
Es gibt ziemlich viele YouTuber, die ausgewandert sind. Oder mal eben hier auf Durchreise aufgeschlagen sind.
Irgendwann erzählen sie dann von finanzieller Freiheit, vom Leben im Ausland, davon, wie sie es geschafft haben. Und dann kommt häufig dieser Satz:
Wir lassen euch jetzt ein bisschen an unserem Leben hier teilhaben.
Was die können, kann ich auch.
Ein paar Geschichten habe ich ja schon geschrieben. So um die 100 auf meinem Blog. Als Ventil, als Buchprojekt für … bald …
Also bitte.
Ein fast normaler Tag in meinem neuen alten Leben auf Nordzypern.
Leben auf Nordzypern: ein Wasserhahn und die Idee von Planung
Er fing mit einem Wasserhahn an.
Nicht in meiner Wohnung, sondern in einer, die ich betreue.
Ich habe selbst eine Wohnung dort, dankbar für extrem günstig vermietet. Die Mieter sind gerade in Deutschland und kommen nicht weg. Also steht sie leer. Und klar, auf die passe ich auch auf.
Denn leer stehend und nicht genutzt heißt hier nicht Dornröschenschlaf, sondern eher Einladung zum Verfall.
Also fuhr ich rüber.
Anderthalb Stunden von West nach Ost.
Ob Muhammad Zeit hat?
Ich hatte ungefähr hundertmal versucht, einen Termin zu vereinbaren.
Klar. Im Leben muss man Risiken eingehen.
Ich war also da und bekam tatsächlich eine Antwort.
Wow.
Der Hausmeister wollte kommen und den Wasserhahn reparieren.
Und er kam sogar.
Am Mittwoch.
Genau wie gedacht.
Ich dachte jedenfalls, es sei alles abgesprochen.
Er sah sich den Wasserhahn an.
Und sagte:
„Samstag.“
Nicht heute.
Samstag.
Okay.
Damit hätte ich eigentlich gewarnt sein können.
Aber ich bin auf Nordzypern.
Hier ist ein Plan weniger eine Beschreibung dessen, was passieren wird, als eine freundliche Idee, wie es laufen könnte.
Warten auf Sand und Arbeiten im Beach Club
Was tun in der Zwischenzeit?
Mich mit den KIs herumärgern, die sich offenbar ebenfalls den Nordzypernvirus eingefangen hatten?
Nein.
Auch ich lerne.
Ich fuhr zum Strand.
Dort wartete man auf Sand.
Der sollte um acht Uhr morgens geliefert werden.
Um zwölf war er da.
Dann war Mittagspause.
Der Sand sollte am Kinderspielplatz verteilt werden. Dort war Schatten.
Aber Mittagspause ist Mittagspause.
Ich saß ebenfalls im Schatten.
Andere machen hier Urlaub.
Ich beantwortete LinkedIn-Kommentare.
Eine Frau hatte in einem Beitrag ziemlich unverblümt geschrieben, dass sie LinkedIn gerade Scheiße findet und erst einmal eine Pause macht.
Mit ihrer Katze.
Ich hatte ihren Beitrag kommentiert.
Daraufhin schaute sie sich mein Profil an und schickte mir eine Kontaktanfrage.
Berufliche Neuorientierung. Gründungsberatung. Für Frauen.
Ich schickte ihr eine Sprachnachricht und sagte vorher, dass es leider etwas laut im Hintergrund sei.
Es lief African House.
Tribal.
Rhythmus.
Und zwar ordentlich.
Sie hatte ihre Katze.
Ich hatte meinen Beach Club.
Und getroffen haben wir uns über LinkedIn.
Paddeln zwischen Plastik und Basilikum
Vorher hatte ich mir das Wasser angesehen.
Für SUP wäre es tragbar gewesen.
Klar habe ich mein eigenes Board immer dabei. Für die Fälle, dass …
Und natürlich nur, wenn es nicht zu heiß zum Aufpumpen ist.
Aber da lagen zwei fertige.
Ich fragte nur, was das Stand-up-Paddle-Board kostet.
„Nimm einfach.“
Es war nicht richtig aufgepumpt.
Sehr gut.
Damit hatte ich wenigstens einen vernünftigen Grund, mich nicht draufzustellen.
Ich paddelte ein bisschen herum.
Vom Wasser aus hatte ich auch einen anderen Blick auf das Treiben am Strand. Da waren die Bagger. Die wieder kaputte Mole? Der überfällige Sand für den Spielplatz? Was davon gerade weshalb passierte, war nicht so ganz auszumachen.
Später ging ich noch einmal ins Wasser.
Durch Plastik.
Überall dieses kleine Zeug.
Ein Mann stand mit einem Kescher da und fischte eine ganze Kiste davon heraus.
Meine Güte.
Was macht der Mensch mit der Umwelt?
Am Rand des Beach Clubs entdeckte ich Basilikum zwischen Sukkulenten.
Warum pflanzt man Basilikum zwischen Sukkulenten?
