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„Ich bin nicht mutig genug“

Frau am stürmischen Strand überlegend. Neustart50

Wahrheit? Oder nur der beste Vorwand

Ich habe neulich über diesen langen inneren Weg geschrieben, bis irgendwann der Punkt kommt, an dem eine Frau nicht mehr sagt: Ich halte das noch aus. Sondern: Es reicht. Schluss. So nicht mehr.

Darauf kamen schöne Rückmeldungen.

Über diese stillen inneren Prozesse.
Über das lange Arbeiten in einem, bis irgendwann etwas kippt.

Und natürlich kamen auch wieder diese Sätze:

Du bist aber mutig.
So mutig wäre ich nicht.

Und ich saß davor und dachte: Nee.

Nicht, weil ich das nett Gemeinte nicht erkenne.
Sondern weil dieses Wort so viel kaputtmacht.

„Mut“ klingt gut.
Fast immer.

Es klingt nach Stärke.
Nach Entwicklung.
Nach einer Frau, die ihr Leben in die Hand nimmt.
Nach einem dieser Begriffe, die sofort in dieselbe Ecke rutschen wie authentisch, selbstbestimmt, klar, erfolgreich.

Also in die große Abteilung von allem, was Frau heute bitteschön auch noch sein soll.

Und genau deshalb ist das Wort so praktisch.
Es klingt nach Anerkennung.
Ist aber oft nur ein sehr gut gekleideter Maßstab.

Denn wenn ich höre: Du bist mutig, höre ich oft gleich mit:

So sollte man wohl sein.
So sollte Frau wohl sein.
Und wenn ich das nicht bin, dann fehlt mir eben etwas.

Dann ist wieder alles sauber sortiert.

Die eine ist mutig.
Die andere eben nicht.
Die eine geht.
Die andere bleibt.
Die eine kann das.
Die andere nicht.

Und schon muss niemand mehr genauer hinschauen.
Nicht bei mir.
Und nicht bei sich selbst.

Der mutige Teil war viel früher

Denn mit 64 auszuwandern war nicht der mutige Teil.

Der mutige Teil war viel früher.
Und ehrlich gesagt war er weder schön noch heldenhaft.

Der mutige Teil war, bestimmte Gedanken überhaupt an mich heranzulassen.
In den Momenten, in denen ich nicht mehr wegfühlen wollte, dass etwas nicht mehr stimmt.

Wie wäre es, wenn ich in Deutschland bleibe?
Wie wäre es, wenn ich in dieser Arbeitsstelle bleibe?
Wie wäre es, wenn ich in diesem Alter kündige?
Wie wäre es, wenn ich Deutschland wirklich den Rücken kehre?

Nicht als nettes Gedankenspiel.
Nicht als hübsche Idee beim Kaffee.

Sondern so, dass es weh tut.
So, dass die Gefühle mit auf den Tisch kommen.

Die Angst.
Die Trauer.
Die Wut.
Die Verzweiflung.

Und diese ganzen alten Sätze, die man längst entsorgt glaubte und die trotzdem noch geschniegelt im Türrahmen stehen:

Das kannst du doch nicht machen.
In deinem Alter erst recht nicht.
Sei vernünftig.
Andere halten auch durch.
Jetzt reiß dich mal zusammen.

Was hinterher niemand sieht

Das ist der Punkt, über den so gern hinweggeredet wird.

Hinterher sieht man den Koffer.
Die Kündigung.
Den Umzug.
Den sichtbaren Schritt.

Und dann heißt es: mutig.

Aber was man nicht sieht, ist dieser lange, unerquicklich ehrliche innere Weg davor.

Dieses Durchdenken.
Dieses Durchfühlen.
Dieses Durchspielen.

Nicht nur: Was würde passieren?
Sondern auch: Was macht das mit mir, wenn ich diesen Gedanken nicht sofort wieder in den Keller sperre?

Genau da wird es ja unerquicklich.

Weil dann nicht nur Möglichkeiten auftauchen.
Sondern auch alles, was gegen sie aufsteht.

Ängste.
Loyalitäten.
Schuldgefühle.
Katastrophenphantasien.
Verrückte Glaubenssätze.
Alte Verbote.

Und manchmal die sehr unangenehme Wahrnehmung, dass man sich in einem Leben eingerichtet hat, das längst zu eng geworden ist.

