Zum Inhalt springen
frau in wanderpose am strand, neustart50


Der Moment, in dem etwas in dir leise zumacht

Ich weiß noch, wie ich damals meinen Schreibtisch aufgeräumt habe.

Ganz normal.
Papiere sortiert.
Den Tag beendet.
Nichts Dramatisches. Kein innerer Paukenschlag. Kein Satz wie: So, das war’s jetzt.

Ich bin einfach nach Hause gefahren.

Und irgendwann auf diesem Weg war da etwas.
Nicht als Gedanke.
Nicht als bewusste Entscheidung.
Eher wie ein Satz, der schon da war, bevor ich ihn denken konnte:

Da gehe ich nicht mehr hin.

Nicht trotzig.
Nicht laut.
Nicht heldenhaft.
Einfach da.

So etwas interessiert mich.

Diese Momente, in denen nicht außen zuerst etwas passiert, sondern innen.
Leise.
Klar.
Und so klar, dass der Kopf erst hinterherkommt.

Wenn der Kopf zu spät kommt

Der Kopf ist ja nicht blöd. Der meldet sich sofort.

Wirklich?
Kannst du nicht mehr?
Könntest du nicht vielleicht doch noch?
Müsstest du nicht wenigstens noch einmal?
Noch ein Gespräch. Noch ein Versuch. Noch ein Ruck.

Und genau da fängt es an, schwierig zu werden.

Denn solange wir im Können sind, kommt die alte Logik gleich hinterher.
Dann ist Disziplin nicht weit.
Dann wird aus innerer Grenze schnell ein Arbeitsauftrag.

Streng dich an.
Reiß dich zusammen.
Andere schaffen das doch auch.
Es war doch nicht alles schlecht.

Aber manchmal ist es nicht das.

Manchmal ist da zuerst nur dieses rohe, schwer erklärbare:

Es reicht. Schluss.

Nicht fein formuliert.
Nicht psychologisch sauber sortiert.
Eher wie ein innerer Riegel.

Vielleicht könnte ich noch. Aber ich will auch nicht mehr.

Und dann kommt der Kopf und will verhandeln.

Vielleicht kannst du noch.
Vielleicht geht noch etwas.
Vielleicht musst du nur anders.

Und dann taucht irgendwann der Satz darunter auf.
Nicht sofort.
Nicht als erster.
Eher als zweiter.
Als der, der bleibt.

Vielleicht könnte ich noch. Aber ich will auch nicht mehr.

Dieses auch ist nicht klein.

„Ich will nicht mehr“ hat man im Leben schnell mal gesagt.
In Beziehungen.
Im Job.
In Freundschaften.
Wenn man müde war. Genervt. Enttäuscht.

Und dann hat man doch weitergemacht.

Aus Angst.
Aus Hoffnung.
Aus Loyalität.
Aus Gewohnheit.
Weil man dachte: Komm. Noch einmal.

Aber dieses ich will auch nicht mehr ist etwas anderes.

Da ist oft noch Restkraft da.
Da ist oft noch Theorie da.
Da ist oft sogar noch die Möglichkeit da, weiterzumachen.

Nur innerlich steht etwas nicht mehr auf Fortsetzung.

Wenn es von außen plötzlich aussieht

Vor ein paar Tagen habe ich genau darüber nachgedacht, weil eine Freundin mir von ihrer Beziehung erzählte.

Lange unzufrieden.
Nicht seit gestern.
Nicht wegen einer Kleinigkeit.
Viel geredet. Viel versucht. Viel gehofft. Viel in dem System noch einmal hin und her bewegt.

Dann verliebt sie sich neu. Sagt es.
Und plötzlich wird er nett.

Rosen.
Bewegung.
Bemühen.

Von außen sieht das oft aus wie: Na also. Jetzt kommt doch was. Jetzt wird es vielleicht doch noch.

Aber innerlich war bei ihr längst eine Tür zu.

Und genau das verstehen andere oft nicht.
Weil sie den langen inneren Weg nicht gesehen haben.
Sie sehen nur den Punkt, an dem es sichtbar wird.

Dann wirkt es plötzlich.
Hart.
Vielleicht sogar irrational.

Ist es aber oft nicht.

Das Plötzliche ist nur der sichtbare Moment.
Nicht der ganze Prozess.

Es hat sich für mich ausgedeutschlandet

Ich kenne das nicht nur aus Beziehungen oder aus dem Job.

Ich hatte so einen Satz auch, als ich aus Nordzypern zurückkam, mir Deutschland ansah, die Nachrichten, die Stimmung, das Ganze – und plötzlich war da dieser Satz:

Es hat sich für mich ausgedeutschlandet.

Auch das war nicht vorher schön sortiert.
Nicht als Konzept.
Nicht als Plan.

Natürlich kamen die Stimmen sofort hinterher.

Du könntest doch noch.
Die Wohnung behalten.
Dir etwas offenlassen.
Nicht alles festlegen.
Absichern. Rückversichern. Zurückkönnen.

Und trotzdem war da dieses Nein.

Was da eigentlich entscheidet

Ich weiß nicht genau, was in solchen Momenten passiert.

Ob das Körpergedächtnis ist.
Ob da alte Erfahrungen zusammenlaufen.
Ob da Emotionen, Erschöpfung, Würde und Klarheit plötzlich an einer Stelle zusammenfinden.

Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur: Es ist nicht nur ein Gedanke.
Es kommt nicht nur aus dem Kopf.

Es ist eher ein ganzheitlicher Entschluss, der von innen nach außen geht.
Und wenn er da ist, kommt die Sprache oft erst später hinterher.

Vielleicht ist genau das so irritierend.
Für andere.
Und manchmal auch für einen selbst.

Weil man doch eben noch verhandelt hat.
Weil man doch eben noch Möglichkeiten gesehen hat.
Weil man doch eben noch dachte, man müsste fair bleiben, vernünftig, offen, abwägend.

Und dann ist da auf einmal etwas in einem, das nicht mehr diskutiert.

Nicht laut.
Nicht aggressiv.
Einfach nicht mehr verfügbar.

Der Punkt, an dem etwas in dir nicht mehr mitgeht

Ich glaube, viele Frauen kennen diesen Punkt.

Nicht nur in Beziehungen.
Auch in Jobs.
In Freundschaften.
In Familien.
In ganzen Lebensmodellen.

Lange wird getragen.
Erklärt.
Gehofft.
Ausgeglichen.
Nachjustiert.

Und irgendwann kippt etwas.

Nicht immer spektakulär.
Oft gerade nicht.
Eher leise.
Aber mit einer Wucht, gegen die Argumente plötzlich alt aussehen.

Vielleicht ist das das Verstörende daran:
Dass Klarheit nicht immer wie Klarheit aussieht.

Manchmal sieht sie von außen eher aus wie Überreaktion.
Oder wie ein zu spätes Drama.
Oder wie Undankbarkeit.

Und von innen?

Von innen ist es manchmal einfach nur das:

Es reicht. Schluss.

Und dann, etwas später:

Vielleicht könnte ich noch. Aber ich will auch nicht mehr.

Nicht als Laune.
Nicht als Trotz.
Sondern weil etwas in dir nicht mehr mitgeht. Kein Dienst mehr für wen oder was.

Und dann gucken die anderen staunend: Wie jetzt so plötzlich?

Ja, mag sein, dass es für euch komisch aussieht.
Aber es ist trotzdem Schluss.

Ein tiefer Atemzug.
Keine Lösung. Keine Richtung.
Aber eine kleine Kraftreserve für das, was jetzt kommt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

frau in wanderpose am strand, neustart50