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Wenn Algorithmen unser Leben bestimmen

Frau verpixelt, nicht ausgewählt

Wenn Zahlen unser Leben bestimmen – und Algorithmen unser Leben sortieren

Der Hase rennt.
Nicht, weil er will – sondern weil er glaubt, er müsse.
Weil irgendwo am Horizont eine Fahne weht. Mit einem Logo drauf. Vielleicht LinkedIn. Vielleicht das Leben.

Links hebt ein Igel den Kopf und ruft: „Knack den Code!“
Rechts grinst sein Bruder aus dem Busch: „Streng dich an!“
Der Hase rennt weiter. Immer weiter. Denn er will gesehen werden.


Willkommen im Systemspiel

Algorithmen entscheiden heute, ob du zählst. Ob dein Beitrag gezeigt wird. Ob dein Alter durchgeht. Ob du durch das Raster fällst – oder eben nicht.

Und wir? Wir machen mit. Kommentieren, posten, verlinken.
Sagen: „Ich baue mir Reichweite auf.“
Dabei sind wir längst Teil eines Spiels, dessen Regeln sich laufend verändern – ohne dass wir je mitentscheiden.

Und das Gemeinste ist: Es fühlt sich oft sogar gut an.
Weil es uns die Illusion von Selbstwirksamkeit gibt.


Wenn Bewertung existenziell wird

Für Frauen über 50 ist das kein Spiel.
Wenn dein Lebenslauf irgendwo eine Fünf vorne trägt, wirst du nicht einfach nur übersehen – du wirst aussortiert, bevor du überhaupt auftauchst.

Relevanz wird dann zur Notwendigkeit.
Denn ohne sie keine Chance. Kein Platz. Kein Raum. Kein Gespräch.
Und gleichzeitig heißt es: „Sei authentisch!“ – „Bleib du selbst!“ – „Finde deine Nische!“

Wie denn? In einem System, das sich selbst nicht hinterfragt?


Die neue Coaching-Mär: Panzerknacken als Dienstleistung

Kaum zuckt dein digitales Profil minimal – flattern sie rein:
Die Nachrichten, Kurse, Webinare: „Ich zeige dir, wie du den Algorithmus knackst.“
„Relevanz ist kein Zufall – sie ist Strategie!“

Und während du noch atmest, analysieren andere schon deine Performance.
Der Markt erkennt deinen Wunsch – und verkauft dir den passenden Käfig.

Dabei ahnst du längst: Das Ziel verschiebt sich mit jeder Runde.
Der Algorithmus verändert sich. Der Kurs ist immer der neueste. Der Hase rennt.


Und KI?

Ein geniales Tool. Keine Frage.
Aber auch ein System, das Wahrnehmung umformt.
Das mit entscheidet, was sichtbar ist – und was nicht.
Und das mit jeder Antwort ein Stück mehr das prägt, was als „wichtig“ gilt.

Wir feiern die Effizienz. Den Fortschritt. Das, was „uns das Leben leichter macht“.
Aber kaum jemand fragt: Was verlieren wir gerade dabei?


Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur:
Ich bin mittendrin.
Ich sehe, wie schnell wir lernen, das alles normal zu finden.
Wie bereitwillig wir uns einfügen. Uns selbst erklären, dass es so eben sei.

Und ich frage mich:

Gibt’s da draußen eigentlich noch jemanden, der nicht mehr mitrennt – und trotzdem zählt?

Was wäre Relevanz, wenn keiner mehr dafür rennen muss?


Dagmar Thiel | Februar 2026

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