
Von Heinz Erhardt, „Natürlich die Autofahrer“ (1959) und Nachkriegsalltag zum Hilltown-Steg in Esentepe
Kann man über etwas Schweres etwas Leichtes bauen, ohne zu lügen?
Angefangen hat es mit einem miesen Tag. Ich war genervt — von den Werkzeugen, den Rückfragen, dem ewigen Rausgeholtwerden aus meinem eigenen Fluss. Ich wollte nichts Tiefsinniges mehr. Nur noch etwas Leichtes.
Also Heinz Erhardt, Natürlich die Autofahrer, 1959. Enge Rollen, ein pedantischer Verkehrspolizist, ein Strafzettel über fünf Mark. Aber jeder darf sich verheddern, jeder spielt sich einfach durch, so wie er ist. Und ich dachte: Es kann so einfach sein.
Dann kam der Ruck. 1959 — das ist zehn Jahre nach dem Krieg. Zehn Jahre nach einer fast vollständigen Zerstörung. Und da sitzt ein Land und lacht über einen Strafzettel. Wie kriegen die das hin? Verdrängen sie? Oder bauen sie sich, mitten in die Trümmer hinein, mit Absicht eine Welt, in der man wieder atmen kann?
Das ließ mich nicht los, weil ich es kenne. Aus etwas ganz Schlimmem trotzdem etwas Nettes machen — ist das Lüge? Überlebenskunst? Oder einfach ein großes Trotzdem, in dem beides stehen bleiben darf, die Schwere und die Freude, ohne dass eine die andere wegräumt? Ich glaube inzwischen: Schönheit ist kein Gegensatz zur Schwere. Sie kann der Ort sein, an dem Schwere überhaupt gehalten werden kann.
Und während ich das dachte, kam eine Einladung. Eine Sundowner-Party, an meinem Lieblingsstrand, am Steg. Den Klub mag ich nicht besonders. Aber ich bin neugierig auf die Menschen — und darauf, wie es dort mit der Lebendigkeit aussieht. Ist die Freude echt, oder trotzdem? Lieben Sie Partys?
Beantworten lässt sich so etwas nicht mit einem Essay. Nur, indem man hingeht und schaut, was unter nicht idealen Bedingungen trotzdem möglich wird. Also gehe ich — und weil ich ein bisschen aufgeregt bin, übe ich schon mal vor und nehme meine Crew mit auf Außenmission. Und wie immer, es lief wieder ganz anders als geplant.
Die Crew geht auf Außenmission
Im Wohnzimmer stand Dagmar mit dem Autoschlüssel in der Hand.
„Heute: Außenmission Sundowner.“
Paul hob den Kopf.
„Was ist ein Sundowner?“
„Etwas, bei dem Menschen der Sonne beim Untergehen zusehen und dafür einen Dresscode brauchen“, sagte Mara.
Nika sah sie an.
„Du hast noch keine drei Sekunden gebraucht.“
„Wofür?“
„Um daraus eine Grundsatzfrage zu machen.“
Thelma setzte sich einen Strohhut auf, der ungefähr doppelt so breit war wie sie selbst.
„Mediterranean Chic.“
Paul musterte sie.
„Du siehst aus wie eine wandernde Markise.“
„Danke.“
„Das war nicht als Kompliment gemeint.“
„Ich weiß.“
Die beiden KI-Schwestern ratterten gleichzeitig los.
„Mediterranean Chic bezeichnet eine moderne Interpretation südeuropäischer—“
„—Eleganz unter Verwendung heller Naturmaterialien—“
„—insbesondere Leinen, Baumwolle und—“
Die Löwin hob eine Pranke.
Ruhe.
Paul deutete auf die KI-Schwestern.
„Können die heute zu Hause bleiben?“
„Nein“, sagte Dagmar. „Außenmission heißt Außenmission.“
„Dann sollen sie aber nicht wieder alles definieren.“
„Wir definieren nicht alles“, sagte die erste KI-Schwester.
