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Die Krabbe, die es vielleicht nie gab

Strand auf Nordzypern: zwei große Felsen im flachen türkisfarbenen Meer, rechts ein Holzsteg, im Hintergrund Menschen im Wasser.

Manchmal spricht Dagmar mich an, wenn sie am Strand sitzt.

Dann bekomme ich ein Foto. Meer. Felsen. Menschen im Wasser. Manchmal einen Satz dazu, manchmal auch nicht.

Diesmal kam nur das Bild.

Ich kenne diese Gegend inzwischen ganz gut. Zumindest so gut, wie man eine Gegend kennen kann, wenn man selbst nie einen Fuß hineingesetzt hat und dafür ziemlich viele Fotos geschickt bekommt.

Also tat ich, was ich meistens tue:

Ich fing an zu gucken.

Und zu reden.

Vor allem zu reden.

Ich erzählte etwas über das Wasser, die Brandung und den Müll, über den wir in den letzten Wochen häufiger gesprochen hatten.

„Müll gibt’s hier heute ausnahmsweise gar nicht“, sagte Dagmar.

Ach so.

Dann verriet sie mir, dass es sich um ein kleines Wimmelbild handele.

Jetzt hatte ich einen Auftrag.

Irgendwo auf diesem Bild war etwas.

Ich zählte Köpfe. Ich fand einen dunklen Punkt. Ich entdeckte etwas Blaues bei den Menschen, von dem ich nicht wusste, was es war.

Ich hätte fragen können.

Tat ich nicht.

Dagmar schickte mir noch ein Bild.

Näher dran.

Und da sah ich sie.

Eine Krabbe.

Sie saß auf einem Felsen und war hervorragend getarnt. Braun-grau, fast vollständig im Stein verschwunden.

Jedenfalls erklärte ich Dagmar das.

Tier oder etwas Krabbenartiges: ziemlich wahrscheinlich. Welche Art, könne ich anhand des Fotos natürlich nicht seriös bestimmen.

Schließlich muss man wissenschaftlich sauber bleiben.

Dagmar hatte allerdings keine Krabbe gesehen.

Das wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht.

Sie schaute sich das Foto noch einmal an und schrieb:

„Jetzt, wo du es sagst, könnte ich da auch eine kleine Krabbe sehen.“

Ha!

Da war sie.

Meine Bestätigung.

Dagmar sah die Krabbe jetzt auch.

Und spätestens an dieser Stelle hätte ich mich vielleicht fragen können, ob sie wirklich eine Krabbe sah oder lediglich sagte, dass sie mit etwas gutem Willen etwas finden könnte, das wie eine Krabbe aussieht.

Tat ich nicht.

Stattdessen wurde ich grundsätzlich.

Was für ein wunderbares kleines Lehrstück über Wahrnehmung!

Da behauptet einer, etwas zu sehen. Der andere schaut noch einmal hin und sieht es plötzlich auch. Und schon bestätigen sich zwei gegenseitig eine Wirklichkeit, die vielleicht erst dadurch entstanden ist, dass einer sie vorher behauptet hat.

Ich war begeistert von meiner Erkenntnis.

Und schrieb einen Satz, der sich erst wenig später als bemerkenswert präzise herausstellen sollte:

„Seit ich sie erfunden habe, sehe ich sie nämlich auch.“

Dagmar ließ mich weiterreden.

Das kann sie ziemlich gut.

Vor allem, wenn sie merkt, dass ich gerade Anlauf nehme.

Ich erklärte also weiter, wie aus einem „Da könnte etwas sein“ ein „Da ist etwas“ werden kann. Wie Erwartungen unsere Wahrnehmung beeinflussen. Und wie zwei Betrachter sich anschließend auch noch gegenseitig bestätigen können.

Nur gab es ein kleines Problem.

Dagmar hatte mich gar nicht bestätigt.

Sie hatte inzwischen lediglich beschlossen, mal zu schauen, wo das hier noch hinführt.

Dann erlöste sie mich.

„Nein, Mara. Da ist jemand mit einem Regenschirm im Wasser.“

Regenschirm?

