Zum Inhalt springen
Startseite » Blog » „Ich kann doch nicht einfach gehen“

„Ich kann doch nicht einfach gehen“

frau mit Drrachen abfahrtbereit, neustart50+

Der Satz fällt fast immer irgendwann.
„Ich kann doch nicht so einfach gehen.“

Ich habe ihn auch gesagt.

Nach einem Dienst, den ich irgendwie überstanden habe, saß ich zuhause auf dem Sofa und sagte:
Da fahre ich nie wieder hin.

So klar. So körperlich. So ohne Diskussion.

Und im selben Atemzug kam er:
„Ich kann doch nicht einfach gehen.“

Er kam nicht im großen Drama. Er kam nach einem Tag, an dem ich wieder eingesprungen war. Wieder alles Mögliche. Wieder retten. Wieder „nur noch schnell“. Ich packte meinen Schreibtisch zusammen, sehr ordentlich, fast automatisch – als würde Ordnung im Außen irgendetwas im Innen beruhigen. Oder wie ein nicht ganz bewusstes: Letztes Mal.

Und dann saß ich da. Und hörte mir selbst zu.

„Ich kann doch nicht einfach gehen.“

Was sollte denn mit den Dienstplänen passieren?
Was sollte mit dem Projekt passieren?
Ich konnte doch meinen Kolleginnen und Kollegen nicht noch mehr zumuten.
Vielleicht gab es ja doch noch eine Möglichkeit.
Ich war doch nicht jemand, der einfach so ging.

Ich bin doch nicht so eine.
Nicht so eine, die nach Lust und Laune hinschmeißt.
Nicht so eine, die Drama macht – und die anderen bleiben mit dem Scherbenhaufen.
Nicht so eine, die einfach abhaut und hinterher „Selbstfürsorge“ sagt, damit es sauber klingt.

Und während ich mir dabei zuhörte, passierte etwas Merkwürdiges: Nicht im Kopf. Im Körper.

Alles zog sich zu.

Als hätte ich mir gerade nicht nur einen Gedanken gesagt, sondern ein Urteil über mich gefällt. Als hätte mich dieser Satz von innen her gedrückt: Das geht doch nicht.

Und dann kam der nächste Gedanke, leiser, aber schärfer:

Moment mal. Ging ich wirklich „einfach so“?

Oder hatte ich nicht längst alles probiert, was man in so einer Einrichtung probieren konnte, bevor man überhaupt auf die Idee kam, zu gehen?

Ich hatte geredet. Ich hatte Veränderung angestoßen. Ich hatte Wege gezeigt. Ich hatte Gespräche geführt. Ich hatte Haltung korrigiert. Ich hatte mich angepasst. Ich hatte optimiert. Ich hatte mehr Leistung gebracht – weil ich dachte, mehr Leistung bringt mehr Luft.

Und ich hatte gut gearbeitet. Mit Kolleg:innen. Mit dem, was da war. Mit dem, was nicht da war. Ich hatte das Projekt getragen – nicht aus Laune, sondern aus Pflichtgefühl, aus Verantwortung, aus dem Wunsch, dass etwas Gutes nicht kaputtging, nur weil das System drumherum wackelte.

Und trotzdem saß dieser Satz da wie ein Haken:
„Ich kann doch nicht einfach gehen.“

Wenn ich ehrlich bin: Die wirklich guten Gründe zu bleiben waren nicht nett. Sie waren hart. Sie waren real.

Der Laden bricht zusammen.

Andere nahmen sich Auszeiten. Wurden krank. Waren weg. Und ich hielt.

Weil ich diejenige war, die den Laden rettete. Und plötzlich war das Retten nicht mehr nur eine Handlung, sondern eine Identität.

Wenn ich nicht rettete – wer war ich dann?
Wenn ich nicht hielt – was passierte dann?

Und das war nicht nur moralisch. Das war finanziell. Das war Existenzlogik.

Die Einrichtung war nicht nur ein Ort. Sie war Einkommen. Sicherheit. Kalkulierbarkeit. Ein „So geht das Leben weiter“.

Und dann war da dieser andere Grund, der noch tiefer saß:

Ich hatte dort mitgestaltet.

Nicht „mein Projekt“ im Besitz-Sinn. Aber „mein“ im Footprint-Sinn. In dem Sinn, dass ich Spuren hinterlassen hatte. Dass etwas ohne mich anders gelaufen wäre.

Und trotzdem: Und die anderen? Hatten sie mich gehalten? Getragen? War die Bilanz ausgewogen?

Und jetzt sollte ich das einfach loslassen?
Sollte ich das so lassen?

Ich merkte, wie schnell man sich dabei selbst in eine Falle denken konnte. Nicht mal mit einem großen Satz. Sondern mit vielen kleinen.

Mit Verantwortung. Mit Vernunft. Mit Loyalität. Mit dem Wunsch, niemanden hängen zu lassen.

Und irgendwo darunter: Angst.

Nicht die Angst vor dem Gehen, wie man sie gern erzählt. Sondern die Angst, dass ich beim Gehen etwas zerstöre. Dass ich schuld bin. Dass ich diejenige bin, die den letzten Stein zieht – und dann fällt alles.

Das war eine verdammt schwere Angst. Weil sie sich anständig anfühlte. Und genau deshalb wurde sie so oft zur Tugend.

Eva, Chris, Antje – diese klugen Frauen, die so viel tragen – sie gingen nicht „einfach so“. Sie trugen ihre Einrichtung, ihre Familie, ihre Projekte, ihre Rollen wie Rucksäcke, die längst zu schwer waren. Und sie rationalisierten das so gut, dass niemand merkte, wie sehr es drückte. Manchmal nicht mal sie selbst.

Ich hatte nicht gekündigt. Ich hatte keine Perspektive. Kein „Danach“. Kein Plan.

Aber ich hatte gemerkt: Wenn ich so weitermachte, ging ich nicht nach Hause. Ich ging innerlich weg. Und der Körper zog nach.

Also tat ich das, was viele kluge Frauen tun, wenn sie noch nicht gehen können, aber nicht mehr zurückkönnen:

Ich kaufte mir Zeit.
Ich meldete mich krank.

Nicht als Drama. Nicht als „Jetzt zeig ich’s euch“. Sondern als Sortierraum. Als Pause, in der ich mich selbst überprüfen konnte:

Wie stark war das wirklich?
Wie tief saß dieser Satz?
Was war Pflicht – und was war Gewohnheit?
Was war Verantwortung – und was war Selbstaufgabe?
Und vor allem: Wie kam ich da heil raus?

Was blieb von mir? Von der Stelle?

Vielleicht ist die wichtigere Frage nicht, ob du gehen darfst.

Vielleicht ist die Frage:
Was hält dich gerade fest?

1 Gedanke zu „„Ich kann doch nicht einfach gehen““

  1. Pingback: Und was passiert dann mit mir? - Jetzt. Ich. Neustart 50+

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

frau mit Drrachen abfahrtbereit, neustart50+