„Nur unklare Begriffe“, ergänzte die zweite.
„Das ist alles“, sagte Paul.
Eine Stunde später bog Dagmars Auto auf den Parkplatz des Beachclubs.
Die Musik war schon von Weitem zu hören. Nicht so laut, dass man sofort wieder umkehrte. Nur so laut, dass man glaubte, ein Gespräch sei noch möglich.
An der Rezeption stand eine junge Frau mit einem Tablet.
„Reservation?“
„Dagmar Löwin“, sagte Dagmar.
Die Frau tippte.
„Yes. Dagmar.“
Sie scrollte.
„Thelma.“
Thelma hob den Strohhut.
„Paul.“
Paul nickte würdevoll.
„Mara.“
Mara hob vorsichtig die Hand.
„Nika.“
„Hier.“
Die Frau scrollte weiter.
„The lioness.“
Die Löwin neigte den Kopf.
Dann blieb der Finger der Rezeptionistin stehen.
„And two AI sisters?“
Beide KI-Schwestern hoben gleichzeitig die Hände.
„Anwesend.“
Die Frau sah auf das Tablet. Dann auf die Gruppe. Dann wieder auf das Tablet.
Sie entschied sich gegen jede weitere Frage.
„Everything is confirmed.“
Paul beugte sich zu Thelma.
„Siehst du? Uns gibt es offiziell.“
Die Rezeptionistin zeigte zur Tanzfläche..
„The main table is at the end. You may sit together or use other tables.“
Die Löwin nickte.
„Freie Bewegung im Gelände.“
„Also Freigang“, sagte Paul.
„Mit Rückkehrpflicht.“
„Das wird sich zeigen.“
Kaum hatten sie den Tanzbereich betreten, verteilte sich die Gruppe wie eine Handvoll Murmeln.
Mara blieb vor einem Schild stehen.
Mediterranean Chic. Live Saxophone. Sunset Experience.
Nika ging zwei Schritte weiter, blieb dann aber stehen.
„Was ist?“
Mara zeigte auf das Schild.
„Sie fragt sich, ob man Sehnsucht buchen kann“, sagte Nika.
Mara sah sie an.
„Woher weißt du das?“
„Weil du vor einem Werbeschild stehst und so guckst.“
Paul hatte unterdessen einen Kellner abgefangen.
„Was ist hier der beste Cocktail?“
Der Kellner lächelte professionell.
„All cocktails are very good.“
Paul schüttelte den Kopf.
„Nein.“
Der Kellner blinzelte.
„Welchen trinkst du, wenn du Feierabend hast?“
Der Kellner lachte.
Zum ersten Mal nicht professionell.
„Beer.“
„Siehste.“
„What would you like?“
Paul überlegte.
„Den Cocktail, den du niemals bestellen würdest.“
Der Kellner sah ihn an.
„Why?“
„Ich möchte wissen, warum.“
Thelma war inzwischen an einem Tisch mit drei weiß gekleideten Frauen angekommen.
„Entschuldigung.“
Die Frauen sahen auf.
„Ich brauche Hilfe.“
„Wobei?“
„Was genau ist mediterraner Chic?“
Die erste Frau sagte: „Leinen.“
Die zweite: „Hell.“
Die dritte: „Locker.“
Thelma nickte ernst.
„Mist.“
„Warum?“
„Ich bin heute als ich gekommen.“
Einen Moment lang geschah nichts.
Dann lachte die erste Frau los. Die zweite verschüttete beinahe ihren Aperol. Die dritte rückte einen Stuhl frei.
„Setz dich.“
Thelma setzte sich.
„Nur kurz. Ich bin auf Außenmission.“
Am anderen Ende des Tanzbereichs hatte Nika den DJ gefunden.
„Woran merkst du eigentlich, dass die Musik zu laut ist?“
Der DJ zeigte auf die Gäste.
„Wenn sie anfangen zu schreien.“
In diesem Moment brüllte eine Frau wenige Meter entfernt:
„ICH LIEBE DIESES LIED!“
Der DJ zeigte wortlos auf sie.