Na gut.
Da war Schatten.
Immerhin.
Ob Basilikum und Sukkulenten dieselben Vorstellungen von Bewässerung haben, ist eine andere Frage.
Ich muss nicht alles verstehen.
Ich saß weiter da, hörte die Musik und stellte fest, dass ich dieses Jahr kaum braun geworden bin.
Letztes Jahr hatte ich Rechner, Schirm und den ganzen Krempel regelmäßig auf die Dachterrasse geschleppt.
Dieses Jahr sitze ich viel mit dem Rechner drinnen.
Und jetzt saß ich im Schatten.
Ich hätte noch einmal ins Wasser gehen können.
Musste aber nicht.
War sowieso dreckig.
Morgen ist auch noch Meer.
Zwei deutsche Gruppen standen seit Stunden im Wasser und unterhielten sich.
Urlauber müssen ihre Tage gestalten.
Strand.
Meer.
Ausflug.
Sonnenuntergang.
Man hat schließlich Urlaub.
Ich musste gerade gar nichts.
Später wollte ich tanzen.
Irgendwann.
Das war ja das Zuckerbrot zum Wasserhahn. Wenn ich schon anderthalb Stunden in den Osten fahre, kann ich abends auch tanzen gehen.
Und Kontaktpflege.
Auch wenn ich auf dieser Seite der Insel nicht mehr wohne, fühle ich mich hier noch verbunden.
Man weiß ja nie …
Auf dem Flyer stand nicht, wann die Musik anfängt.
Nur, dass vorher gegrillt wird.
Wer essen möchte, soll früher kommen.
Wer nicht essen möchte, kann um 21 Uhr kommen.
Das Essen kostete 1.500 TL.
Ich wollte nicht essen.
Ob die anderen Nichtesser dann tatsächlich um 21 Uhr kommen würden, wusste ich nicht.
Auch nicht, wenn es Deutsche sind.
Wir sind schließlich auf Nordzypern.
Bis dahin war noch Zeit.
Ein Empfangshäuschen mit neuem Beruf
Ich fuhr erst einmal weiter nach Esentepe Beach.
Und dort stand es.
Das Häuschen.
Ich kannte es.
Bei einer früheren Außenmission war es noch das Empfangshäuschen am ach so tollen Beachsteg gewesen.
Damals hatte das Meer beschlossen, dass der vorgesehene Standort möglicherweise verhandelbar sei.
Das Häuschen setzte sich in Bewegung.
Männer kamen.
Ein Seil kam.
Es wurde beraten.
Gezogen.
Festgezurrt.
Am Ende stand das Häuschen ein bisschen schief, aber noch da.
Jetzt stand es wieder da.
Nur woanders.
Und es hatte einen neuen Beruf.
SUP-Station.
Ich musste lachen.
Ausgerechnet heute.
Gerade hatte eine Frau Kontakt zu mir aufgenommen, die Frauen bei beruflicher Neuorientierung und Gründung begleitet.
Und vor mir stand ein umgeschultes Empfangshäuschen.
Kein Empfang mehr.
SUP.
Businessplan?
Auf Nordzypern?
Plan? Vergiss es.
Vielleicht hatte das Häuschen festgestellt, dass Empfang nicht mehr gefragt war.
Oder jemand hatte festgestellt, dass da ein Häuschen steht und die Boards irgendwo hinmüssen.
Neue Aufgabe.
Fertig.
Stromausfall, Party und die Frage nach dem Schlafplatz
Ich fuhr zurück zum Resort.
Noch irgendwas machen?
Posting?
Anhübschen?
Ausruhen?
Dann fiel der Strom aus.
Natürlich.
Der Notgenerator sprang an.
Laut.
Sehr laut.
Strom da.
Strom weg.
Strom wieder da.
Mein Rechner fand das weniger unterhaltsam.
Der Akku wurde heiß.
Dabei wollte ich nur mal eben vor dem Tanzen ein paar Bilder hochladen.
Kleine Aufgabe.
Geht schnell.
Ging nicht.
Also Rechner zu.
Dann fahre ich eben schon mal los.
Ich musste sowieso noch zur Party.
Und ich hatte noch ein anderes kleines Problem zu lösen: Was mache ich danach?
Nachts Autofahren ist für mich anstrengend. Entgegenkommende Scheinwerfer blenden mich stark. Deshalb wollte ich nach der Party möglichst nicht noch anderthalb Stunden zurück in den Westen fahren.
Der Betreiber des Beach Clubs schläft manchmal in den Cabanas am Strand.
Ich habe dort auch schon einmal geschlafen.
Damals, als es den Beach Club schon mal gab.
Ein anderer.
Aber gleiche Ambitionen.
Zwei Minuten lang fand ich die Idee großartig.
Sterne.
Meer.
Cabana.
Dann fiel mir ein, dass ich nicht weiß, ob der Mann schlafwandelt.
Wahrscheinlich nicht.
Aber das Gefühl stimmte nicht.