Der Denkfehler mit dem Mut

Vielleicht ist das der eigentliche Denkfehler beim Mut.

Als müsste eine Frau erst eine Eigenschaft entwickeln, bevor sie sich verändern darf.
Als müsste sie erst mutig genug werden, um ihr eigenes Leben ernst zu nehmen.

Ich glaube, das ist Unsinn.

Nicht, weil Veränderung leicht wäre.
Ist sie nicht.

Sondern weil das Gerede über Mut oft genau das verdeckt, worum es eigentlich geht.

Es verschiebt alles auf den großen äußeren Schritt.
Und macht unsichtbar, dass der eigentliche Prozess viel früher beginnt.

Nicht im Gehen.
Sondern im Wahrnehmen.

Nicht im Kündigen.
Sondern darin, einen Gedanken nicht sofort wieder abzuwürgen.

Nicht im Neuanfang.
Sondern darin, überhaupt zuzulassen, was in einem auftaucht, wenn man ehrlich wird.

„Ich bin nicht mutig genug“ ist oft nur Tarnung

Und vielleicht ist das der Grund, warum so viele Frauen sich mit dem Satz beruhigen:

Ich bin eben nicht mutig genug.

Weil der Satz so schön ordentlich ist.
Er klingt ehrlich.
Fast bescheiden.
Fast reif.

Dabei ist er oft nur die bessere Tarnung.

Denn solange ich sage, mir fehle der Mut, muss ich mich nicht mit dem beschäftigen, was darunter liegt.

Nicht mit der Angst.
Nicht mit der Wut.
Nicht mit der Trauer.
Nicht mit der Leere.
Nicht mit der Wahrnehmung, dass etwas schon lange nicht mehr stimmt.

Dann fehlt mir scheinbar nur eine Eigenschaft.
Und nicht etwa der Wille, hinzusehen.

Deshalb glaube ich inzwischen:

Viele Frauen scheitern nicht zuerst am Schritt.
Sie scheitern viel früher.
An dem, was in ihnen sichtbar würde, wenn sie nicht sofort wieder zumachen.

Vielleicht beginnt Veränderung ganz woanders

Vielleicht beginnt Veränderung deshalb auch nicht mit Mut.

Sondern mit etwas viel Kleinerem und viel Unbequemerem.

Mit einem inneren Versuch.
Mit einem geschützten Durchspielen.
Mit so einem Satz wie:

Was wäre, wenn …
Was wäre, wenn ich diesen Gedanken einmal nicht gleich wegschiebe?
Was wäre, wenn ich dieses Gefühl nicht sofort vernünftig erkläre?
Was wäre, wenn eine Frau in so einer Situation nicht gleich handeln muss, sondern erst einmal wahrnimmt, was überhaupt in ihr da ist?

Welche Angst würde hochkommen?
Welche Wahrheit?
Welche alten Sätze?
Welche Sehnsucht?
Welche Panik?
Welche Erleichterung vielleicht auch?

Das ist nicht hübsch.
Nicht heroisch.
Und ganz bestimmt nicht Instagram-tauglich.

Aber vielleicht ist genau das der Anfang.

Nicht erst mutig werden zu müssen.
Nicht wieder irgendein Ideal zu erfüllen, wie Frau heute bitteschön zu sein hat.
Sondern aufzuhören, sich mit diesem Wort aus der Affäre zu ziehen.

Nicht Heldentum, sondern Hinschauen

Denn am Ende war es bei mir nicht so, dass ich eines Tages plötzlich mutig geworden wäre.

Es war eher so, dass ich bestimmte Gedanken und Gefühle lange genug nicht mehr weggedrückt habe.

Ich habe sie durchgespielt.
Durchgedacht.
Durchfühlt.

Und ja, das tat weh.
Aber genau das habe ich gebraucht.

Vielleicht müssen wir also nicht zuerst mutig sein, um unser Leben zu verändern.

Vielleicht müssen wir zuerst nur aufhören, Mut mit Wahrheit zu verwechseln.

Oder einfach: uns trauen, wahrzunehmen.

Denn manchmal beginnt ein neuer Weg nicht mit Heldentum.
Sondern mit dem Moment, in dem eine Frau nicht mehr sofort wegsieht, wenn ihr eigenes Leben sie anschaut.

Und sie sich traut, damit zu experimentieren:
„Was will ich wirklich, wirklich?“

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