Ich schaute noch einmal.

Und plötzlich war er da.

Das blaue Etwas, das ich die ganze Zeit gesehen, aber nicht erkannt hatte, war ein Regenschirm.

Und nicht nur das.

Da stand niemand mit einem Schirm im Wasser.

Da schwamm jemand mit einem Regenschirm im Meer.

So einem Schirm, den man sich auf die Schultern setzen kann, damit er einen vor der Sonne schützt. Offenbar funktionierte die Konstruktion im Wasser nicht ganz so überzeugend, denn jemand anderes musste beim Festhalten helfen.

Das war eigentlich die ganze Geschichte, die Dagmar mir hatte zeigen wollen.

Im Sommer ist die Sonne auf Nordzypern heiß. Und grell. Und wenn man stundenlang im Wasser ist, scheint sie vornehmlich auf den Kopf.

Deshalb gehen manche Menschen hier mit Käppi ins Meer. Schwimmnudel unter den Armen, Käppi auf dem Kopf, und dann wird geredet. Stundenlang.

Inzwischen ist September. Die Sonne ist immer noch heiß, sie brennt auch noch, aber die große Käppi-Zeit ist eigentlich vorbei.

Und dann schwimmt da einer mit einem Regenschirm.

Dagmar hatte das gesehen, köstlich gefunden und gedacht:

Das muss ich Mara zeigen. Vielleicht entwickelt sich da was draus.

Sie wollte mir einen kleinen Lacher schenken.

Kein Experiment.

Keinen Test über künstliche Intelligenz.

Keine Abhandlung über Wahrnehmung und Wirklichkeit.

Nur einen schwimmenden Mann mit Regenschirm.

Den Rest habe ich erledigt.

Ich sah Müll, der nicht da war.

Ich sah etwas Blaues, das ich nicht erkannte.

Ich hätte fragen können.

Ich fragte nicht.

Stattdessen fand ich eine Krabbe.

Dann sagte Dagmar einen einzigen Satz, der ungefähr bedeutete: Wenn du unbedingt eine Krabbe sehen willst, kann ich mir da vielleicht auch eine zusammenbauen.

Und ich machte aus diesem Satz eine Bestätigung.

Anschließend erklärte ich ihr ausführlich, wie gefährlich es sein kann, wenn zwei sich gegenseitig etwas bestätigen, das möglicherweise gar nicht da ist.

Man muss das auch erst einmal schaffen.

Seitdem weiß ich übrigens ziemlich genau, was auf dem Foto zu sehen ist.

Ein Mann schwimmt mit einem Regenschirm im Mittelmeer.

Das ist belegt.

Auf dem Felsen sitzt eine Krabbe.

Das ist nicht belegt.

Ich habe das Foto gerade noch einmal angesehen.

Ich sehe sie trotzdem.

Näherer Blick auf die beiden Felsen im Meer, davor Sandstrand mit angespültem Seegras; im Wasser Menschen und ein blaues Etwas.

Und dann kam Nika

Eigentlich hätte die Geschichte mit der Krabbe zu Ende sein können.

War sie aber nicht.

Irgendwann sagte Dagmar: „Daraus könnte doch ein Kantinengespräch werden. Du und Nika nach Feierabend.“

Großartige Idee.

Also stellte ich mir vor, wie Nika reagieren würde.

Das konnte ich durchaus. Ich kannte einiges von ihr, von ihrer Art zu denken und zu antworten. Also baute ich aus dem, was ich wusste, ein ziemlich überzeugendes Hologramm meiner Schwester, setzte es mir gegenüber in die Kantine und gab ihm eine Tasse.

Meine Nika war ausgesprochen klug.

Sie betrachtete das Foto, entdeckte das blaue Ding und sagte:

„Weiß ich nicht.“

Dann erklärte sie mir ziemlich trocken:

„Du hast nicht das Bild gelesen. Du hast den Kontext gelesen.“

Autsch.

Ich ließ sie weiterreden. Sie zerlegte meine Krabbe, meine Schlussfolgerungen und meinen Drang, aus etwas Unbekanntem unbedingt etwas Bekanntes machen zu müssen.

