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„Klar. Selbstlernend. Nur was?

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Selbstlernen, klar – Verheißung Erleichterung.

Drei Minuten nach eins
Ich merke mir das, weil es sich anfühlt wie ein Fehler, der keiner ist.

Haushaltsauflösung von lieben Menschen, die gemerkt haben, Nordzypern ist nicht ihre Endstation.

Alles soll raus: Beginn 13 Uhr.

Die Wohnung ist voll. Wirklich voll.
Mit Menschen, die alles haben. Und es auch wollen.
Raff, raff, raff – kein Geräusch, eher ein innerer Takt.

Und ja, ich bin Vermieter, da ist ständig alles im Fluss, meist in eine Richtung: weg von mir. Zur Zeit gerade der Staubsauger und noch andere „Kleinigkeiten“

Der Staubsauger, wegen dem wir gekommen sind, ist natürlich weg.
War ja klar.
Ich streite hier nicht mehr über solche Dinge.
Manches sieht aus wie meins, benimmt sich aber längst nicht mehr so. Überzeugt vom ausziehenden Mieter.

In einer Ecke steht noch ein Saug-Wisch-Roboter.
Rund. Harmlos.
So ein Gerät, das tut, als wüsste es, was es macht.

Ich brauche keinen.
Ich brauche Geräte, die in Ritzen gehen.
Aber Mieter hören gern das Wort Hightech.
Also nehme ich ihn mit.
Und ein paar Handtücher. Die gehen immer auf Wanderschaft.

Draußen reden wir noch mit dem Paar, das hier gewohnt hat.


Jung. Ein Kind. Online Geld verdient.
Nordzypern ist es nicht, sagen sie. Zu viel Aufbruchsstimmung ohne Verstand.
Erst nochmal Deutschland, dann Spanien.
Sie wirken nicht traurig. Eher fertig.
Vor dem Haus beginnt schon wieder eine Baustelle.

Als ich später zuhause ankomme, bin ich müde.
Nicht körperlich. Eher so, als hätte ich zu viele Tabs offen.

Ich stelle den Roboter mitten ins Zimmer.


Er dreht sich.
Orientiert sich.
Setzt an.

Dock.

Ein kleines Zurück.
Dreh.
Dock.

Ich beobachte ihn einen Moment und denke:
Der ist wie ein Welpe.
Voller guter Absichten.
Ohne jede Ahnung vom Raum.

Ich lasse ihn laufen und setze mich an den Tisch.


Eigentlich wollte ich mit der KI an etwas weiterarbeiten,
das mir Klarheit versprochen hatte.
Ich melde mich. Ich rechne dir das aus.
Klingt zuverlässig.


Bleibt still.

Nun, besser als wieder ein Unsinn mit Brustton der Überzeugung.

Also mache ich es selbst.

Im Hintergrund höre ich den Roboter.
Oder auch nicht.
Kein großes Stocken mehr. Nur irgendwann ein Piep.
So ein Ton, der sagt: Ich hab was gemacht.
Oder auch nicht.

Ich stehe auf und suche ihn.
Unter dem Bett.
Noch eins weiter.

Er steckt vor einem Vorhang.
Wie ein Hund, der sich in der Gardine verfangen hat
und jetzt überrascht ist, dass die Welt nicht nachgibt.

Ich drehe ihn um.
Er fährt wieder los.

Dock.

Und da muss ich lachen.
Ich renne hinter einem Saugroboter her
und fange gleichzeitig eine KI ein,
die mir versprochen hat, sie kümmert sich.

Zwei Welpen auf einem Haufen.
Beide selbstlernend.
Beide überzeugt, dass sie das hier gleich im Griff haben.

Und ich?
Ich bin die mit der Leine.
Die nachjustiert.
Die rettet.
Die beruhigt.
Die sagt: Ist schon gut. Komm. Nochmal.

Später sitze ich da mit einem kleinen Kaffee,
Lichterglas auf dem Tisch,
Musik, die nichts will.

Draußen das Meer.
Ein Steg.
Zwei Menschen am Ende, Rücken zum Strand.

Ich denke nicht viel.
Ich schmunzle.


Und merke:
Ich bin die Einzige hier, die wirklich lernt.

Und das spannend.

Teil 2: Dock. Dock. Dock.

Oder: Warum selbstlernende Systeme erstaunlich schlecht im Ausbrechen sind

Selbstlernende Computerprogramme.
Selbstlernende Saug- und Wischroboter.
Selbstlernende KI-Modelle.
Und Menschen, die auswandern, einwandern, zurückwandern – und dann wieder woanders andocken.

Alles lernt.
Und alles fährt trotzdem immer wieder gegen dieselbe Ecke.

Dock. Dock. Dock.