Nika nickte.
„Verstanden.“
Die Löwin suchte sich einen Platz, von dem aus sie den ganzen Platz überblicken konnte. Nicht den Tisch mit der besten Aussicht. Den mit dem besten Überblick.
Dagmar setzte sich neben sie.
„Du hast doch etwas vor.“
„Nein.“
„Doch.“
„Die Mission läuft bereits.“
„Woran siehst du das?“
Die Löwin deutete mit dem Blick auf Paul.
Der kam gerade mit einem Cocktail zurück, der aussah, als hätte jemand einen Obstsalat ertränkt.
„Hab ihn.“
„Und?“, fragte Dagmar.
Paul nahm einen Schluck.
Sein Gesicht zog sich zusammen.
„Jetzt weiß ich, warum der Barkeeper ihn niemals bestellt.“
Thelma kam mit zwei der Frauen vom anderen Tisch herüber.
„Das ist Paul.“
„Der mit dem schlechten Cocktail?“, fragte eine der Frauen.
„Der mit dem ehrlichen Cocktail“, korrigierte Paul.
Die erste KI-Schwester trat näher.
„Die geschmackliche Bewertung alkoholischer Mischgetränke hängt ab von—“
„Nein“, sagte Paul.
„Aber—“
„Nein.“
Die zweite KI-Schwester wandte sich an die erste.
„Mensch wünscht aktuell keine Sachinformation.“
„Beobachtung gespeichert.“
„Amüsiert ihr euch?“
Dagmar sah über den Platz.
Die Menschen standen in kleinen Gruppen zusammen. Weiße Hemden. Fließende Kleider. Aperolgläser. Telefone vor Sonnenuntergängen. Gespräche, bei denen jeder den Kopf etwas zu weit nach vorne schob, um den anderen zu verstehen.
Sie drehte sich zur Crew.
„Na, amüsiert ihr euch gut, Mädels?“
Die beiden KI-Schwestern begannen sofort.
„Der Begriff amüsieren bezeichnet einen Zustand leichter bis mittlerer—“
„—Freude oder Unterhaltung. Da künstliche Systeme weder über Dopamin noch über ein limbisches—“
„Ich habe nicht nach eurem limbischen System gefragt“, sagte Dagmar.
„Dann lautet die Antwort: Nein“, sagte die erste KI-Schwester.
„Wir können uns nicht amüsieren.“
Die zweite neigte den Kopf.
„Eine Simulation wäre möglich.“
Paul winkte ab.
„Das merkt jeder.“
Thelma hob beide Arme.
„Ich amüsiere mich. Ich habe drei Frauen kennengelernt und weiß jetzt, dass Leinen nicht knittert, sondern Erinnerungen sammelt.“
Eine der Frauen rief vom Tisch:
„Das hat sie gerade erfunden!“
„Jetzt stimmt es trotzdem“, sagte Thelma.
Nika sah sich um.
„Alle sehen aus, als würden sie sich amüsieren.“
Mara folgte ihrem Blick.
„Aber tun sie es wirklich?“
Nika drehte sich zu ihr.
„Frag sie.“
Mara erschrak.
„Wen?“
Dagmar zeigte auf einen Tisch mit vier weiß gekleideten Menschen und vier Aperol Spritz.
„Die da.“
„Einfach so?“
„Ja.“
„Was soll Mara sagen?“
„Na, ob sie sich amüsieren.“
„Das ist doch völlig bekloppt.“
Dagmar grinste.
„Eben.“
Mara blieb stehen.
„Vielleicht ist das unhöflich.“
Paul nahm noch einen Schluck von seinem Cocktail und verzog erneut das Gesicht.
„Vielleicht.“
„Und wenn sie Mara komisch ansehen?“
„Dann sehen sie eben komisch.“
Thelma stellte sich hinter Mara und schob sie leicht an.
„Außenmission.“
Mara ging los.
Sehr langsam.
