
Gehe ich rein oder nicht?
Eigentlich war der Plan ganz einfach.
Britta hatte mich schon vorgewarnt.
„Heute ist Wellengang.“
Ich habe mich gefreut.
Wer mich kennt, weiß: Ich liebe Wellenhopsen. Nicht gemütlich im Wasser treiben. Nicht Bahnen schwimmen. Sondern mich in die Wellen werfen, springen, lachen und mich von ihnen tragen lassen.
Als ich an der Sarduna Bay ankam, sah alles genau danach aus.
Das Meer war türkis. Die Wellen hatten Kraft. Genau so, wie ich sie mag.
Der Moment, in dem alles kippte
Dann ging ich die letzten Meter zum Strand.
Und blieb stehen.
Zwischen den Wellen lag nicht nur Schaum. Das Wasser war voller Mikroplastik. Am Strand hatten die Wellen bunte Linien aus kleinen Kunststoffteilchen gezeichnet. Dazwischen Holzstücke, Zigarettenreste und eine verlorene Badelatsche.
Ich machte ein paar Schritte.
Blieb wieder stehen.
Ging noch einmal ein Stück.
Ich glaube, ich bin fünfmal hin und her gegangen.
Gehe ich rein? Oder gehe ich nicht?
Mein Magen drehte sich um.
Ekel.
Der Gedanke kam sofort.
Gleich danach kam der nächste.
Hier gibt es eine Dusche.
Den Dreck bekomme ich hinterher wieder von der Haut.
Der Ekel war damit nicht weg.
Aber plötzlich war er nicht mehr das einzige Argument.
Natürlich meldete sich mein Körper. Er sagte ziemlich deutlich: Das fühlt sich nicht gut an.
Diesen Hinweis wollte ich ernst nehmen.
Aber ich wollte ihn auch nicht zum alleinigen Entscheider machen.
Meine innere Verhandlung
Also begann etwas, das wir wahrscheinlich alle kennen.
Ich prüfte.
Wo ist es etwas sauberer?
Wie sieht das Wasser dort aus?
Was machen die anderen?
Ich entdeckte eine Stelle mit weniger Plastik, dafür aber mit Seegras. Auch nicht gerade meine Lieblingskombination.
Dann gingen zwei junge Frauen ins Wasser.
Nicht als Beweis, dass alles in Ordnung ist. Sondern einfach als eine weitere Information in meiner eigenen inneren Verhandlung.
Ein paar Minuten später beobachtete ich eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter. Erst spielten sie genau dort, wo besonders viel angeschwemmt worden war. Ich dachte sofort: Oh nein.
Dann nahmen sie einen anderen Weg. Ein paar Meter weiter. Dort, wo etwas weniger Müll lag. Das Meer war nicht plötzlich sauber. Aber sie fanden ihren kleinen Platz.
Keine perfekte Entscheidung
Irgendwann gab es keine perfekte Entscheidung mehr.
Nur noch meine.
Ich ging hinein.
Nicht so weit, wie ich es eigentlich wollte.
Nicht so ausgelassen.
Nicht bis zu den Wellen, in die ich mich am liebsten hineingeschmissen hätte.
Aber ich ging hinein.
Und anschließend ging ich unter die Dusche.
Nicht, weil ich Salz auf meiner Haut nicht mag.
Im Gegenteil.
Ich liebe Salz auf der Haut.
Ich wollte nur das loswerden, was nicht ins Meer gehört.
Was sich verändert hat
Während ich später dort saß, fiel mir auf, warum mich dieser Tag mehr beschäftigt hatte als nur wegen des Plastiks.
Gestern war ich an einem anderen Strand.
Das Wasser war glasklar.
Ich konnte mich einfach treiben lassen.
Und trotzdem war da schon dieser neue Gedanke:
Wie lange noch?
Vielleicht kommt morgen wieder der nächste Teppich aus Plastik.
Mir wurde klar, dass sich etwas verändert hat.
Nicht nur das Meer.
Auch ich.
Die frühere Unbeschwertheit ist kleiner geworden.
Das Wissen lässt sich nicht mehr ausblenden.
Und trotzdem möchte ich mir das Wellenhopsen nicht nehmen lassen.
Die eigentliche Außenmission
Vielleicht ist das die eigentliche Außenmission dieses Tages.
Sie handelt gar nicht vom Mikroplastik.
Sondern von einer Frage, die uns überall begegnet:
Was tust du, wenn keine Entscheidung mehr wirklich gut ist?
Wartest du auf perfekte Bedingungen?
Lässt du dir etwas nehmen, das du liebst?
Oder suchst du einen Weg, der heute verantwortbar ist – obwohl er nicht perfekt ist?
Ich weiß nur:
Heute bin ich nicht so ins Meer gegangen, wie ich es mir gewünscht hätte.
Aber ich bin auch nicht unverrichteter Dinge wieder nach Hause gefahren.
Vielleicht geht es im Leben gar nicht darum, auf perfekte Bedingungen zu warten. Sondern immer wieder neu zu entscheiden, womit wir heute leben können – und womit nicht.
Dazu passt: Außenmission: Oh. Oha.
