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Heilversprechen verkaufen sich gut

Steinmännchen am Strand vor einem unruhigen Meer

Kann man sich aus einem kranken System herauscoachen?

Ich bin vor vier Jahren ausgewandert.

Nicht, weil ich glaubte, anderswo sei alles besser.
Nicht wegen Sonne, Meer und einem leichteren Leben.

Ich bin gegangen, weil ich schon damals gesehen habe, dass sich in Deutschland etwas grundlegend verschiebt.

Wirtschaftlich. Politisch. Gesellschaftlich.

Man kann das anders beurteilen. Man kann mir widersprechen. Aber ich kann nicht so tun, als sähe ich nicht, was ich sehe.

Und genau das bringt mich inzwischen in einen Konflikt mit meiner eigenen Arbeit.

Sei authentisch. Erkenne deinen Wert. Fang noch einmal neu an.

Gerade für Frauen ab 50 gibt es viele gut klingende Ratschläge.

Sei endlich du selbst.
Erkenne deinen Wert.
Trau dich, sichtbar zu werden.
Erfinde dich neu.
Jetzt bist du dran.

Ich kenne diese Sätze.

Einige davon habe ich selbst gesagt.

Und sie sind nicht grundsätzlich falsch.

Natürlich ist es wichtig, den eigenen Wert nicht nur davon abhängig zu machen, was andere sehen oder bezahlen.

Natürlich kann es nach fünfzig noch einmal ganz neu losgehen.

Natürlich gibt es Fähigkeiten, Wünsche und Seiten in uns, die lange keinen Platz hatten.

Aber inzwischen fehlt mir in vielen dieser Texte etwas Entscheidendes:

die Wirklichkeit draußen.

Denn was nützt es einer Frau, ihren Wert zu erkennen, wenn ihr Arbeitsplatz wegfällt?

Was hilft ihr der Satz „Jetzt bist du dran“, wenn sie nicht weiß, wie sie ihre Miete bezahlen soll?

Was bedeutet „Zeig dich“, wenn kaum noch jemand einstellt?

Und wie authentisch kann ein Mensch im Beruf sein, wenn er gleichzeitig froh sein muss, überhaupt noch einen Beruf zu haben?

Nicht alles ist ein Problem des Selbstwerts

Auf LinkedIn wird sehr viel verbessert.

Die Führung.

Die Kommunikation.

Das Selbstbild.

Die Resilienz.

Die Sichtbarkeit.

Die persönliche Marke.

Frauen sollen mutiger werden. Mitarbeitende flexibler. Führungskräfte klarer. Unternehmen menschlicher.

Alles soll noch ein bisschen besser funktionieren.

Aber was, wenn es nicht nur am Menschen liegt?

Was, wenn Arbeitsplätze tatsächlich verschwinden?

Was, wenn Unternehmen abbauen, rationalisieren oder ganz aufgeben?

Was, wenn künstliche Intelligenz nicht nur Arbeit erleichtert, sondern viele bisherige Tätigkeiten überflüssig macht?

Was, wenn wirtschaftliche und politische Entscheidungen ganz unmittelbar in die Lebensplanung von Menschen eingreifen?

Dann reicht es nicht, die Antwort wieder im Einzelnen zu suchen.

Nicht jede Zukunftsangst ist ein Glaubenssatz.

Nicht jede Erschöpfung ist ein mangelhaftes Energiemanagement.

Nicht jede berufliche Unsicherheit ist eine Einladung, sich endlich neu zu erfinden.

Manchmal ist die Unsicherheit real.

Ich kann Menschen klären. Aber nicht die Verhältnisse.

Ich kann mit Menschen arbeiten.

Ich kann helfen, Gedanken zu sortieren.

Ich kann unterscheiden zwischen dem, was tatsächlich geschieht, und dem, was die Angst zusätzlich daraus macht.

Ich kann dabei helfen, Fähigkeiten wiederzuentdecken, Entscheidungen vorzubereiten und Handlungsspielräume zu erkennen.

Ich kann mit einer Frau anschauen, wer sie geworden ist, was sie nicht mehr will und wo sie sich selbst zu lange zurückgestellt hat.

Aber ich kann ihr keinen Arbeitsplatz herbeicoachen.

Ich kann keine wirtschaftliche Sicherheit versprechen.

Ich kann kein krankes System gesund machen.

Und ich will auch nicht so tun, als müsse sie nur authentischer, sichtbarer oder selbstbewusster werden, dann werde sich das Außen schon fügen.

Das wäre gelogen.

Ohne Moos ist nichts los

Seit ich ausgewandert bin, werde ich immer wieder gefragt, wie man das macht.

Viele wünschen sich einen Ausweg.

Sie überlegen, nach Nordzypern zu kommen und hier irgendein kleines Geschäft aufzubauen.

Meine erste Frage lautet dann:

Wie sind deine finanziellen Mittel?

Nicht:

Was ist dein Traum?

Nicht:

Was sagt dein Herz?

Sondern:

Wovon willst du leben?

Das klingt hart. Aber auch am Meer müssen Rechnungen bezahlt werden.

