
Darf ich wollen wollen? Wenn Wünsche selbst blockiert sind.
„Und was begeistert dich daran?“
Es kam eine Pause. Nicht die kurze, in der man eben nachdenkt. Die andere. Die, in der etwas ins Schwimmen gerät.
Die Frau, die ich das gefragt hatte, hatte sich gerade zu einem Seminar angemeldet. Blockaden lösen. Berufung finden.
Auf meine Frage, was sie denn gern tun würde, hatte sie sofort eine Antwort gehabt: eine Ausbildung machen. Sie wusste auch schon, welche. Und dann vielleicht selbst coachen.
Doch auf dieses eine Wort – „begeistert“ – kam nur:
„Ja, etwas weitergeben … aber ich muss ja jetzt erst mal an meine Blockaden ran.“
Sie hatte ja eine Antwort
Es war nicht so, dass sie nichts wusste. Sie hatte sofort etwas parat. Eine Ausbildung, eine Richtung, sogar einen Plan.
Es klang sinnvoll. Es klang sogar gut.
Nur kippte es in dem Moment, in dem ich nicht nach dem Plan fragte, sondern nach ihr. Nicht: „Was willst du tun?“, sondern: „Was begeistert dich daran?“
Da war keine Begeisterung.
Da war ein „etwas weitergeben“ – und sofort die Flucht zurück: Erst die Blockaden, dann sehen wir weiter.
Sie hatte ein Wollen.
Es war nur nicht ihres.
Die Leiter wird immer länger
Erst das Seminar, um Blockaden zu lösen. Dann die Berufung finden. Dann sie leben.
Drei Stufen. Und auf jeder steht ein „dann“.
Solange ich noch Blockaden löse, muss ich nicht wissen, was ich wirklich will. Solange ich noch in der Ausbildung bin, muss ich mich nicht fragen, ob mich das überhaupt begeistert.
Die Leiter wird immer länger.
Und ganz oben, dort, wo das eigene Wollen stehen müsste, kommt man nie an.
Das ist kein Zufall.
Das ist die Funktion.
„Finde heraus, was du willst“ ist der falsche Satz
Wir sagen Frauen an Wendepunkten gern:
Finde heraus, was du willst.
Trau dich, authentisch zu sein.
Spür wieder hin.
Das klingt befreiend.
Und für viele fühlt es sich an wie eine Zumutung.
Denn nicht nur das Ergebnis macht Angst. Schon das Suchen ist mit Angst besetzt.
Wenn ich anfange zu fragen, was ich will, könnte herauskommen, dass ich seit Jahren das Falsche lebe. Dann müsste ich vielleicht etwas ändern, das andere enttäuscht. Vielleicht eine Rolle verlassen, in der mich alle kennen.
Dann wird es ernst.
Solange ich nicht frage, muss ich nichts wissen.
Und solange ich nichts weiß, muss ich nichts tun.
Das Nicht-wollen-Dürfen ist kein Defizit.
Es ist ein Schutz. Ein sehr gut gebauter.
Deshalb zieht sich der Vorlauf zur Veränderung oft so quälend lange hin. Man wartet nicht unbedingt, weil man nicht weiß, wohin.
Man wartet, weil man sich das Suchen nicht erlauben darf.
Der Wunsch ist nicht verschwunden. Er ist bewacht.
Bei vielen Frauen ist der eigene Wunsch nicht einfach weg.
Er ist gut bewacht.
Und manche von uns kennen sogar noch den Satz, mit dem die Bewachung begann:
„Kinder, die was wollen, kriegen was auf die Bollen.“
Das saß.
Lange bevor man es hinterfragen konnte.
Wollen war nichts, was man durfte. Wollen war etwas, wofür es etwas setzte.
Kein Wunder, dass die Wachen so zuverlässig anspringen.
Sobald etwas auftaucht – ein Impuls, eine Sehnsucht, ein leises „Eigentlich würde ich gern“ –, melden sie sich:
Das geht doch nicht.
Das ist egoistisch.
Dann enttäusche ich jemanden.
Dann verlasse ich meine Rolle.
Dann wird es ernst.
Man kommt gar nicht erst bei der Frage „Was will ich?“ an, weil schon eine Stufe davor etwas blockiert ist:
Darf ich überhaupt wollen wollen?
Darf ich mir erlauben, eine eigene Richtung auch nur zu spüren?
