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Weihnachtsmärkte hier und dort

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Weihnachtsmarkt

Warum Weihnachtsmärkte hier blühen – und in Deutschland sterben

Heute Morgen stand ich wieder im Meer. Leicht kühl, aber hell, sonnig, fast sommerlich. Und trotzdem taucht überall Weihnachten auf. Aber auf diese typisch nordzypriotische Art:
Plastiktannenbäume, bunte Lichter, Häkeldecken, improvisierte Stände, Dinge, die überhaupt nicht zusammenpassen – und mittendrin: Menschen, die sich treffen.

Und genau darin steckt etwas, das ich kaum noch aus Deutschland kenne.

Weihnachtsmarkt.

Oder besser: ein Ort, an dem Menschen sich einfach begegnen dürfen.


Hier entstehen Märkte – nicht, weil alles perfekt ist, sondern weil die Menschen Räume schaffen

In Nordzypern war anfangs kaum etwas weihnachtlich. Ein paar Expats haben angefangen. Dann zwei Stände mehr. Dann die ersten zypriotischen Familien, die es einfach übernommen haben, weil „Weihnachtsmarkt“ ein schönes Wort ist.
Mittlerweile schießen sie aus jeder Ecke:

– improvisiert
– chaotisch
– plastisch
– und irgendwie rührend

Es passt oft überhaupt nicht zusammen.
Aber es funktioniert, weil der Kern stimmt:

Menschen wollen sich begegnen.

Es geht nicht um Echtheit, Tradition oder Perfektion.
Hier ist Weihnachten kein religiöses Fest – sondern ein Anlass, sich als Gemeinschaft zu erleben.
Interkulturell.
Durchmischt.
Wohlwollend.


In Deutschland dagegen werden Räume bewusst kleiner gemacht

Und das tut weh, selbst von außen.

Denn was ich aus Deutschland höre, klingt seit Jahren gleich:
Weihnachtsmärkte werden abgesagt.
Verteuert.
Reglementiert.
Eingezäunt.
Überwacht.
Oder so kompliziert gemacht, dass Standbetreiber irgendwann sagen:
„Das lohnt sich nicht mehr.“

Die Begründungen wechseln:
Kosten, Sicherheit, Auflagen, Personalmangel.

Doch das Ergebnis ist immer dasselbe:

Ein öffentlicher Raum weniger. Ein Begegnungsraum weniger.
Ein Stück „Wir“ weniger.

Und ja – ich sage es deutlich:
In vielen Städten wird Angst inzwischen politisch mitverwalten.
Angst als Steuerungsmittel.
Angst als Begründung, warum man Plätze schließt, Märkte reduziert, Menschen fernhält.
Angst vor Konflikten, vor Zwischenfällen,
auch vor Spannungen mit noch nicht integrierten Zuwanderern.


Und genau an dieser Stelle meldet Paul sich natürlich zu Wort.

„Sag mal, Dagmar…“
Paul schiebt seinen rosagrauen Kopf zwischen die Gedanken.
„Du weißt schon, dass du hier gerade kurz davor bist, eine ganze Nation auf den Arm zu nehmen?“

„Nein, Paul. Ich nehme niemanden auf den Arm.“

„Doch… ein bisschen schon. Aber auf die liebevolle Weise. Auf die: ‘Hallo Deutschland, ich hab euch durchschaut’-Weise.“

Ich muss lachen. Weil er Recht hat.
Nicht im Vorwurf — sondern in der Klarheit:

„Paul, ich beschreibe nur, was fehlt.“
„Ja, ja“, sagt er. „Aber du beschreibst es mit sehr spitzen Fingern.“
„Weil es weh tut.“
„Dann sag das so.“
„Es tut weh.“
Paul nickt zufrieden.
„Geht doch.“


Hier nimmt man sich den Raum einfach wieder

Und das ist der größte Unterschied.

Hier sagt niemand:
„Ist das genehmigt?“
„Ist das sicher?“
„Darf man das?“
„Ist das kulturell korrekt?“

Hier stellt man einen Plastiktannenbaum hin, hängt irgendwas daran,
stellt einen Tisch auf, gießt warmen Rotwein aus einer Kanne und nennt es Weihnachten.

Weil es darum gar nicht geht.

Es geht darum, dass Menschen sich wieder sehen.
Reden.
Austauschen.
Lachen.

Und in genau diesem Chaos – Häkeldecken neben Plastikbaum neben improvisiertem Stand – passiert plötzlich etwas Echtes.


Deutschland verliert Räume, die hier einfach entstehen

Ich sage nicht, dass alles früher besser war.
Ich sage auch nicht, dass jede Entscheidung falsch ist.

Ich sage nur:

Ein Volk, das seine Begegnungsräume verliert, verliert einen Teil von sich.

Weihnachtsmärkte waren nie nur Buden.
Sie waren:

– Atempausen im Winter
– Wärme in der Kälte
– uninstruiertes Miteinander
– ein Ort, an dem niemand perfekt sein musste
– spontane Nähe
– sozialer Kitt

Und wenn diese Räume verschwinden, bleibt etwas Leeres zurück.

Hier ist es anders:
Hier entstehen Räume, weil Menschen sie brauchen.

Dort verschwinden Räume, weil sie politisch und strukturell kleiner gemacht werden.


Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied

Nicht Plastik gegen Echtheit.
Nicht Kultur gegen Nicht-Kultur.
Nicht Glühwein gegen Malt Wine.

Sondern:

Hier entsteht Begegnung – egal wie schräg der Rahmen ist.
In Deutschland wird Begegnung systematisch kleiner.

Und wenn man das einmal von außen sieht, lässt es einen nicht mehr los.

Denn das, was hier blüht, ist nicht Weihnachten.
Es ist Gemeinschaft.

Und das, was in Deutschland stirbt, ist nicht der Weihnachtsmarkt.
Es ist der Raum, in dem Menschen sich noch trauen, einander zu begegnen.

Keiner Nachsatz bei 22°C:

Und irgendwo zwischen Plastikbaum und warmem Meer raunt Laydie leise:
„Es ist nie der Zauber, der verschwindet.
Es ist nur der Raum, in dem er landen darf.“

Und ich höre mich antworten, fast flüsternd in den Wind:
„Und weißt du was, Laydie?
Diesen Raum schaffe ich mir hier selbst.
Auf meiner Dachterrasse, mit echtem Glühwein und Kinderpunsch,
auch wenn ich Nikolaus-Mützen, Jingle-Bells und diese albernen Elchhörner hasse.
Mir egal.
Wir tanzen dann einfach beim Sonnenuntergang.
Weil der Zauber dorthin kommt, wo wir ihn lassen.“

Und ehrlich, nach dem 3. Hühühwin geht auch jingle bells, auch wenn‘s mit dem Schnee, den leisen hapert.

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