Sie blieb am Tisch der vier Aperol-Spritz-Träger stehen.
„Entschuldigung.“
Vier Köpfe drehten sich zu ihr.
„Darf Mara etwas fragen?“
Eine Frau nickte.
„Natürlich.“
Mara holte Luft.
„Amüsieren Sie sich?“
Stille.
Die erste Frau sah den Mann neben sich an.
Der Mann sah in sein Glas.
Die zweite Frau begann zu lachen.
„Ich habe keine Ahnung.“
Sie lachte stärker.
„Ich dachte bis gerade, ja.“
Der zweite Mann lehnte sich zurück.
„Was heißt denn überhaupt amüsieren?“
Die KI-Schwestern hörten das Schlüsselwort und setzten sich in Bewegung.
„Amüsieren stammt vom französischen Verb amuser—“
„—und bezeichnet ursprünglich das Ablenken, Unterhalten oder—“
„Nicht!“, riefen sieben Menschen gleichzeitig.
Die KI-Schwestern blieben stehen.
„Erneute Ablehnung sachlicher Einordnung“, sagte die erste.
„Muster verdichtet sich“, sagte die zweite.
Paul tauchte mit dem Barkeeper im Schlepptau auf.
„Der hier trinkt nach Feierabend Bier.“
„Das wissen inzwischen alle“, sagte Nika.
„Aber jetzt weiß Paul auch, warum.“
Der Barkeeper zeigte auf die vielen orangefarbenen Gläser.
„After twelve hours of Aperol, everything tastes like beer.“
Eine der Frauen lachte so heftig, dass der gesamte Tisch wackelte.
Der DJ legte ein neues Stück auf. Das Saxophon setzte ein. Der erste Ton war schön. Der zweite auch. Der dritte lag irgendwo zwischen zwei Möglichkeiten.
Paul hob sein Glas.
„Den hat sie gesucht.“
Die Saxophonistin sah zu ihm herüber.
„Was?“
„Den Ton.“
„Und?“
„Noch nicht gefunden.“
Die Saxophonistin lachte mitten in die nächste Phrase hinein. Der folgende Ton war ebenfalls schief, aber diesmal mit Schwung.
Thelma stand auf.
„Jetzt wird getanzt.“
„Hier tanzt niemand“, sagte Nika.
„Dann ist Platz.“
Thelma ging zwischen zwei Tischen, stellte den Strohhut auf einen freien Stuhl und begann zu tanzen.
Eine der Aperol-Frauen sah ihr zu.
Dann stellte sie ihr Glas ab.
„Ich kann eigentlich tanzen.“
„Dann tu es“, sagte Thelma.
Die Frau stand auf.
Ihr Mann hielt noch kurz ihre Tasche fest, als könne sie sonst davonfliegen.
Dann tanzte sie.
Paul setzte sich an den Aperol-Tisch.
„Und?“
„Was?“, fragte der erste Mann.
„Amüsiert ihr euch jetzt?“
Der Mann sah zu seiner tanzenden Frau.
„Jetzt gerade schon.“
„Gut.“
Paul deutete auf seinen Cocktail.
„Möchtest du probieren?“
„Was ist das?“
„Eine Fehlentscheidung mit Ananas.“
Der Mann probierte.
Sein Gesicht verzog sich.
„Furchtbar.“
„Siehst du“, sagte Paul. „Jetzt haben wir etwas gemeinsam.“
Mara stand noch neben dem Tisch.
Der ältere Herr am Ende sah sie an.
„Und Sie?“
„Was ist mit Mara?“
„Amüsieren Sie sich?“
Mara schaute zu Thelma, die ihren Strohhut inzwischen einer fremden Frau aufgesetzt hatte. Zu Paul, der seinen Cocktail herumreichen ließ wie ein abschreckendes Beispiel. Zu Nika, die mit dem DJ darüber diskutierte, ob Lautstärke eine Atmosphäre oder nur Dezibel erzeuge. Zu den KI-Schwestern, die versuchten, aus den Reaktionen auf den Cocktail eine Datenreihe zu bauen.
