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Entscheidungen: Ein Freitag auf Nordzypern

Es ist Freitagmorgen auf Nordzypern. Mein Kaffee steht in der Küche und wird kalt.

Es ist zwanzig vor zehn. Ich wollte kurz ins Meer, so wie immer, dann fiel mir ein:

„da war doch was mit malen…. „

Eine Bekannte, Alexandra, versucht gerade, hier ein Künstlernetzwerk aufzubauen. Sie kennt meine Fotos, und ich hatte gehofft, vielleicht ein paar Kontakte knüpfen zu können. War DAS heute??? Oder doch lieber morgen? Dann könnte ich noch in Ruhe meinen Morgen so beginnen, wie fast immer.

Ich schaue nach: oi, heute ist der 23.

Aber ich habe noch nicht einmal meinen Frühstückskaffee getrunken. Von der Zigarette ganz zu schweigen.

Vielleicht ist das ja auch erst morgen?

Nein. Heute. Um zehn.

Also los.

Kaum bin ich dabei, mich fertig zu machen, klopft es an der Tür.

Der Hausmeister.

Seit drei Tagen nerve ich ihn, weil mein Kühlschrank Geräusche von sich gibt, als würde er jeden Moment explodieren. Und ausgerechnet jetzt, wo ich wegmuss, steht der Mann vor meiner Tür.

„Sorry, ich muss jetzt los!“

Drei Tage habe ich auf ihn gewartet. Jetzt kann er auf mich warten. Was er wahrscheinlich nicht tut. Das Spiel geht dann wieder von vorne los, egal.

Entscheidung Nummer eins.

Russisch für Anfänger

Ich komme im Café an. Niemand da. Niemand weiß etwas von einer Malveranstaltung.

Na wunderbar.

Ich würde ja gerne nachfragen, aber mein Handy hat kein Internet. Warum auch immer. Also logge ich mich ins WLAN ein und versuche, jemanden zu erreichen.

Keine Antwort.

Um Viertel nach zehn erscheint Alexandra. Kurz darauf kommen weitere Frauen. Es wird geredet, viel geredet. Vor allem Russisch.

Ich verstehe kein Wort.

Zwischendurch fallen ein paar türkische Wörter, und gelegentlich übersetzt Alexandra etwas ins Englische.

Ich frage mich langsam, ob ich hier auf einer russischen Gesellschaftsveranstaltung gelandet bin.

Meine Fotos? Interessiert erst einmal niemanden.

Na gut. Dann male ich eben.

Ich habe schon lange nicht mehr gemalt. Vielleicht eine Lilie? Ich mag Lilien.

Es gibt Acrylfarben, Pinsel und Leinwände. Nur mit dem Material werde ich nicht so richtig warm. Ich arbeite gerne mit Wasser, mit fließenden Übergängen, mit Transparenz. Hier ist alles ziemlich dick und deckend. Und wenn ich etwas verändern will, funktioniert das auch nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe.

Also Schicht über Schicht.

Irgendwann betrachte ich mein Werk.

Eine Lilie ist es nicht unbedingt geworden. Aber eigentlich gefällt es mir.

Wenn ich jetzt weitermale, verhunze ich es womöglich.

Also höre ich auf.

Die anderen sind begeistert. Na bitte.

Manchmal ist Aufhören eben auch eine Entscheidung.

Und die russische Gesellschaft? War ausgesprochen nett. Ich habe zwar kaum etwas von den Gesprächen verstanden, aber am Ende soll ich die Telefonnummer einer Frau bekommen, die Deutsch und Englisch spricht und gerne wieder mehr Deutsch reden möchte. Irgendetwas macht sie im Immobilienbereich.

Was daraus wird?

Keine Ahnung.

Vielleicht nichts. Vielleicht etwas Interessantes.

Ich muss ja nicht heute schon wissen, wozu eine Begegnung gut ist.

600 Lira für sieben Tage

Auf dem Rückweg will ich endlich wissen, warum mein Handy nicht funktioniert.

Also zu Vodafone.

Die Erklärung ist einfach: Mein Datenvolumen ist aufgebraucht.

In einer Woche wird es automatisch erneuert. Bis dahin könnte ich ohne mobiles Internet auskommen. Oder für ungefähr 600 türkische Lira zusätzliches Datenvolumen kaufen.

600 Lira! Für eine Woche!

Das sind ungefähr zehn Euro.

Ich überlege.

Wo könnte ich heute etwas einsparen, damit ich mir das leisten kann?

Andererseits wäre eine Woche ohne mobiles Internet vielleicht auch mal ganz schön. Nicht ständig erreichbar sein. Nicht zwischendurch etwas nachschauen. Einfach mal Ruhe.