Hier einfach anzukommen und zu hoffen, dass sich schon irgendetwas ergibt, funktioniert nicht.

Wer auswandert, braucht Rücklagen, ein tragfähiges Einkommen oder am besten eine Möglichkeit, ortsunabhängig Geld zu verdienen.

Ohne Moos ist nichts los.

Auch nicht unter Palmen.

Auswandern ist keine finanzielle Lösung.

Wer ohne Grundlage geht, tauscht womöglich nur eine Unsicherheit gegen eine andere.

Äußerlich gehen ist nicht für jeden möglich

Ich bin gegangen.

Aber ich kann nicht jedem sagen: Wander aus.

Viele können es nicht.

Viele haben Familie, Verpflichtungen, Eigentum oder gesundheitliche Gründe, die sie halten.

Und manche würden auch an einem anderen Ort dieselben Schwierigkeiten wiederfinden.

Denn aus einem Land auszuwandern bedeutet nicht automatisch, aus allen Abhängigkeiten auszusteigen.

Man braucht weiterhin Geld.

Man braucht Menschen.

Man braucht eine Aufgabe.

Man möchte Bedeutung haben.

Auch außerhalb der Europäischen Union wartet nicht automatisch die große Freiheit.

Kann man innerlich auswandern?

Vielleicht gibt es deshalb noch eine andere Bewegung.

Nicht sofort äußerlich gehen.

Sondern innerlich Abstand nehmen.

In Deutschland bleiben.

Die eigene Funktion erfüllen, solange sie noch trägt.

Weiterarbeiten.

Geld verdienen.

Verantwortung übernehmen.

Aber nicht mehr alles für wahr halten, was das System über Erfolg, Sicherheit und den eigenen Wert erzählt.

Innerlich auswandern könnte bedeuten:

Ich verwechsle meine berufliche Funktion nicht mehr mit meiner Identität.

Ich mache mich nicht selbst dafür verantwortlich, wenn die äußeren Verhältnisse schlechter werden.

Ich optimiere mich nicht endlos für Anforderungen, die mich auf Dauer kaputt machen.

Ich prüfe genauer, wofür ich meine Kraft noch einsetze.

Ich wahre meine wirtschaftliche Grundlage, wo es möglich ist.

Und gleichzeitig baue ich mir Spielräume auf.

Finanziell.

Innerlich.

Vielleicht auch räumlich.

Nicht kopflos.

Nicht als romantische Flucht.

Sondern mit offenen Augen.

Was kann Coaching dann überhaupt noch sein?

Vielleicht ist genau das die Frage, die mich gerade beschäftigt.

Was kann ich Frauen ab 50 anbieten, ohne ihnen eine Scheinlösung zu verkaufen?

Nicht:

Du musst nur deinen Wert erkennen.

Nicht:

Trau dich endlich.

Nicht:

Das Leben wartet nur darauf, dass du dich entscheidest.

Sondern:

Lass uns gemeinsam genau ansehen, wo du stehst.

Was ist äußerlich tatsächlich schwierig?

Was davon kannst du beeinflussen?

Was nicht?

Welche Sicherheiten brauchst du?

Welche Fähigkeiten hast du, die auch unter veränderten Bedingungen noch tragen?

Wo hältst du nur noch aus?

Wo wäre ein kleiner Schritt möglich?

Und wo brauchst du nicht mehr Mut, sondern zuerst einen nüchternen Plan?

Vielleicht geht es nicht mehr darum, Menschen für ein System zu verbessern.

Vielleicht geht es darum, dass sie darin nicht vollständig verloren gehen.

Dass sie unterscheiden lernen:

Was ist meins?

Was gehört zu den Verhältnissen?

Was muss ich akzeptieren?

Was kann ich verändern?

Wo muss ich bleiben?

Und wo kann ich beginnen, mich innerlich oder äußerlich zu lösen?

Ich habe keine Lösung für die wirtschaftliche und politische Lage.

Das wäre eine Anmaßung.

Aber ich kann mit Menschen nach den Lücken suchen, die noch da sind.

Nach Wegen durch unruhiges Fahrwasser.

Nach Möglichkeiten, die weder schönreden noch aufgeben.

Nicht alles ist lösbar.

Aber manches lässt sich klarer sehen.

Manches lässt sich vorbereiten.

Und manches lässt sich vielleicht doch noch verändern.

Nur eben nicht, indem wir so tun, als sei die Welt da draußen lediglich ein kleines Optimierungsproblem.

Vielleicht geht es nicht zuerst um die große Lösung.
Vielleicht geht es um die Frage: Wo sind meine Anker in unruhigen Gewässern?

Was trägt noch?
Welche Menschen?
Welche Fähigkeiten?
Welche finanzielle Grundlage?
Welche Aufgabe?
Welcher innere Ort, an dem ich nicht jedes Mal mitgerissen werde?

Und ehrlich: Diese Anker musste ich nach meiner Auswanderung ebenfalls neu suchen. Manche, von denen ich glaubte, sie würden mitkommen, blieben zurück. Andere entstanden erst hier. Auswandern brachte mich aus einem System heraus. Es ersparte mir aber nicht, mein Leben neu zu verankern.

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