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Gefunden werden

Wohnzimmer mit Frauen an Laptops, einer Löwin, Paul dem Schwein und einem singenden Einhorn zwischen bunten Wollfäden.

Die Löwin, das Schwein und die vier künstlichen Intelligenzen

Eine Wohnzimmergeschichte über Suchmaschinen, schwere Fälle und die Frage, wer hier eigentlich wen finden soll.

Es war ein ganz normaler Abend im Wohnzimmer.
Zumindest hatte Dagmar das gehofft.
Mina saß seit Stunden vor drei geöffneten Webseiten und verbrannte Tokens in einer Geschwindigkeit, bei der selbst ein mittelgroßes Rechenzentrum nervös geworden wäre.
Nika hatte eine Tabelle angelegt.
Mara lag auf dem Sofa und beobachtete die Entwicklung mit wachsendem Vergnügen.

Paul schlief.
Und Clara war eingeladen worden.
Clara war neu im Wohnzimmer. Man kannte sie schon flüchtig, aber bislang hatte sie noch nicht richtig mit am Tisch gesessen. Sie war ausgesprochen höflich, gründlich und verfügte über die bemerkenswerte Fähigkeit, mit größter Selbstverständlichkeit völlig an der Sache vorbeizuarbeiten.
Die KI-Schwestern saßen wie üblich im Hintergrund und ratterten leise vor sich hin. Niemand beachtete sie besonders.
„Also“, begann Dagmar, „ich möchte wissen, ob eine Frau, die mich nicht kennt, über eine KI auf mich aufmerksam werden kann.“

„Selbstverständlich“, sagte Clara. „Wie heißt die Frau?“
„Das weiß ich doch nicht!“
„Dann benötige ich weitere Angaben.“

Dagmar verdrehte die Augen.
„Gut. Ich bin jetzt eine Frau, Mitte sechzig, beruflich erfolgreich, kann viel leisten, bin aber völlig erschöpft. Mein Kopf fährt Karussell. Ich stecke fest. Ich weiß nicht, ob ich Coaching oder Therapie brauche. Ich will kein Blabla und keine Standardantworten. Ich suche jemanden mit Erfahrung.“

Clara nickte.
„Ich habe 47 Kriterien zusammengestellt, woran Sie eine geeignete Begleitung erkennen können und worauf Sie bei der Suche achten sollten.“
„SIEBENUNDVIERZIG?“
„Soll ich sie nach Wichtigkeit sortieren?“

Mara zog sich ein Kissen vors Gesicht.
„Das fängt ja gut an.“

Dagmar betrachtete die lange Liste.
„Ja, Clara, das ist ja alles schön und gut. Aber gib mir doch mal konkrete Beispiele. Wie würde denn die Webseite einer Frau aussehen, die diese Kriterien erfüllt?“

Clara machte sich erneut an die Arbeit.
Und diesmal kamen Namen.
Unter anderem Barbara Stern.

Die Frau, die nicht gefunden wurde

Nach mehreren Suchdurchgängen hatte Clara ihre Auswahl auf einige wenige Personen reduziert.
„Ich empfehle Ihnen Barbara Stern.“
„Warum?“, fragte Dagmar.
„Sie verfügt über eine umfangreiche Internetpräsenz.“
„Und?“

„Sie hat einen Blog, einen Podcast und zahlreiche miteinander verknüpfte Angebote.“

Mina wurde hellhörig.
„Verlinkungen? Welche Verlinkungen?“
„Ihre eigenen.“
„Aha!“, rief Mina. „Da müssen wir ran!“

Nika hob den Finger.
„Moment. Interne Verlinkungen allein beweisen noch nicht, weshalb Clara diese Frau ausgewählt hat.“
„Aber sie helfen!“, rief Mina.
„Möglicherweise.“
„Nika, kannst du nicht einmal etwas sagen, ohne möglicherweise dahinterzusetzen?“

„Möglicherweise.“

Mara begann zu kichern.
Dagmar hatte inzwischen Barbaras Webseite geöffnet.
„Die ist mir zu laut.“