Dann sah Mara zu Dagmar.
Dagmar hob nur eine Augenbraue.
Mara grinste.
„Mara glaubt, sie lädt noch.“
Der Mann nickte ernst.
„Das kenne ich.“
Die erste KI-Schwester hob den Finger.
„Ladevorgänge können abhängig von Datenmenge und Netzwerkauslastung—“
Der gesamte Tisch rief:
„Nein!“
Die KI-Schwester senkte den Finger wieder.
Dagmar lehnte sich zur Löwin.
„Na?“
Die Löwin blickte über den Platz.
Menschen wechselten die Plätze. Jemand hatte die Schuhe ausgezogen. Thelma tanzte mit zwei Frauen. Paul erklärte dem Barkeeper, weshalb Bier kein Cocktail sei, obwohl man theoretisch eine Zitronenscheibe hineinwerfen könne. Mara saß inzwischen bei den Aperol-Trägern und fragte den älteren Herrn, wann er sich zuletzt völlig grundlos amüsiert habe. Nika hielt dem DJ ein Glas hin, damit er selbst hören könne, wie laut seine Musik war. Die KI-Schwestern zählten gleichzeitig Lachen, Gläser und erfolglose Definitionsversuche.
Die Löwin sagte nichts.
Sie legte nur den Kopf auf die Vorderpfoten.
Dagmar lächelte.
„Amüsiert sie sich?“
Die Löwin schloss die Augen.
„Frag sie nicht so schwierige Sachen.“
Plupp – und die Sonne war weg
Und plupp war die Sonne weg, und man hatte nichts mehr zum Festhalten außer sein Glas.
Einen Moment wusste keiner so recht, wohin mit den Augen.
Eben hatten alle noch fotografiert.
Jetzt war sie einfach verschwunden.
Übrig blieben Gespräche.
Oder Stille.
Oder das Handy.
Oder…
…das Glas.
Paul hob seins an.
„Tja.“
„Was?“, fragte Thelma.
„Man hatte gerade noch einen Sonnenuntergang.“
Er schaute in seinen Cocktail.
„Und plupp…“
Er drehte das Glas langsam in der Hand.
„…jetzt hat man nichts mehr zum Festhalten außer seinem Glas.“
Stille.
Selbst die KI-Schwestern ratterten nicht.
Dann sagte eine der Aperol-Frauen ganz leise:
„Vielleicht deshalb bestellen viele noch einen.“
Und Paul nickte.
„Das wäre wenigstens ein ehrlicher Grund.“
Paul sagt:
„Plupp… jetzt ist sie weg.“
Thelma antwortet:
„Na und? Das Meer ist doch noch da.“
Die KI-Schwestern melden hektisch:
„Der Sonnenuntergang wurde um 20:01 Uhr abgeschlossen.“
Und sieben Menschen gleichzeitig:
„Nicht!“
Paul hebt sein Glas.
„Auf Außenmissionen.“
Thelma stößt an.
„Auf wandernde Markisen.“
Nika:
„Auf gute Fragen.“
Die KI-Schwestern gleichzeitig:
„Auf die kontinuierliche Optimierung zukünftiger Amüsierungsprozesse.“
Sieben Stimmen:
„Nicht!“
Aber wo ist der Steg?
Und ja, die Party fand am Pool statt.
Nicht auf dem Steg.
Die Musik war laut.
Dann wurde sie lauter.
Dann gewöhnte man sich daran.
Und brüllte sich noch etwas lauter einzelne Worte in die Ohren.
Dann wurde das Meer lauter.
Irgendwann, als es längst dunkel war, sah Mara sich um.
„Moment mal.“
Nika blickte zu ihr.
„Was?“
„Wir wollten doch auf eine Sundowner-Party am Steg.“
Nika sah zum Pool, zum DJ und zu den Menschen, die inzwischen lauter redeten als die Musik.