Also keine Cabana.
Auch eine Möglichkeit muss man nicht benutzen, nur weil sie da ist.
Später tanzte ich.
Die Übergänge zwischen den Liedern waren fürchterlich.
Wirklich fürchterlich.
Ich bin flexibel.
Aber irgendwann wird selbst Flexibilität mit Musik schwierig.
Ein bisschen gezappelt habe ich trotzdem.
Natürlich vollkommen authentisch und befreit.
Was sonst.
Und ein paar Menschen wiedergesehen, die ich lange nicht gesehen hatte.
Das war schön.
Danach fuhr ich zurück zum Resort.
Die Viertelstunde Nachtfahrt hatte mir gereicht.
Also Martins Terrasse.
Da hatte ich schon einmal geschlafen.
Vor über vier Jahren.
Einweihungsparty des Resorts.
Meine Wohnung war noch nicht fertig. Meine damalige Unterkunft war rund vierzig Kilometer entfernt.
Also hatte ich eine Decke und ein Kopfkissen mitgenommen und gedacht:
Wenn Party ist, schlafe ich eben irgendwo auf einer freien Terrasse.
Es wurde Martins.
War ein bisschen ungemütlich.
Aber immerhin.
Perseiden, Mückenstiche und große Wünsche
Vier Jahre später lag ich wieder da.
Diesmal auf einer Liege.
Wenn ich ganz still war, konnte ich das Meer hören.
Ich hätte noch in den Pool gehen können.
Fünfzig Meter.
Nachtbaden unter Sternen.
Auch schön.
Aber es waren Perseiden.
Und vielleicht würde ausgerechnet dann eine Sternschnuppe kommen.
Also blieb ich liegen.
Ich hatte schließlich noch Wünsche.
Da begann das nächste Problem.
Wie macht man das eigentlich mit Sternschnuppen?
Einen Wunsch?
Mehrere?
Muss man sich vorher entscheiden?
Muss man ganz fest wünschen?
Oder kommen sie gerade dann nicht, wenn man zu viel will?
Keine Ahnung, worauf Sternschnuppen reagieren.
Ich könnte natürlich meinen Bericht weiterschreiben.
Aber wenn ich aufs Handy starre, sehe ich erst recht keine Sternschnuppen.
Also Handy weg.
Ergebnis der Nacht:
3,5 Sternschnuppen.
Drei ziemlich sicher.
Und eine aus der Kategorie:
Ja.
Nein.
Oder doch?
Macht einen halben Punkt.
Mit dem Wünschen hat es allerdings nicht besonders gut funktioniert.
Erstens waren die Dinger so schnell, dass mir überhaupt nicht rechtzeitig klar war, was ich mir wünschen wollte.
Und zweitens hatte ich zwei ziemlich blöde Mückenstiche.
Damit war ich zwischendurch vor allem mit einer anderen großen Lebensfrage beschäftigt:
Kratzen oder nicht kratzen?
So viel also zur Vorstellung, der Mensch läge unter dem Sternenhimmel, hielte ergriffen inne und schickte seinen tiefsten Wunsch ins Universum.
Bei mir war es eher:
Da!
Scheiße, weg.
Was wollte ich eigentlich?
Nicht kratzen.
NICHT KRATZEN.
Da war noch eine!
Oder?
Verdammt, die Mücke.
Vielleicht reicht es manchmal, anders weiterzumachen
Und vielleicht war genau das ein fast normaler Tag in meinem neuen alten Leben auf Nordzypern.
Der Hausmeister kam.
Der Wasserhahn wartet auf Samstag.
Der Sand kam vier Stunden später.
Das Board war nicht richtig aufgepumpt.
Das Meer voller Plastik.
LinkedIn brachte mir zwischen African House und Beach Club eine neue Bekanntschaft.
Ein ehemaliges Empfangshäuschen hatte inzwischen beruflich umgesattelt.
Der Strom ging.
Der Generator kam.
Der Rechner wurde heiß.
Die Musikübergänge waren grauenhaft.
Ich tanzte trotzdem.
Die Cabana fühlte sich nicht richtig an.
Also landete ich vier Jahre später wieder auf Martins Terrasse.
Nichts davon lief nach einem großen Plan.
Manches taugte nicht.
Manches taugte anders.
Und irgendwo fand sich immer wieder eine Nische, in der es weiterging.
Das Empfangshäuschen weiß das längst.
Es empfängt niemanden mehr.
Jetzt beherbergt es Stand-up-Paddle-Boards.
Ob das Business ist?
Keine Ahnung.
Ob das Plan war?
Noch weniger Ahnung.
Ob es funktioniert?
Da steht es.
Vielleicht reicht das manchmal.
Und die großen Wünsche?
Die müssen noch ein bisschen warten.
Ich war mit den Mückenstichen beschäftigt.
Und mit der Frage, wie das nächste Anti-Mücken-Serum nun zusammengesetzt werden sollte.
Lösungsorientiert.
Dazu passt: Ich redete über Wasser