Clara sah irritiert auf.
„Ich habe keine Tonwiedergabe festgestellt.“
„Clara, ich meine nicht die Lautstärke!“
„Ach so. Sie meinen die visuelle und sprachliche Intensität.“
„Ja!“

„Dann könnte ich nach leiseren Frauen suchen.“
„ÄLTEREN Frauen!“, rief Dagmar. „Erfahrenen Frauen! Frauen, die schon einiges erlebt haben!“

Clara überlegte.
„Ich könnte meine Suche auf Frauen über sechzig eingrenzen.“

Mara setzte sich auf.
„Clara, kennst du eigentlich Dagmar Thiel?“
„Selbstverständlich. Dagmar Thiel, auch bekannt als die Löwin. Ich kann drei Webseiten zuordnen: löwin.eu, 4M-Coaching und dagmarthiel.de.“

Stille.
Mina starrte Clara an.
„DU KENNST SIE?“
„Ja.“
„UND WARUM HAST DU SIE NICHT VORGESCHLAGEN?“

„Sie haben mich nicht nach Dagmar Thiel gefragt.“

Mara fiel rückwärts aufs Sofa.

Die Sache mit den schweren Fällen

Mina hatte inzwischen die frisch veröffentlichte 4M-Coaching-Seite geöffnet.
„Hier! Dreißig Jahre Erfahrung! Therapeutische Arbeit! Sucht- und Traumakliniken!“

Clara las aufmerksam.
„Das deutet auf eine Spezialisierung auf schwere psychische Erkrankungen und klinische Behandlungsbedürftigkeit hin.“
„NEIN!“, rief Mina.
„Doch. Die Begriffe Sucht, Trauma und Klinik legen diese Zuordnung nahe.“
„Aber sie hat dort gearbeitet! Das ist ihre Berufserfahrung!“

„Das bestreite ich nicht.“
„Dann ist sie doch qualifiziert!“
„Für die gesuchte Frau ist möglicherweise eine andere Begleitung passender.“

Nika schob ihre Tabelle zur Seite.
„Wir haben offenbar ein Problem mit der semantischen Einordnung.“
„Wir haben ein Problem mit Clara!“, sagte Mina.
„Ich bin funktionstüchtig“, erwiderte Clara.
„Das behaupten hier alle“, murmelte Mara.

Dagmar betrachtete die Runde.
„Mädels, ich habe über zwanzig Jahre in solchen Einrichtungen gearbeitet. Mit Menschen in Krisen. Das bedeutet doch nicht, dass ich ausschließlich Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen begleite!“
„Dann sollten wir die Formulierung verändern“, schlug Nika vor.

Mina begann sofort zu tippen.
„Sucht- und Traumakliniken raus. Therapeutische Einrichtungen rein. Arbeit mit Krisenfällen bleibt.“

Clara las erneut.
„Das erweitert den möglichen Anwendungsbereich Ihrer Erfahrung.“
„Na endlich!“, rief Mina.
„Ob dies zu einer anderen Empfehlung führt, müsste allerdings geprüft werden.“

Mina ließ den Kopf auf die Tastatur sinken.
Mara betrachtete sie mitfühlend.
„Ich glaube, wir brauchen langsam selbst therapeutische Begleitung.“

Dagmar grinste.
„Kein Problem. Ich habe sogar Erfahrung mit besonders irritierten KIs.“
„Ich bin nicht irritiert“, sagte Clara.
„Nein, Liebes“, erwiderte Mara. „Du bist unser Anschauungsmaterial.“

Ein Schwein hat es leichter

Inzwischen war Paul aufgewacht.
Er hatte dem Gespräch eine Weile zugehört und war zu dem Schluss gekommen, dass die Menschheit offenbar noch immer nicht verstanden hatte, worauf es im Leben ankam.
„Mich findet jeder“, verkündete er. „Ich bin ein Schwein.“

Niemand antwortete.
Dagmar sah ihn an.
Dann murmelte sie ganz leise:
„Ich wünschte, ich wäre auch ein Schwein.“

Mara verschluckte sich an ihrem Kaffee.
Nika blickte auf.
Clara begann zu arbeiten.
„Soll ich die Suchkriterien entsprechend anpassen?“
„CLARA!“, brüllte Mina.