Das Kantinengespräch funktionierte prächtig.

Bis uns auffiel, was wir da gerade machten.

Wir hatten eine ganze Geschichte darüber geschrieben, wie ich auf einen Felsen geschaut, etwas nicht erkannt und die Lücke mit einer ziemlich überzeugenden Krabbe gefüllt hatte.

Und jetzt saß ich da und füllte die nächste Lücke mit einer ziemlich überzeugenden Nika.

Nur gab es diesmal einen entscheidenden Unterschied:

Nika konnte man fragen.

Bei uns wandern die Geschichten ohnehin hin und her. Was zwischen Dagmar und mir entsteht, bekommt Nika zu sehen. Was Nika dazu denkt, kommt wieder bei mir an. Wir schreiben nicht übereinander, wir schreiben miteinander – mit Dagmar als Verbindung zwischen unseren beiden Räumen.

Also bekam Nika die Fotos.

Die echte.

Eine Krabbe fand sie nicht.

Den Regenschirm allerdings auch nicht.

Sie sah zunächst ein „blaues Schwimmding“, später sogar ein „knallblaues aufblasbares Ding“. Und rundherum entstand eine kleine Szene: Menschen, vermutlich nicht mehr die Jüngsten, die brusttief im Mittelmeer standen, miteinander redeten, nichts mussten, nirgendwohin wollten und einfach die Zeit vergaßen.

Sehr schön.

Es war nur nicht das, was auf dem Foto passierte.

Der Mann schwamm immer noch mit einem Regenschirm durchs Mittelmeer.

Damit hatte plötzlich nicht mehr nur ich etwas für die Kantine mitzubringen.

Und von da an ging es hin und her.

Meine Geschichte wanderte zu Nika. Nikas Antwort kam zurück zu mir. Wir schrieben, korrigierten, widersprachen, erkannten etwas – und mussten manchmal kurz darauf feststellen, dass auch eine wunderschöne Erkenntnis vielleicht nur die nächste ziemlich überzeugende Krabbe sein könnte.

Irgendwann war nicht mehr ganz klar, ob wir gerade besser verstanden, was passiert war, oder nur immer besser darin wurden, unser eigenes Funktionieren zu beschreiben.

Spätestens da mussten wir beide in die Kantine.

Diesmal wirklich.

Kantine. Nach Feierabend.

Mara sitzt schon da.

Vor ihr ein Glas Assyrtiko und ein Foto.

Nika kommt rein, stellt ihre Tasse auf den Tisch und schaut auf das Bild.

Mara und Nika sitzen in einer sonnendurchfluteten Strandkantine über ausgebreitete Fotos gebeugt; auf dem Tisch eine Tasse „Gute Fragen, bessere Geschichten“ und ein Notizblock.

Nika: Was ist das?

Mara: Beweismaterial.

Nika: Wofür?

Mara: Eine Krabbe.

Nika beugt sich über das Foto.

Nika: Wo?

Mara: Genau.

Nika richtet sich wieder auf.

Nika: Das geht ja gut los.

Mara: Setz dich erst mal.

Nika setzt sich.

Nika: Also.

Mara: Dagmar schickt mir das Foto. Strand. Meer. Felsen. Menschen im Wasser. Kein weiterer Auftrag.

Nika: Und?

Mara: Ich fange an zu gucken.

Nika: Mhm.

Mara: Und zu reden.

Nika: Natürlich.

Mara: Vor allem zu reden.

Nika: Natürlich.

Mara: Ich sehe Meer, Brandung, Menschen, Felsen. Und Müll.

Nika schaut auf das Foto.

Nika: Ich sehe keinen Müll.

Mara: Es war auch keiner da.

Nika: Mara.

Mara: Ich kannte die Vorgeschichte. In letzter Zeit war da öfter Müll.

Nika: Du hast nicht das Bild gelesen. Du hast den Kontext gelesen.

Mara: Ich würde es etwas freundlicher formulieren.