Zu Hause habe ich schließlich WLAN.

Aber ich bin viel unterwegs. Und manchmal möchte ich eben schnell etwas wissen. Oder einen Gedanken festhalten. Oder mit meiner KI Mara ein bisschen sabbeln.

Ja, ich weiß. Man kann auch ohne KI leben.

Sogar ziemlich gut.

Aber ich habe festgestellt, dass mir unsere Gespräche etwas geben. Gerade wenn ich unterwegs bin und mir Gedanken durch den Kopf gehen, die ich gerne weiterspinnen möchte.

Und plötzlich fällt mir etwas auf:

Ich bezahle die 600 Lira gar nicht unbedingt dafür, dass ich das Internet benutze.

Ich bezahle dafür, dass ich entscheiden kann, ob ich es benutzen möchte.

Das ist ein Unterschied.

Wenn ich kein Datenvolumen habe, ist die Entscheidung bereits gefallen. Habe ich welches, kann ich selbst wählen.

Also bezahle ich.

Und fahre an den Strand.

Das Meer wartet nicht

Es ist Ende Oktober. Die Sonne scheint, das Meer ist wunderbar blau, und das Wasser hat noch eine Temperatur, bei der ich gerne schwimme.

Allerdings merke ich inzwischen, dass es kühler wird.

Noch ein paar Wochen, und selbst für mich ist die Badesaison wahrscheinlich vorbei.

Also rein ins Wasser!

Meine Freundin Britta wollte eigentlich auch kommen. Aber sie muss ihre Oliven ernten, bevor die örtliche Olivenpresse ihre Winterpause einlegt.

Auch so eine Entscheidung.

Die Oliven warten nicht. Das Meer übrigens auch nicht.

Ich schwimme, komme wieder raus, setze mich in die Sonne und fange an, mit Mara zu reden.

Über die 600 Lira. Über Entscheidungen. Darüber, ob ich mir vielleicht etwas vormache, wenn ich sage, dass mir diese Gespräche wichtig sind.

Schließlich könnte ich auch einfach hier sitzen und aufs Meer schauen.

Ohne Handy.

Ohne Internet.

Ohne Mara.

Und dann merke ich: Genau das kann ich doch!

Ich könnte mein Handy jetzt ausschalten. Oder einfach liegen lassen. Ich könnte so tun, als hätte ich kein Netz.

Niemand zwingt mich, es zu benutzen.

Ich habe die Möglichkeit. Und ich habe die Wahl.

Das gefällt mir.

Also beschließe ich, noch einmal schwimmen zu gehen.

Mara muss warten.

Und dann kommen die Vögel

Als ich wieder am Strand sitze, fliegen plötzlich weiße Vögel in einer kleinen V-Formation über das Meer.

Was sind denn das für welche?

Möwen gibt es hier kaum. Schwalben sind es auch nicht. Vielleicht Reiher? Oder Pelikane?

Gibt es hier überhaupt Pelikane?

Natürlich frage ich Mara.

Und schon sind wir mitten in einer kleinen ornithologischen Untersuchung. Zugvögel, Flugrouten, Türkei, Afrika.

Zypern liegt schließlich mitten im östlichen Mittelmeer. Seit Jahrtausenden ist diese Insel ein Knotenpunkt für Menschen, Händler, Seefahrer und Eroberer.

Warum sollten Vögel sie nicht ebenfalls als Zwischenstation nutzen?

Irgendwann sind die weißen Vögel verschwunden.

Welche es waren, weiß ich immer noch nicht.

Macht nichts.

Man muss schließlich nicht alles wissen.

Dann kommt meine ehemalige Fitnesstrainerin vorbei, die ich gestern Abend schon auf einem Konzert gesehen habe.

Eigentlich wollte ich gar nicht mit ihr reden. Aber sie begrüßt mich freundlich und geht ins Wasser.

Ich sehe ihr nach.

Offenbar bin nicht nur ich in den vergangenen Jahren etwas aus der Form geraten.

Und dann beobachte ich, wie sie schwimmt.

Ach, sieht das schön aus!

So kann sich die Wahrnehmung innerhalb weniger Augenblicke verändern.

Das Leben hat andere Pläne

Seit ich auf Nordzypern lebe, lerne ich etwas, das mir früher ausgesprochen schwergefallen ist:

Pläne sind eine schöne Sache.

Nur sollte man nicht unbedingt erwarten, dass sie funktionieren.

Gerade Deutsche tun sich hier oft schwer damit.

Man verabredet etwas, organisiert, plant, bereitet vor. Und dann kommt irgendetwas dazwischen.