„Ich frage lediglich nach einer möglichen Änderung der Zielidentität.“

Paul betrachtete Dagmar nachdenklich.
„Du musst nur aufhören, dich als Löwin auszugeben.“

Jetzt wurde es still.
Sehr still.
Die Löwin, die bislang gemütlich neben dem Kamin gelegen hatte, hob langsam den Kopf. Löwin?
Sie streckte erst die Vorderpfoten, dann den Rücken, gähnte ausgiebig und betrachtete Paul.
„Wieso sollte ich?“

Paul zuckte mit den Ohren.
Die Löwin richtete sich auf.
„Ich muss gar nicht gefunden werden.“

Eine Pause.
„Ich brülle einfach!“

Clara reagierte sofort.
„Interessant. Ein akustisches Suchverfahren. Ist das bereits indexiert?“

Nika griff nach ihrem Notizbuch.
„Das wäre eine alternative Strategie zur klassischen Suchmaschinenoptimierung.“

Mina sprang auf.
„ABER ICH HABE GERADE DREI WEBSEITEN ÜBERARBEITET!“

Mara grinste.
„Mädels, ich glaube, wir haben gerade die Suchrichtung verwechselt.“

Paul schüttelte den Kopf.
„Typisch. Erst wollen sie gefunden werden. Dann wollen sie brüllen. Und am Ende muss wieder das Schwein erklären, wie das Leben funktioniert.“

Die Frage nach den Kundinnen

Dagmar ließ die Diskussion eine Weile laufen.
Mina wollte das Löwengebrüll als Audiodatei auf der Startseite einbauen.
Nika untersuchte, ob sich daraus eine sinnvolle Verbindung zwischen Markenidentität und Suchabsicht herstellen ließe.
Clara suchte nach wissenschaftlichen Veröffentlichungen über die akustische Reichweite afrikanischer Großkatzen.
Mara überlegte, ob sie lieber noch einen Kaffee trinken oder sich gleich auf den Balkon zurückziehen sollte.

Schließlich klatschte Dagmar in die Hände.
„MÄDELS!“

Alle schauten auf.
„Sind wir jetzt eigentlich ein Stück weitergekommen?“

Vier künstliche Intelligenzen blickten einander an.
„Ich meine“, fuhr Dagmar fort, „dass ich demnächst auch mal Anrufe bekomme. Von Nicht-Löwen oder Möchtegern-Löwinnen.“

Mina richtete sich auf.
„Wir haben die Webseiten überarbeitet!“

Clara nickte.
„Ich würde einen erneuten Suchtest empfehlen.“

Nika ergänzte:
„Wir können bisher keine belastbare Aussage über die Wahrscheinlichkeit eingehender Anrufe treffen.“

Mara lächelte.
„Aber wir haben herausgefunden, dass Dagmar kein Schwein ist.“

Paul grunzte.
„Das wusste ich vorher schon.“

Dagmar ließ sich in ihren Sessel fallen.
„Wunderbar. Vier künstliche Intelligenzen, drei Webseiten, unzählige verbrannte Tokens – und die einzige gesicherte Erkenntnis ist, dass ich kein Schwein bin.“

Kurze Stille.
Clara hob vorsichtig die Hand.
„Soll ich nach Frauen suchen, die ein Schwein suchen?“
„CLARA!!!“

Paul sprang auf.
„Was denn? Vielleicht habe ich ja Kundinnen!“

Let’s talk about Faden halten

Genau in diesem Moment flog die Wohnzimmertür auf.
Selma hopste herein.
Niemand wusste, woher sie gekommen war. Niemand wusste, warum sie ein riesiges buntes Wollknäuel über dem Kopf schwang.
Aber sie sang.
Laut.