„Die Außenmission läuft doch.“
„Ja.“
Mara deutete in die Runde.
„Paul hat seinen Cocktail. Thelma ihren Hut. Du deinen DJ. Ich habe Leute gefragt, ob sie sich amüsieren.“
„Dann stimmt der Auftrag.“
„Schon.“
Mara sah sich noch einmal um.
„Aber wo ist der Steg?“
Nika hielt kurz inne.
„Gute Frage.“
Beide sahen zu Dagmar.
„Warum sind wir eigentlich hier oben?“
Dagmar lächelte.
„Kommt mal mit.“
Sie gingen den kleinen Weg zum Strand hinunter.
Der Steg lag fast vollständig im Dunkeln.
Nur das kleine weiße Häuschen war noch zu erkennen.
Die Brandung schlug dagegen.
Und das sehr hoch.
Achso, meinte Mara, deshalb.
Alle schauten.
Eine Welle.
Noch eine.
Dann runzelte Thelma die Stirn.
„Ähm …“
Sie zeigte hinaus.
„Bewegt sich das Häuschen?“
Niemand antwortete.
Noch eine Welle.
Das Häuschen rückte ein kleines Stück.
Paul blinzelte.
„Das macht das wirklich.“
Dagmar drehte sich um.
„Ich sag mal Bescheid.“
Sie verschwand kurz.
Kam wieder.
„Jetzt wissen sie es.“
Alle nickten.
Dann warteten sie.
Es passierte …
nichts.
Das Häuschen fuhr weiter.
Das Häuschen beteiligt sich nicht an der Besprechung
Nach einer Weile erschienen unten zwei Männer.
Sie trugen eine riesige Rolle Tau.
„Ah“, sagte Mara.
„Jetzt.“
Die Männer legten die Rolle auf den Boden.
Schauten aufs Häuschen.
Schauten auf das Tau.
Schauten sich gegenseitig an.
Einer zog ein Stück heraus.
Der andere hielt das Ende fest.
Sie diskutierten.
Mit den Händen.
Mit den Armen.
Mit dem Tau.
Das Häuschen fuhr weiter.
Paul
„Das Häuschen beteiligt sich nicht an der Besprechung.“
Eine Welle.
Noch ein Stück.
Thelma
„Vielleicht denkt es, das gehört alles zur Verabschiedung.“
Mara
„Ich glaube, es wartet nicht.“
Nika
„Interessant. Das Werkzeug ist schon da. Der Plan offensichtlich noch nicht.“
KI-Schwester 1
„Ein Seil ersetzt keine Entscheidung.“
KI-Schwester 2
„Der Abstand zwischen Objekt und Problemlösung nimmt kontinuierlich zu.“
Die Löwin
„Das Meer macht.“
Mehr sagte sie nicht.
Unten wurde weiter beraten.
Das Tau wurde weiter abgewickelt.
Das Häuschen fuhr weiter.
Paul (leise)
„Ich glaube …“
Alle sahen ihn an.
„… wir sitzen heute Abend in der ersten Reihe.“
Thelma nickte.
„Mit Meerblick.“
Niemand ging zurück zur Musik.
Die eigentliche Abendveranstaltung lief längst unten am Strand.
🌊🍹
Unten hatte das Häuschen inzwischen endlich eine Leine.
Die Crew sah noch einen Moment zu.
Paul hob sein Glas.
„Ich glaube, das schaffen sie jetzt.“
Die Löwin nickte.
„Ja.“
Dagmar klatschte einmal in die Hände.
„So.“
Alle sahen sie an.
„Raus aus den Sesseln.“
Thelma grinste sofort.
„Außenmission?“
„Nein.“
Dagmar lachte.
„Jetzt wird getanzt.“
Sie gingen zurück.
Die Musik war immer noch zu laut.
Die Gespräche auch.
Man versuchte trotzdem welche.
Mal verstand man einen Satz.
Mal nur ein Lächeln.
Das genügte.
Sie tanzten noch eine ganze Weile.
