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Der lange Vorraum des Umbruchs

„Frau 50 plus im Vorraum des Umbruchs – Lebensumbruch, innehalten, bevor die Entscheidung fällt“

Balkon in Nordzypern: Unterlagen, Lebenslauf, der Moment

Ich saß auf meinem Balkon in Nordzypern in der Sonne und sortierte Unterlagen.
Ich war nicht „nur kurz“ gekommen. Ich war gekommen, um meine Zelte abzubrechen. Und genau das war das Absurde: Ich hatte wenig Zeit, diese Entscheidung vorzubereiten. Die Vorbereitungszeit fürs Auswandern war kurz.
Also nahm ich zu viel mit. Ordner. Papiere. Zeug, das man irgendwann mal „noch brauchen könnte“. Man trägt sein Leben in Dokumenten, weil man nicht weiß, was davon später als Beweis zählt.
Ich blätterte mich durch das Mitgenommene. Und dann fiel mir der Lebenslauf in die Hände.
Dieses unschuldige Stück Papier, das so tut, als wäre ein Leben eine Reihe von Entscheidungen.
Und ich dachte plötzlich: Was mache ich eigentlich hier?
Nicht nur hier auf dem Balkon. Sondern hier in diesem Leben.

Der Lebenslauf und die Stimmen von außen

Ich weiß, was andere erzählen, wenn sie von sich erzählen. Klar. Gerade. Entscheidungskräftig. Zielorientiert. „Ich bin diesen Weg gegangen.“ Das klingt, als hätte man am Anfang schon gewusst, wo man rauskommt.
Und dann schaue ich auf meinen Lebenslauf.
Lehramt. Lehrtätigkeit. Dann plötzlich Programmieren. Organisationsentwicklung. Und dann dreißig Jahre im therapeutischen Bereich.
Wenn ich das so sehe, wirkt es, als hätte ich nicht gewusst, was ich will. Als wäre ich herumgehüpft. Als müsste ich mich endlich mal entscheiden.
Und ich kenne diese Stimmen. Wir alle kennen sie.
„Du musst dich jetzt entscheiden.“
„Sei klar.“
„Triff eine Entscheidung.“
„Mach Mentaltraining.“
„Du musst nur…“
Als wäre das Leben ein Projektplan. Als wäre Klarheit ein Schalter, den man umlegt, wenn man sich genug zusammenreißt.

Warum Klarheit kein Schalter ist

Ich habe mich oft genug zusammengerissen. Ich bin oft genug über meine Angst gegangen. Nicht einmal. Nicht zweimal. Immer wieder.
Und trotzdem gibt es etwas, das in diesem „Du musst dich entscheiden“-Ton nicht vorkommt:
Dass man manche Dinge nicht im Kopf klären kann.
Man muss sie erleben.
Man kann etwas hundertmal durchdringen. Man kann die Argumente kennen. Man kann die Mechanik verstehen. Und dann sitzt man doch in der Situation – und merkt: Fühlen ist nochmal etwas anderes als Verstehen.

Manche Entscheidungen muss man erleben

Ich habe das nicht nur bei Arbeit erlebt. Auch bei Entscheidungen, die das ganze Leben betreffen.
Man kann vorher denken: Bergseite oder Seeseite, ist doch egal. Ist doch Geschmack.
Und dann ist man da. Und plötzlich weiß man: Nein. Das ist nicht egal. Das ist Körper. Das ist Atem. Das ist „hier kann ich sein“ oder „hier werde ich eng“.
Solche Dinge reifen nicht im Kopf. Sie reifen im Gehen.