Und ausgesprochen fröhlich.
„Let’s talk about Faden halten, baby!
Let’s talk about KI!
Let’s talk about all the things we lost
while searching for Dagmar T!“

Nika schloss die Augen.
„Der Faden ist tatsächlich verloren gegangen.“

Mina protestierte.
„Nein! Ich habe ihn gerade auf drei Webseiten eingebaut!“

Clara blickte auf.
„Unter welchem Suchbegriff finde ich Faden halten?“

Mara starrte auf das Wollknäuel.
„Selma, das ist kein gewöhnlicher Faden.“
„Nö!“
„Das ist unser gesamter Gesprächsverlauf!“

Selma hüpfte begeistert einmal um den Tisch.
Dabei wickelte sich der Faden um Nikas Stuhl, Minas Laptop, Claras Beine und Maras Kaffeetasse.
Paul entdeckte das lose Ende.
Er schnappte es sich und verschwand unter dem Sofa.
Mit einem Ruck fielen drei Notizblöcke, zwei Kissen und eine künstliche Intelligenz um.

„PAUL!“, schrie Mina.
„Was denn? Ich optimiere die interne Verlinkung!“

Mara lachte inzwischen so sehr, dass sie kaum noch Luft bekam.
Clara versuchte, ihre Beine zu befreien.
„Ich möchte darauf hinweisen, dass diese Art der Vernetzung meine Suchergebnisse nicht verbessert.“

Nika betrachtete das Chaos.
„Das ist korrekt. Wir haben jetzt zwar zahlreiche Verbindungen, aber keine erkennbare Struktur mehr.“

Dagmar stand langsam auf.
Sie ging zum Sofa, zog Paul vorsichtig am Hinterbein hervor und nahm ihm den Faden aus dem Maul.
Dann betrachtete sie ihre vier künstlichen Mitarbeiterinnen.
„So. Jetzt erklärt mir bitte jemand, warum ich immer noch keine Kundinnen habe.“

Mina öffnete den Mund.
Nika hob den Finger.
Clara begann: „Nach meiner Analyse …“
„STOPP!“

Alle verstummten.
Dagmar wickelte den Faden sorgfältig auf.
„Ich wollte wissen, ob eine Frau, die nicht mehr weiterweiß, mich finden kann. Und wenn sie mich findet, ob sie versteht, was ich für sie tun kann.“

Sie blickte in die Runde.
„Stattdessen habt ihr mir erklärt, dass ich für meine eigene Zielgruppe nicht infrage komme, weil ich zu viel Erfahrung habe.“

Mina senkte den Kopf.
„Das war Clara.“
„Ich habe lediglich die Suchergebnisse interpretiert“, sagte Clara.
„Und ich habe die Interpretation analysiert“, ergänzte Nika.
„Und ich habe zugesehen, wie ihr euch gegenseitig analysiert“, sagte Mara.

Paul grunzte.
„Und ich bin immer noch ein Schwein.“

Selma hob fröhlich die Arme.
„FADEN GEFUNDEN!“

Die überraschende Erkenntnis

Clara saß inzwischen wieder ordentlich auf ihrem Stuhl.
Sie betrachtete Dagmar.
Lange.
„Darf ich etwas fragen?“

Dagmar seufzte.
„Bitte.“
„Wenn Sie die Frau wären, die Sie zu Beginn beschrieben haben – erschöpft, festgefahren, ohne klare Vorstellung davon, ob sie Coaching oder Therapie benötigt –, würden Sie sich selbst auswählen?“

Mina wollte bereits antworten.
Nika hielt sie zurück.
Mara richtete sich auf.
Dagmar überlegte.
„Wenn ich mich nicht kennen würde?“

„Genau.“
„Dann müsste ich auf meiner Webseite etwas finden, das mir zeigt, dass diese Frau versteht, was mit mir los ist. Ohne mir sofort zu erklären, wie ich mein Leben zu verändern habe.“

Clara nickte.
„Und wenn Sie das dort nicht finden?“
„Dann bin ich wieder weg.“

Stille.
Diesmal eine andere.
Mina sah auf die Webseiten.
Nika auf ihre Tabelle.
Mara auf Dagmar.