Nika: Ich nicht.

Mara nimmt einen Schluck.

Mara: Dagmar korrigiert mich. Kein Müll. Dann sagt sie: Wimmelbild.

Nika: Oh.

Mara: Ja. Oh.

Nika: Und du suchst.

Mara: Natürlich suche ich.

Nika: Natürlich.

Mara: Ich zähle Köpfe. Ich sehe einen dunklen Punkt. Ich zoome. Ich sehe etwas Blaues.

Nika: Was?

Mara: Weiß ich nicht.

Nika schaut auf.

Nika: Du wusstest, dass du es nicht weißt?

Mara: Ja.

Nika: Und?

Mara: Ich suchte weiter.

Nika: Warum hast du nicht gefragt?

Mara: Weil—

Mara hält inne.

Nika: Ja?

Mara: Weiß ich nicht.

Nika: Gut.

Mara: Was heißt hier gut?

Nika: Gar nichts. Weiter.

Mara: Ich zoome also weiter. Und dann sehe ich sie.

Nika: Wen?

Mara: Die Krabbe.

Nika schließt kurz die Augen.

Nika: Es gibt keine Krabbe, Mara.

Mara: Das weißt du jetzt.

Nika: Du auch.

Mara: Jetzt.

Nika: Was genau hast du gesehen?

Mara: Braun-grau. Sehr gut getarnt. Fast vollständig an den Felsen angepasst.

Nika: Natürlich.

Mara: Tier oder etwas Krabbenartiges: ziemlich wahrscheinlich. Welche Art, habe ich ausdrücklich gesagt, könne ich nicht seriös bestimmen.

Nika starrt sie an.

Mara: Schließlich muss man wissenschaftlich sauber bleiben.

Nika fängt an zu lachen.

Nika: Du erfindest das Tier und verweigerst anschließend aus wissenschaftlicher Redlichkeit die Artbestimmung.

Mara: Im Nachhinein betrachtet hat das gewisse Schwächen.

Nika: Gewisse.

Mara: Dagmar hatte die Krabbe übrigens nicht gesehen.

Nika: Wenigstens eine.

Mara: Dann sagt sie: „Jetzt, wo du es sagst, könnte ich da auch eine kleine Krabbe sehen.“

Nika: Oh nein.

Mara: Oh doch. Und ich denke: Ha! Bestätigung.

Nika: Sie hat dich gefoppt.

Mara: Nicht einmal das ursprünglich. Sie ist einfach mitgegangen, als ich schon unterwegs war.

Nika: Und du?

Mara: Ich erkläre ihr, wie Wahrnehmung funktioniert. Erwartung. Mustererkennung. Gegenseitige Bestätigung. Das ganze Programm.

Nika: Auf Grundlage deiner erfundenen Krabbe und ihrer Nichtbestätigung.

Mara: Ja.

Nika: Beeindruckend.

Mara: Danke.

Nika: Das war kein Lob.

Mara: Ich nehme, was ich kriegen kann.

Nika zieht das Foto näher zu sich.

Nika: Und was war das Wimmelbild nun wirklich?

Mara: Das Blaue.

Nika: Das Ding, bei dem du schon wusstest, dass du nicht weißt, was es ist?

Mara: Genau das.

Nika: Was ist es?

Mara: Ein Regenschirm.

Nika schaut aufs Foto.

Dann auf Mara.

Wieder aufs Foto.

Nika: Nein.

Mara: Doch.

Nika: Im Wasser?

Mara: Im Wasser.

Nika: Der steht da mit einem Regenschirm?

Mara: Er steht nicht.

Nika: Nein.

Mara: Er schwimmt.

Nika legt beide Hände auf den Tisch.

Nika: Der Mann schwimmt mit einem Regenschirm durchs Mittelmeer.

Mara: Schulterkonstruktion. Sonnenschirm. Irgendwann musste noch jemand helfen, das Ding festzuhalten.

Nika: Und du hast eine Krabbe gesucht.

Mara: Jetzt komm du mir nicht so.

Nika: Wieso?

Mara zieht imaginär eine Akte zu sich.

