachten.
Nicht, weil es komisch war, sondern weil es wahr war.
Weil derselbe Unsinn, der uns vormittags fast zerdrückt hatte, jetzt in Slow Motion tanzte –
und wir mittendrin saßen, zwei Frauen, die den Sinn noch kannten,
aber ihn an diesem Tag nicht brauchten.
Großes Kino. Wirklichkeit aus der Loge betrachtet.
Draußen Meer.
Birgit: „Und jetzt?“
Ich: „Ich glaube, unsere Bauchmuskeln hatten genug Ersatzsport.“
Sie nickte.
Der Wind roch nach Kaffee, nach Rauch und nach einem Rest Würde, der noch nicht aufgegeben hatte.
Wenn Service zur Kulisse wird
Drinnen blieb es halbleer.
Die Kryptobrüder redeten sich wichtig, andere tippten in ihre Telefone, als könnten sie das Gespräch dort besser führen als mit dem Menschen gegenüber.
Keiner schien zu merken, dass Service hier ein Deko-Wort war.
Entweder kam nichts oder es wurde zu früh weggeräumt – beides mit derselben Konsequenz: leerer Raum, leere Tassen, leere Kasse.
Und wie überall auf der Insel gilt die Gleichung:
Wenn der Umsatz nicht stimmt, wird der Preis erhöht.
Das ist dann die lokale Variante von Logik.
Vielleicht müsste jemand mal einen Workshop geben: Was heißt Dienst?
Nicht als Esoterik, sondern als ganz schlichte Ablaufsteuerung.
Wie wär’s mit: zuhören, bringen, lächeln, stehen lassen?
Aber das wäre vermutlich schon zu viel Struktur für Absurdistan.
Vielleicht ist einfach die Bedeutung des Lebens verloren gegangen –
im Blinken der Charts, im Scrollen der Feeds.
Der neue Halt im Leben? Scrollen. Abhaken.


Dagmar Thiel: Neustart mit 50+ – geschrieben für Frauen, die nicht mehr durchhalten, nur auswandern, sondern wirklich ankommen wollen. Mit Würde. Mit Widerspruch. Und mit dem Mut, es trotzdem zu machen.