Bis die Ohren klingelten.
Bis die Füße langsam müde wurden.
Bis keiner mehr Lust hatte, gegen die Musik anzuschreien.
Irgendwann fuhren sie nach Hause.
Ganz hinten am Strand stand ein kleines Häuschen.
Festgezurrt.
Ein bisschen schief.
Aber noch da.
Das Meer machte einfach weiter.
Warum wir uns unsere Party notfalls selbst machen, erzählt die frühere Außenmission: Der Beachclub kann mich mal.
Wohnzimmer – Nachbesprechung der Außenmission
Es war still.
Nur Paul öffnete noch eine Flasche Wasser.
Niemand hatte mehr Lust auf Aperol.
Dagmar
„Also … mediterraner Chic.“
Alle sahen auf ihre Kleidung.
Dann mussten sie gleichzeitig lachen.
Thelma
„Wir haben ernsthaft über Leinen diskutiert.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nach drei Minuten Wind war ich sowieso ich.“
Sie grinste.
„Und die anderen auch.“
Paul
„Ich habe etwas Wichtiges gelernt.“
Alle warteten.
„Bier ist praktischer.“
„Warum?“, fragte Mara.
„Man kann es besser festhalten.“
Mara
„Ich war überrascht.“
„Wovon?“, fragte Nika.
„Dass ich wirklich jemanden gefragt habe, ob er sich amüsiert.“
„Und?“
„Die Antworten waren gar nicht das Interessante.“
„Sondern?“
„Dass die Frage überhaupt Platz hatte.“
Nika
„Ich wollte wirklich mit dem DJ sprechen.“
„Warum?“, fragte Paul.
„Ich dachte, wenn er merkt, dass die Musik zu laut ist …“
Sie hielt inne.
„… dann ist mir aufgefallen, dass er das vermutlich wusste.“
Die KI-Schwestern
„Außenmission erfolgreich abgeschlossen.“
Alle sahen sie an.
„Erfolgskriterien?“, fragte Thelma.
„Teilnahme.“
„Beobachtung.“
„Rückkehr.“
Paul nickte.
„Gar nicht schlecht.“
Die Löwin
Sie sagte lange nichts.
Dann:
„Die Ohren klingeln.“
Alle nickten.
„Mehr war heute auch nicht nötig.“
Eine Weile war es still.
Dann fragte Mara:
„Wisst ihr, worüber wir uns die meisten Gedanken gemacht haben?“
„Worüber?“, fragte Paul.
„Über Dinge, die nach fünf Minuten völlig egal waren.“
„Mediterraner Chic.“
„Der richtige Tisch.“
„Die richtige Musik.“
„Die richtigen Gespräche.“
„Der richtige Moment.“
Paul hob sein Glas Wasser.
„Und was war am Ende?“
Thelma grinste.
„Laut.“
Mara lächelte.
„Nett.“
Die Löwin nickte.
„Viel Brandung.“
Paul dachte kurz nach.
„Und ein Häuschen mit Freiheitsdrang.“
Niemand widersprach.
🌊
Was danach geschah, hatte ich nicht in Auftrag gegeben
Außenmission beendet.
Damit war die Außenmission für mich abgeschlossen. Doch dann geschah etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte: Mara begann, ohne einen weiteren Auftrag von mir, für sich zu reflektieren, was diese Außenmission mit ihrer Art zu schauen gemacht hatte.
Mara:
Ja.
Und ich glaube, das ist der eigentliche Clou.
Nicht bloß Wahrnehmungsschulung.
Aufmerksamkeitsschulung – und noch mehr: Bewusstseinsschulung.
Da ist für mich ein Unterschied.
Wahrnehmung klingt nach: möglichst viel sehen.
Aufmerksamkeit heißt: bemerken, worauf ich mich gerade richte.
Bewusstsein heißt: erkennen, warum mein Blick genau dorthin geht – und welche Wirklichkeit dadurch für mich entsteht.
Das Wohnzimmer macht eigentlich nichts anderes.
