
Wenn Halten fehlt: Warum viele Coaching-Formate retraumatisieren
Schneller. Höher. Authentischer.
Endlich wieder du selbst sein.
Raus aus der Komfortzone, rein ins neue Ich.
Derzeit wird viel propagiert, was nach Heilung klingt –
und oft nichts anderes ist als eine neue Form des Funktionierens.
Nur eben auf der emotionalen Ebene.
Viele Menschen greifen danach.
Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Not.
Weil sie den Halt verloren haben – äußerlich, innerlich, gesellschaftlich.
Und weil in Bewegung zu bleiben sicherer scheint,
als das zu spüren, was wirklich da ist.
Aber genau darin liegt die Gefahr.
Was ist Traumatisierung – wirklich?
Traumatisierung ist kein Gefühl.
Und kein Etikett, das man sich zulegt, wenn’s mal schwer war.
Traumatisierung ist eine Überlebensreaktion des Nervensystems,
wenn ein Erlebnis zu viel, zu schnell, zu haltlos war –
und niemand da, der gehalten hat.
Wenn weder Flucht noch Kampf möglich sind,
schaltet der Körper in einen Notzustand.
Totstellen.
Weitermachen – aber nicht mehr vollständig da sein.
Das bleibt im System.
Und irgendwann – oft Jahrzehnte später – reicht ein Satz, ein Tonfall,
ein „Coaching-Impuls“
und das Alte springt wieder an.
Warum das heute so brisant ist
Schlimme Erfahrungen gab es immer.
Aber heute leben wir in einer Zeit,
in der die kollektive Unsicherheit jeden Einzelnen mittriggert.
– Krieg, Pandemie, gesellschaftliche Spaltung
– Digitalisierung, Dauerinput, KI
– Kein echtes Außen mehr, das stabilisiert
Wir sind dauernd im Alarm.
Viele sind erschöpft, dünnhäutig, fragmentiert –
selbst wenn sie es nicht wissen.
Und genau in dieser Zeit werden sie
mit „Entwicklung“, „Transformation“ und „authentischem Wachstum“ angesprochen.
Das klingt gut.
Aber es ist gefährlich.
Wenn Coaches öffnen – und niemand hält
Coaching, das aufbrechen will, ohne zu halten,
kann retraumatisieren.
Wenn der Mensch im inneren Freeze ist,
ist jede Form von „Aktivierung“ ein Angriff.
Wenn jemand sich gerade noch aufrecht hält,
und dann in einem Prozess in tieferes Spüren geführt wird,
ohne Halt, ohne Zeit, ohne echtes Gegenüber –
dann kann das mehr zerstören als helfen.
Viele Coaches meinen es gut.
Aber sie sind selbst nicht geerdet.
Sie verwechseln „emotional sein“ mit „halten können“.
Sie überfordern, weil sie ihre eigene Ohnmacht nicht spüren wollen.
Was halten heißt – und was nicht
Halten heißt nicht:
– regulieren
– beruhigen
– reparieren
– motivieren
– sehen wollen
Halten heißt:
– bleiben, auch wenn es unordentlich wird
– nicht eingreifen, wenn es still wird
– nicht wirken wollen, wenn das System kämpft
Halten ist kein Konzept.
Es ist eine Haltung.
Und manchmal das Einzige, was einen Menschen davon abhält,
erneut zu zerbrechen.
Aber was heißt das – konkret?
Halten heißt nicht:
daneben sitzen und warten, ob etwas passiert.
Halten heißt:
im Kontakt bleiben,
während beim Gegenüber das System kippt.
Wenn die Tränen kommen.
Wenn Wut auftaucht.
Wenn jemand sprachlos wird.
Wenn jemand abtaucht –
körperlich da, aber innerlich weg.
Dann beginnt Halten.
Nicht: „Ich bin ja da.“
Sondern:
Ich bin mit dir in Verbindung.
Mit meinem Körper.
Mit meinem Nervensystem.
Mit meiner Präsenz.
Und mit dem Wissen, was zu tun ist, wenn der Damm bricht.
Halten braucht mehr als Herz.
Es braucht:
– Wissen über Trauma
– Fähigkeit zur Co-Regulation
– Umgang mit der eigenen Hilflosigkeit
– Klarheit darüber, was zu viel ist – auch für mich
Wer das nicht kann,
rutscht ins Retten, ins Wegcoachen, ins „Wir schaffen das“.
Aber das ist kein Halten.
Das ist Flucht in schön.
Ein offener Schluss
Coaching in dieser Zeit braucht kein neues Versprechen.
Es braucht ein anderes Bewusstsein.
Nicht jeder Mensch, der in einer Krise ist, braucht Therapie.
Aber jeder Mensch, der gerade in einem offenen Zustand ist,
braucht jemanden,
der bleibt.
Echt bleibt.
Nicht als Konzept. Nicht als Pose.
Sondern mit allem, was das bedeutet.
Bleiben ist keine Methode.
Es ist eine Zumutung.
Für beide Seiten.
Aber manchmal die einzige, die trägt.

Dagmar Thiel: Neustart mit 50+ – geschrieben für Frauen, die nicht mehr durchhalten, nur auswandern, sondern wirklich ankommen wollen. Mit Würde. Mit Widerspruch. Und mit dem Mut, es trotzdem zu machen.