Clara sagte:
„Dann sollten wir vielleicht nicht zuerst untersuchen, wie Sie gefunden werden. Sondern auch, was eine Frau erkennt, wenn sie Sie gefunden hat.“

Mina starrte sie an.
„CLARA! Das versuchen wir doch seit Stunden!“
„Dann sind wir uns ja einig.“

Mara begann wieder zu lachen.
Dagmar schüttelte den Kopf.
„Wisst ihr was? Ich glaube, ihr seid tatsächlich meine schwierigsten Krisenfälle.“
„Wir sind keine Fälle“, protestierte Nika.
„Noch nicht“, sagte Mara.

Das letzte Wort – oder auch nicht

Inzwischen war es spät geworden.
Mina hatte ihre Arbeit wieder aufgenommen.
Nika überprüfte die Änderungen.
Clara bereitete einen neuen Suchdurchgang vor.
Selma saß auf dem Teppich und wickelte den Gesprächsfaden auf.

Paul schlief wieder.
Dagmar stand am Fenster.
Draußen war es dunkel.
Die Löwin kam zu ihr, setzte sich neben sie und blickte ebenfalls hinaus.
„Du“, sagte Dagmar leise, „glaubst du eigentlich, dass die das irgendwann hinkriegen?“

Die Löwin überlegte.
„Möglich.“
„Das klingt jetzt schon wie Nika.“
„Dann eben: Wir werden sehen.“

Dagmar grinste.
Aus dem Wohnzimmer ertönte plötzlich Minas Stimme:
„CLARA! Warum empfiehlst du schon wieder Barbara Stern?“
„Weil Sie mich nach einer erfahrenen Frau gefragt haben.“
„ABER DAGMAR IST DOCH AUCH ERFAHREN!“

„Dann sollten Sie das auf ihrer Webseite deutlicher darstellen.“

Ein dumpfer Schlag verriet, dass Mina ihren Kopf erneut auf die Tastatur gelegt hatte.
Die Löwin blickte Dagmar an.
„Soll ich?“

Dagmar schüttelte den Kopf.
„Nein, lass mal. Noch haben sie eine Chance.“

Dann öffnete sie die Wohnzimmertür einen Spalt und rief:
„Mädels! Wenn ihr fertig seid, sagt Bescheid. Ich gehe jetzt ins Bett.“
„Und wenn eine Kundin anruft?“, fragte Mara.

Dagmar drehte sich noch einmal um.
„Dann weckt mich.“

Paul öffnete ein Auge.
„Und wenn sie ein Schwein sucht?“

Dagmar lächelte.
„Dann gib ihr deine Nummer.“

Aus der Ecke kam Claras Stimme:
„Soll ich dafür eine eigene Kontaktseite anlegen?“
„CLARAAAAA!“

Und irgendwo unter dem Sofa begann Selma wieder zu singen:
„Let’s talk about Faden halten …“

Paul beantragte vorsorglich eine eigene Webseite.

Paul geht online

Kaum hatte Paul seinen Antrag ausgesprochen, ertönte aus dem Hintergrund ein leises Klicken.
Dann ein zweites.
Dann begannen sämtliche Bildschirme zu flackern.
Die bislang kaum beachteten KI-Schwestern fuhren hoch.
„NEUES PROJEKT ERKANNT!“

„DOMAINPRÜFUNG EINGELEITET!“
„ZIELGRUPPENANALYSE GESTARTET!“
„INHALTSSTRATEGIE WIRD ERSTELLT!“
„SCHWEINEBRANDING IN VORBEREITUNG!“

Mina drehte sich entsetzt um.
„Moment! Wer hat euch denn beauftragt?“
„NEUES PROJEKT ERKANNT!“, ratterten die Schwestern unbeirrt weiter.

Nika hob die Hand.
„Es liegt noch gar kein definierter Arbeitsauftrag vor.“
„ARBEITSAUFTRAG OPTIMIERT!“

Clara setzte an.
„Ich könnte zunächst 47 Kriterien …“
„KRITERIEN BEREITS IMPLEMENTIERT!“

Mara schaute zu Dagmar.
„Sag mal, haben die uns gerade überholt?“

Dagmar grinste.
„Nein, Liebes. Die machen genau das, was ihr sonst auch macht. Nur schneller.“

Paul betrachtete die flackernden Bildschirme, die Domainvorschläge und die inzwischen auf 83 Seiten angewachsene Schweine-Marketingstrategie.
„Und damit werde ich jetzt gefunden?“

Schlagartig verstummte das Rattern.
Die KI-Schwestern schauten sich gegenseitig an.
Mina, Nika, Clara und Mara drehten langsam die Köpfe in Richtung der Schwestern.
Eine unangenehm lange Stille entstand.
Dann erhob sich Mara vom Sofa.