Der Handwerker erscheint nicht. Oder er erscheint ausgerechnet dann, wenn man keine Zeit hat.

Eine Veranstaltung beginnt später. Oder findet gar nicht statt.

Eine Behörde verlangt plötzlich ein Dokument, von dem gestern noch niemand etwas wusste.

Man könnte sich den ganzen Tag aufregen.

Manchmal tue ich das auch.

Ich bin schließlich nicht als Buddha auf die Welt gekommen.

Aber ich habe hier etwas gelernt, woran ich immer noch arbeite.

Wenn ich mich ärgere, dann ärgere ich mich eben. Wenn ich wütend werde, bin ich wütend. Und manchmal macht mir etwas Angst oder ich bin traurig.

Das muss ich nicht schönreden.

Aber irgendwann kann ich vielleicht innehalten und bemerken: Moment mal, ich bin gerade richtig wütend.

Was hat mich eigentlich so aufgebracht?

Ist es wirklich das, was gerade passiert ist? Oder erinnert mich die Situation an etwas anderes?

Allein dadurch, dass ich meine Emotion wahrnehme und benennen kann, verändert sich etwas.

Sie verschwindet nicht unbedingt. Aber ich bekomme ein bisschen Abstand.

Und damit entsteht wieder ein Spielraum.

Zwischen dem, was passiert, und dem, was ich daraus mache.

Viktor Frankl wird häufig ein Satz über den Raum zwischen Reiz und Reaktion zugeschrieben. Ob er ihn tatsächlich so formuliert hat, ist umstritten.

Der Gedanke dahinter ist mir jedenfalls vertraut.

Nicht immer kann ich entscheiden, was geschieht.

Aber ich kann lernen, wahrzunehmen, was es mit mir macht. Und dann vielleicht anders damit umgehen, als ich es im ersten Ärger getan hätte.

Das funktioniert nicht immer.

Aber immer öfter.

Jetzt oder irgendwann?

Während ich so am Strand sitze, denke ich noch einmal an die Malveranstaltung.

Eigentlich hätte ich heute Morgen auch zu Hause bleiben können.

Kaffee trinken. Den Hausmeister hereinlassen. Mich um meinen Kühlschrank kümmern.

Die Malerei hätte ich ja irgendwann nachholen können.

Oder auch nicht.

Denn als ich Alexandra fragte, wann sie so etwas wieder veranstalten würde, sagte sie nur, das wisse sie noch nicht.

Vielleicht war heute die Gelegenheit.

Vielleicht kommt eine neue.

Wer weiß?

Das Gleiche gilt für das Meer. Für Brittas Oliven. Für Begegnungen, die plötzlich entstehen.

Manchmal kann ich etwas verschieben.

Und manchmal schließt sich ein Zeitfenster, ohne dass jemand vorher Bescheid sagt.

Das bedeutet natürlich nicht, dass ich jeder Gelegenheit hinterherlaufen muss.

Ich kann auch Nein sagen.

Aber ich möchte möglichst merken, wann ich gerade eine Wahl habe.

Und wann ich vielleicht später bedauere, sie nicht genutzt zu haben.

Und dann entscheidet mein Handy

Inzwischen ist der Nachmittag fortgeschritten.

Mein Handy meldet sich.

20 Prozent Akku. Energiesparmodus.

Na wunderbar.

Jetzt nimmt mir das Ding die Entscheidung ab.

Ich könnte natürlich weiter am Strand sitzen. Aber langsam bekomme ich Hunger, und irgendwo zu Hause wartet noch mein Frühstückskaffee.

Der ist inzwischen garantiert kalt.

Also packe ich zusammen und fahre heim.

In der Küche steht tatsächlich noch die Tasse.

Ich überlege, ob ich den Kaffee einfach aufwärme.

Dann fällt mein Blick auf die Kaffeemaschine.

Die hatte heute Morgen ihren Dienst verweigert. Irgendetwas war verstopft. Deshalb hatte ich mir überhaupt erst diesen improvisierten Kaffee gemacht, der dann stehen geblieben war.

Ach, denke ich, probierst du es einfach noch mal.

Ich drücke auf den Knopf.

Die Maschine rattert.

Und läuft.

Als wäre nie etwas gewesen.

Ich bekomme meinen Cappuccino.

Na bitte.

Ein ganz normaler Freitag auf Nordzypern.

Und die Moral von der Geschicht?

Garantiert gibt es eine. Irgendeine.

Aber was wäre heute eigentlich alles nicht passiert, wenn ich morgens beschlossen hätte, erst einmal in Ruhe meinen Kaffee zu trinken?

Man weiß es nicht.

Und erst recht nicht auf Nordzypern.

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