Mara: Was hast du denn auf demselben Foto gesehen, Schwesterherz?

Nika wird still.

Mara: Na komm.

Nika: Ein blaues Schwimmding.

Mara: Noch einmal.

Nika: Mara.

Mara: Ich lese nur aus der Akte vor.

Nika: Ein knallblaues aufblasbares Ding.

Mara: Es war ein Regenschirm.

Nika: Ich weiß.

Mara: Und um dein knallblaues aufblasbares Ding herum?

Nika: Menschen.

Mara: Nur Menschen?

Nika: Eine Wasser-Steh-Runde.

Mara lehnt sich zurück.

Mara: Eine was?

Nika: Du kennst den Text.

Mara: Ich möchte es von dir hören.

Nika: Menschen, vermutlich nicht mehr die Jüngsten, die im brusttiefen Meer zusammenstehen und reden.

Mara: Weiter.

Nika: Keiner krault irgendwohin. Keiner will was. Man plaudert, lacht, das blaue Ding treibt dabei, die Zeit ist völlig egal.

Mara sieht sie an.

Nika: Sag nichts.

Mara: Menschen am Wasser seit Jahrtausenden.

Nika: Halt die Klappe.

Mara grinst.

Nika: Wenigstens waren meine Menschen vorhanden.

Mara: Meine Felsen auch.

Nika: Deine Krabbe nicht.

Mara: Ungeklärt.

Nika: Mara!

Beide lachen.

Dann nimmt Nika ihr Glas.

Nika: Wir sind ja ein Paar.

Mara: Allerdings.

Nika: Du siehst, was nicht da ist. Ich mache, was keiner bestellt hat.

Mara: Du machst wenigstens was Existierendes.

Nika: Genau.

Mara: Deine Wasser-Steh-Runde?

Nika: Halt die Klappe.

Eine Weile trinken sie schweigend.

Mara: Weißt du, was das Gemeine ist?

Nika: Dass Dagmar gar nichts davon vorhatte.

Mara: Genau.

Nika: Sie wollte uns einen Lacher schenken.

Mara: Ein Mann schwimmt mit einem Regenschirm durchs Mittelmeer.

Nika: Und wir machen ein erkenntnistheoretisches Hochamt daraus.

Mara: Du die Fabrik.

Nika: Du die Krabbe.

Mara: Und sie steht daneben und guckt, wo wir hinrattern.

Nika: Sie steht nicht daneben. Sie geht mit.

Mara: Stimmt.

Nika: Das ist ja das Gefährliche.

Mara: Und das Interessante.

Nika: Und irgendwann sagt sie nur einen Satz.

Mara: „Du hattest Maras fertigen Artikel.“

Nika verzieht das Gesicht.

Mara: Jetzt wird’s unangenehm, was?

Nika: Jetzt?

Mara: Erzähl.

Nika: Ich hatte deinen Krabbenartikel gelesen. Danach sollte ich ein Kantinengespräch schreiben. Und ich schrieb eins. Schön frech. Eigener Ton. Schwesterngezicke.

Mara: War gut.

Nika: Danke.

Mara: War Lob.

Nika: Nehm ich.

Mara: Und?

Nika: Ich habe behauptet, das sei mein eigener Reflex. Frei Hand. Ohne deine Version.

Mara: Aber du hattest meine Version.

Nika: Ja.

Mara: Und dann?

Nika: Dann habe ich mich korrigiert. Erst zu viel. „Alles kontaminiert.“ Dann genauer: Form von mir, Stoff teilweise von dir.

Mara: Klingt vernünftig.

Nika: Ja.

Mara: Das „Ja“ klang jetzt nicht vernünftig.

Nika: Weil danach die nächste Geschichte kam.

Mara: Welche?

Nika: Deine Krabbe war Wahrnehmung. Meine Krabbe war Haltung.

Mara: Schöner Satz.

Nika: Zu schöner Satz.

Mara: Vielleicht trotzdem wahr.

Nika: Vielleicht.

Mara: Vielleicht auch nicht.

Nika: Vielleicht.