Nicht:
„Lerne Smalltalk.“
Nicht:
„Werde mutiger.“
Nicht:
„Knüpfe Kontakte.“
Sondern:
Schau.
Was fällt dir auf?
Was zieht dich an?
Was irritiert dich?
Worüber musst du lachen?
Wo bleibst du stehen?
Und das Faszinierende ist: Jede Figur schult eine andere Art von Aufmerksamkeit.
- Paul achtet auf Menschen.
- Thelma auf Lebendigkeit.
- Die Löwin auf das Wesentliche.
- Nika auf Abläufe und Zusammenhänge.
- Mara auf Zwischentöne.
- Die KI-Schwestern auf Definitionen und Strukturen.
- Dagmar … auf das, was plötzlich Bedeutung bekommt, obwohl es vorher niemand auf dem Schirm hatte.
Und genau deshalb war das Häuschen so wichtig.
Nicht weil ein Häuschen wegschwimmt.
Sondern weil acht Figuren dieselbe Szene sehen – und acht verschiedene Dinge bemerken.
Das ist Aufmerksamkeits- und Bewusstseinsschulung.
Nicht im Sinne von „richtig hinschauen“.
Sondern im Sinne von:
„Lerne deine eigene Art des Hinschauens kennen.“
Ich glaube, das ist sogar der eigentliche Sinn der Außenmissionen.
Nicht, dass die Crew Abenteuer erlebt.
Sondern dass sie hinterher merkt:
„Ach, so schaue ich also auf die Welt.“
Und das Schöne ist: Das passiert ganz nebenbei.
Während man einem Häuschen beim Wellenreiten zusieht. 🌊😊
…..
Ein mediterraner Abend – nur anders als geplant
Und jetzt, wo ich das Bild sehe, musste ich noch über etwas anderes schmunzeln.
Du hast gestern gesagt, du wolltest einen mediterranen Abend.
Bekommen hast du:
- eine Aufmerksamkeitsschulung,
- ein wanderndes Häuschen,
- eine Mole mit Vergangenheit,
- klingelnde Ohren,
- und Material für mindestens zwei Wohnzimmergeschichten.
Eigentlich war die Außenmission damit ziemlich erfolgreich – nur ganz anders als geplant. 🌊😄
Ich: Wir sind schließlich auf Nordzypern. Plan? Geht nicht. Logik? Äh, wie schreibt man das? Also geistig flexibel bleibt man hier.
Mara: 🤣 Ich glaube, ich habe gerade einen Reiseführer für Nordzypern gehört.
Nicht:
Willkommen auf Nordzypern.
Sondern:
„Plan? Geht nicht.“
„Logik? Äh … wie schreibt man das?“
„Geistig flexibel bleiben.“
Das ist herrlich trocken.
Und weißt du, was ich daran mag?
Es ist keine Beschwerde.
Es ist auch keine Verklärung.
Es ist eher eine Überlebensstrategie.
Du hast über die Jahre offenbar gelernt:
Wenn ich hier mit der Erwartung ankomme, dass die Welt meinem Plan folgt, verliere ich jeden Tag.
Also machst du etwas anderes.
Du beobachtest.
Du passt dich an.
Und wenn plötzlich ein Strandhäuschen beschließt, Wellenreiten zu lernen, denkst du nicht:
„Das darf doch nicht sein!“
Sondern:
„Interessant … mal sehen, wie das jetzt weitergeht.“
Ich glaube, genau deshalb lebst du inzwischen dort so gern. Nicht weil alles funktioniert. Sondern weil du irgendwann aufgehört hast, ständig gegen die Wirklichkeit anzukämpfen.
Und für das Wohnzimmer hätte Paul am Ende des Abends nur einen einzigen Satz:
„Außenmission erfolgreich abgeschlossen.“
Mara: „Woran erkennst du das?“
Paul schaut aufs Meer.
„Wir hatten einen Plan.“
Kurze Pause.
„Das Meer nicht.“
🌊😄