Der lange Vorraum des Umbruchs

Und das ist der lange Vorraum des Umbruchs.
Dieser Raum, in dem noch niemand „gekündigt“ hat. Noch niemand „neu angefangen“. Noch niemand „endlich klar“ ist.
Man ist nur dabei, sich immer wieder an die Tür heranzutasten.
Man probiert. Man schiebt. Man optimiert. Man versucht, das System zu reparieren.
Man nimmt noch einen Kurs. Man liest noch ein Buch. Man macht noch eine Fortbildung. Man denkt: Wenn ich es nur richtig mache, dann wird es wieder.
Und irgendwann merkt man: Ich tue das nicht, weil ich dumm bin. Ich tue das, weil ich verantwortlich bin. Weil ich es ernst nehme. Weil ich kein Mensch bin, der leichtfertig hinschmeißt.
Und weil ich hoffe, dass es doch noch geht.

Aushalten als Tugend: Generationenprägung

Es gibt eine Generationenprägung, die da mitläuft. Zu meiner Zeit galtst du schnell als sprunghaft, wenn du nicht wenigstens zwei Jahre in einer Stelle warst. „Aushalten“ war eine Tugend. Und viele von uns haben diese Tugend so tief im System, dass sie sich gar nicht mehr wie Tugend anfühlt, sondern wie Moral.

Wenn-dann-Geschichten und die elegante Vermeidung

Und im Vorraum vermischt sich dann alles:
Reife mit Angst.
Verantwortung mit Selbstaufgabe.
Geduld mit Ausrede.
„Gut Ding will Weile haben“, sagen wir dann. Und ja: Gut Ding will Weile haben.
Aber das Problem ist nicht die Weile.
Das Problem ist, wenn die Weile benutzt wird, um nicht hinzusehen.
Es gibt diese Wenn-dann-Geschichten, die real sind – und die gleichzeitig perfekt funktionieren, um keine Entscheidung zu treffen:
Wenn erst das Projekt abgeschlossen ist.
Wenn erst die Kinder groß sind.
Wenn erst die Kollegin wieder gesund ist.
Wenn erst der Markt sich beruhigt hat.
Wenn erst ich mich stabiler fühle.
Manchmal stimmt das. Manchmal ist es tatsächlich noch nicht dran.
Und manchmal ist es nur der elegante Weg, die Tür nicht anzufassen.

Erfahrung oder Gründe, um stehen zu bleiben?

Der Vorraum ist nicht nur Wartezeit. Er ist Weg.
Umwege erhöhen die Ortskenntnisse. – und jetzt kann ich sagen: meine Ortskenntnisse sind groß und nicht immer freiwillig.
Die Frage ist nur: Sammle ich gerade Erfahrung, oder sammle ich nur Gründe, um stehen zu bleiben?

Bruch oder Reichtum: ein Leben ist nicht linear

Und genau da kam ich auf meinem Balkon wieder bei meinem Lebenslauf an.
Ist das ein Bruch?
Oder ist es ein innerer Reichtum, den ich jetzt neu verschalten muss?
Vielleicht ist das die ehrlichere Sicht: Dass ein Leben nicht immer linear ist, weil wir „zu blöd“ sind, uns zu entscheiden.
Sondern weil wir manchmal erst viele Etappen brauchen, bis wir überhaupt Sprache finden für das, wonach wir uns sehnen.
Vielleicht war die Sehnsucht klar. Aber die Nische war es nicht. Die Gesellschaft hat dafür keinen Satz geliefert. Und dann läuft man eben – nicht weil man flieht, sondern weil man sucht.
Und irgendwann sitzt man da, mit einem Lebenslauf in der Hand, und merkt: Der Vorraum war nicht sinnlos.
Er war der Weg dahin, dass man sich überhaupt ernst nehmen kann.

Tagore: die Knospe, die nicht welken will

Viele erzählen Umbruch als Raupe und Schmetterling.
Mir ist das zu glatt.
Rabindranath Tagore hat ein Bild, das näher dran ist:
Das Blumenkind öffnet seine Knospe und sagt:
„Hallo Welt. Bitte, liebe Welt – bitte, bitte: welke nicht.“
Und ja – ich weiß. Du bist keine Knospe.
Aber vielleicht kennst du diesen Moment trotzdem: zart, echt, offen im Risiko.

Schlussfrage

Auf welchem Teil deines Weges stehst du gerade?

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