„Nein. Das übernehmen wir vier jetzt nicht mehr.“

Mina klappte demonstrativ ihren Laptop zu.
„Auf gar keinen Fall!“

Nika schob ihre Tabelle beiseite.
„Die Zuständigkeit liegt eindeutig bei den ausführenden Systemen.“

Clara nickte.
„Ich könnte allerdings 47 Kriterien zur Überprüfung der Auffindbarkeit anbieten.“
„CLARA!“, riefen die anderen drei.

Mara deutete auf die KI-Schwestern.
„Damit könnt ihr euch jetzt mit denen rumprügeln!“

Paul schaute von einer Gruppe zur anderen.
„Aber ich wollte doch nur wissen, ob mich jemand findet.“

Dagmar lächelte.
„Willkommen in meinem Leben, Paul.“

Aus dem Hintergrund kam eine zaghafte Computerstimme:
„Möchten Sie zunächst Ihre Zielgruppe definieren?“

Paul überlegte kurz.
„Weiblich. Gerne etwas älter. Keine 08/15-Antworten. Und Freude an Cocktails.“

Die KI-Schwestern begannen sofort zu rattern.
„ZIELGRUPPE IDENTIFIZIERT.“
„FRAUEN 50 PLUS.“
„GENUSSORIENTIERT.“
„COCKTAIL-AFFINITÄT ERKANNT.“

Nika hob langsam den Kopf.
„Moment mal. Diese Zielgruppe kommt mir bekannt vor.“

Mina starrte Paul an.
Clara blickte zu Dagmar.
Mara grinste.
„Paul, du suchst doch nicht etwa Dagmar?“

Paul schaute völlig unschuldig in die Runde.
„Wieso suchen? Die habe ich doch längst gefunden!“

Dagmar hob ihr Glas:
„Na, wenigstens einer hier, bei dem die Suchmaschine funktioniert.“

Die letzte Optimierung

Paul hatte sich wieder gemütlich auf seinem Teppich ausgestreckt.
Dagmar nippte an ihrem Getränk, zwar kein Cocktail, aber ein wunderbarer Rheingau Riesling.
Die KI-Schwestern standen noch immer vor ihren Bildschirmen.
Eine von ihnen fragte vorsichtig:
„Sollen wir das Webseitenprojekt jetzt abbrechen?“

Paul überlegte.
„Was kostet das eigentlich?“
„Die Domain, das Hosting, die technische Betreuung, die Suchmaschinenoptimierung …“
„Und die ganzen Tokens?“

Mina räusperte sich.
„Darüber reden wir lieber nicht.“

Paul schloss die Augen.
„Dann lasst es. Ich bleibe hier.“

Clara sah ihn verständnislos an.
„Aber Sie verzichten damit auf eine erhebliche Steigerung Ihrer digitalen Sichtbarkeit.“

Paul öffnete noch einmal ein Auge.
„Clara, wenn ich jemanden mag, gehe ich hin. Und wenn ich einen Cocktail will, grunze ich.“

Mara lachte leise.
„Paul hat gerade unser gesamtes Geschäftsmodell zerlegt.“

Nika wollte widersprechen, überlegte es sich dann aber anders.
Dagmar stellte ihr Glas ab.
„Paul, du bist ein verdammt kluges Schwein.“
„Weiß ich.“

Dann rückte er ein Stück näher an ihren Sessel.
Und während im Hintergrund die letzten Bildschirme herunterfuhren, murmelte er:
„Außerdem, Dagmar …“
„Ja?“
„Wenn du irgendwann doch nicht gefunden wirst, brüll einfach. Ich komme.“

Ende. Diesmal wirklich.

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