Nicht zu haben.
Zu spüren.
Warum die Berufungsseminare boomen
Genau deshalb boomen die „Finde deine Berufung“-Seminare.
Wer sich selbst nicht erlaubt zu wollen, lässt sich gern von außen sagen, was es sein könnte.
Man bucht, bekommt Methoden und Ziele an die Hand, ist kurz erleichtert – und merkt nach ein paar Wochen, dass es nicht trägt.
Vielleicht, weil es nicht das Eigene war.
Vielleicht aber auch, weil das Eigene noch hinter der Blockade sitzt und gar nicht herankommt.
So oder so folgt der nächste Kurs.
„Löse deine Blockaden.“
Und dann der übernächste.
Die Branche lebt nicht davon, dass man ankommt. Sie lebt davon, dass man weitersucht.
Die eine Frage, die das Karussell anhalten könnte, wird dabei kaum gestellt.
Nicht:
„Was ist meine Berufung?“
Sondern:
„Darf ich überhaupt etwas wollen, das nur meines ist? Vorausgesetzt, ich wüsste überhaupt, was meines ist.“
Und dann passiert etwas Heimtückisches
Der Platz, an dem der eigene Wunsch stehen müsste, bleibt nicht einfach leer.
Er wird gefüllt.
Mit einem geliehenen Wollen.
Mit dem, was man wollen sollte.
Eine Ausbildung. Ein Ehrenamt. Ein „irgendwas mit Sinn“.
Antworten, die nach Aufbruch klingen. Schön und sinnvoll – und doch nur das Naheliegende. Das, was man nimmt, wenn die eigene Richtung fehlt.
Genau das war bei meiner Bekannten das „selbst coachen“.
Keine Lüge.
Aber auch nicht ihr Eigenes.
Eine Antwort, die die Lücke füllt, damit dort nicht das Schweigen steht.
Und jetzt der Satz, der wirklich wehtut:
Das geliehene Wollen entsteht, weil nicht einmal das Nicht-Wollen gewollt werden darf.
Sie darf nicht sagen:
„Ich weiß es nicht.“
Sie darf auch nicht sagen:
„Ich will gerade gar nichts. Und das ist in Ordnung.“
Denn auch das wäre schon eine eigene Position. Ein eigenes, ruhiges Nein.
Also produziert sie schnell irgendein Ziel.
Lieber ein geliehenes Wollen als ein eigenes Schweigen.
Das geliehene Wollen ist nicht das Gegenteil von Klarheit.
Es ist der Beweis, dass selbst die Pause verboten ist.
Eine Pause, die nicht nur schön benannt, sondern auch ausgehalten wird.
Wo Veränderung wirklich beginnt
Deshalb reicht es oft nicht, jemandem zu sagen, er solle „einfach wieder hinspüren“.
Erst muss etwas anderes sichtbar werden:
Welche alte Ordnung meldet sich eigentlich, sobald mein eigenes Wollen auftaucht?
Wer sind die Wachen?
Wessen Stimme sagt:
„Das geht doch nicht“?
Solange die Wachen unsichtbar bleiben, hält man ihre Verbote für die eigene Vernunft.
Und manchmal sind die Wachen noch nicht das Letzte.
Hinter der Mauer aus Rollen steht oft eine zweite. Eine Mauer aus Gefühlen, die nie gelebt werden durften und deshalb geparkt wurden.
Jahrzehntelang.
Das ist der Grund, warum „einfach mal hinspüren“ nicht reicht.
Wer hinspürt, spürt irgendwann auch die.
Vielleicht beginnt Veränderung also gar nicht beim fertigen Ziel.
Sondern eine ganze Stufe früher.
Bei der Erlaubnis, überhaupt wieder eine eigene Richtung zu spüren – ohne sofort zu wissen, wohin sie führt. Ohne sie rechtfertigen zu müssen. Ohne Seminar.
Nicht:
„Was will ich?“
Sondern erst:
Darf ich wollen wollen?
Und manchmal reicht es, es an dieser einen Frage einen Moment lang auszuhalten, ohne sie sofort mit einem geliehenen Ziel zu füllen.
Auszuhalten, dass da erst einmal nichts kommt.
Das „Nichts“ ist nämlich nicht leer.
Es ist nur bewacht.
Und dahinter lauert …