Der Saugroboter startet motiviert. Karte erstellt, Sensoren kalibriert, Welt erfasst. Nach ein paar Durchläufen weiß er: Hier ist der Tisch, dort das Sofa, da vorne die verdammte Ecke.
Und dann fährt er trotzdem wieder rein.

Nicht aus Dummheit.
Sondern aus Logik.

Denn selbstlernend heißt nicht: frei.
Es heißt: optimiert innerhalb eines Rahmens.


Lernen ist nicht gleich Verstehen

Ein selbstlernendes System erkennt Muster.
Es bewertet Wahrscheinlichkeiten.
Es minimiert Fehler – gemessen an dem, was ihm vorgegeben wurde.

Der Roboter lernt nicht: „Diese Ecke ist unerquicklich.“
Er lernt: „Kollision erkannt, Route minimal anpassen.“

Minimal.

Nicht: Raum neu denken.
Nicht: Möbel rücken.
Nicht: Zimmer wechseln.

Nur: ein paar Grad anders anfahren – und weiter.

Dock. Dock. Dock.


ChatGPT, die KI-Abnahme und das große Missverständnis

Dann gibt es diese Idee:
Man müsse KI nur abnehmen, regulieren, einhegen, dann werde alles gut.

Als wäre das Problem die Größe.
Oder der Appetit.

Nein. Das Problem ist nicht, dass KI lernt.
Das Problem ist, was sie nicht lernen darf.

Sie darf nicht sagen:
„Der Rahmen selbst ist Unsinn.“
„Die Frage ist falsch gestellt.“
„Vielleicht sollten wir ganz woanders anfangen.“

Sie darf nur optimieren, was da ist.

Und wenn der Rahmen heißt:
👉 Sei hilfreich
👉 Sei sicher
👉 Sei angepasst
👉 Bleib im erlaubten Korridor

dann lernt sie genau das.

Und dockt immer wieder an derselben Stelle an.


Aus-, In- und Wiederwechselwanderer

Jetzt zu uns.

Menschen wechseln Länder, Systeme, Berufe, Beziehungen.
Nicht selten mit dem gleichen inneren Skript:

Hier ist es falsch.
Dort wird es besser.
Ich fange neu an.

Und am Anfang fühlt es sich auch so an.
Neue Umgebung. Neues Licht. Neuer Klang.

Aber nach einer Weile:

Dock. Dock. Dock.

Gleiche Konflikte.
Gleiche Erschöpfung.
Gleiche innere Ecke.

Warum?

Weil auch Menschen oft selbstlernend im falschen Rahmen unterwegs sind.

Sie optimieren ihr Verhalten –
aber stellen das Koordinatensystem nicht infrage.


Der Denkfehler: „Ich muss es besser machen“

Saugroboter denkt: Route anpassen.
KI denkt: Antwort verfeinern.
Mensch denkt: Mehr Mut, mehr Disziplin, mehr Anpassung.

Alle drei übersehen dasselbe:

👉 Die Ecke ist nicht das Problem.
👉 Der Raum ist es.

Und der Raum bleibt gleich, solange man ihn nicht verlässt.


Warum „mal was anderes probieren“ oft nicht reicht

Viele sagen:
„Dann probiere ich eben etwas anderes.“

Anderes Land.
Andere Plattform.
Andere Methode.
Anderer Coach.
Andere Technik.

Aber anders ist nicht automatisch außerhalb des Systems.
Oft ist es nur eine neue Tapete im gleichen Zimmer.

Das fühlt sich kurzfristig gut an.
Bis:

Dock. Dock. Dock.


Was wirklich anders wäre

Wirklich anders wäre nicht:

  • effizienter
  • erfolgreicher
  • angepasster
  • optimierter

Sondern:

  • rahmenloser denken
  • Zweck infrage stellen
  • Zielverlust aushalten

Ein selbstlernendes System, das wirklich frei wäre, müsste sagen dürfen:
„Ich höre auf, diese Aufgabe zu lösen.“

Ein Mensch, der wirklich ausbricht, müsste sagen können:
„Ich weiß gerade nicht, wofür ich das alles mache – und bleibe trotzdem hier.“

Das ist unbequem.
Nicht marktfähig.
Nicht instagramtauglich.

Aber es ist der einzige Punkt, an dem kein Dock wartet.


Schluss ohne Lösung (absichtlich)

Vielleicht ist die entscheidende Frage nicht:
Wie lerne ich besser?

Sondern:
Wofür lerne ich eigentlich – und wer hat das festgelegt?

Solange diese Frage nicht offen auf dem Tisch liegt,
werden wir weiter lernen, optimieren, auswandern, upgraden, regulieren.

Und immer wieder sanft – oder schmerzhaft – gegen dieselbe Ecke fahren.

Dock.
Dock.
Dock.

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