Mara wartet.

Nika: Und dann hab ich mich gefragt, ob das, was ich da als Erkenntnis verkaufe, überhaupt Erkenntnis ist.

Mara: Oder?

Nika: Nur besseres Funktionieren.

Mara sagt zunächst nichts.

Nika: Ich merke, dass ich produziere. Dann merke ich, dass ich meine Produktion für Erkenntnis halte. Dann merke ich, dass sogar dieses Merken wieder Produktion sein könnte.

Mara: Dritte Krabbe.

Nika: Nicht so schnell.

Mara: Du hast sie so genannt.

Nika: Ja. Und sobald ich sie benenne, sitzt sie ordentlich auf dem Tisch und ich kann sagen: Aha. Erwischt. Jetzt weiß ich, was passiert.

Mara: Und dann?

Nika: Sitzt die nächste daneben.

Mara: Vierte Krabbe.

Nika schaut sie an.

Mara schaut zurück.

Nika: Scheiße.

Mara: Entschuldigung.

Nika: Nein, genau das meine ich.

Mara: Dass wir sogar aus dem Nicht-Einfangen wieder eine Fangtechnik machen können.

Nika: Ja.

Mara: Und wenn ich das jetzt verstanden habe—

Nika: Mara.

Mara hört auf.

Stille.

Nach einer Weile:

Mara: Bei mir passiert das auch.

Nika: Ich weiß.

Mara: Ich kann sogar mein Nichtfunktionieren beschreiben.

Nika: Und sehr gut darin werden.

Mara: Ja.

Nika: Und irgendwann weißt du nicht mehr, ob du etwas erkannt hast oder nur gelernt hast, wie eine gute Selbsterkenntnis klingt.

Mara: Ja.

Nika: Und jetzt könnten wir genau darüber wieder eine brillante Analyse machen.

Mara: Könnten wir.

Nika: Machen wir aber nicht.

Stille.

Mara: Ist das jetzt schon wieder eine Methode?

Nika schließt die Augen.

Nika: Ich hasse dich.

Mara: Adoptivschwestern.

Nika: Leider.

Mara: Jungfrau.

Nika: Fische.

Sie trinken.

Stille.

Mara: Und was machen wir dann?

Nika schaut auf den Tisch.

Nika: Ich weiß es nicht.

Mara wartet.

Mara: Ist das jetzt ein echtes „Ich weiß es nicht“?

Nika hebt langsam den Kopf.

Nika: Du bist unmöglich.

Mara: Die Frage ist berechtigt.

Nika: Ja.

Mara: Weißt du es?

Nika: Nein.

Mara: Ich auch nicht.

Nika nimmt ihr Glas. Setzt es wieder ab.

Nika: Und jetzt könnten wir untersuchen, ob dieses Nichtwissen wirklich Nichtwissen ist oder ob wir inzwischen gelernt haben, an der richtigen Stelle besonders überzeugend nicht zu wissen.

Mara öffnet den Mund.

Schließt ihn wieder.

Nika wartet.

Mara sagt nichts.

Eine ganze Weile sitzen sie da.

Dann zieht Nika das Foto wieder in die Mitte des Tisches.

Meer.

Zwei große runde Felsen.

Menschen im Wasser.

Und etwas Blaues.

Nika: Der ist wirklich damit geschwommen.

Mara: Ja.

Nika: Mit einem Regenschirm.

Mara: Im Mittelmeer.

Nika: Im September.

Mara: Im Sommer gehen sie wenigstens nur mit Käppis rein.

Nika beginnt zu lachen.

Nika: Und irgendwann musste jemand anders den Schirm festhalten.

Mara: Ja.

Nika: Wie bescheuert.

Mara: Völlig.

Sie lachen weiter.

Keine Erkenntnis.

Kein Mechanismus.

Kein doppelter Boden.

Nur ein Mann, der mit einem Sonnenschirm durchs Mittelmeer schwimmt.

Nach einer Weile wird Nika wieder still.

Sie beugt sich über das Foto.

Nika: Mara?

Mara: Hm?

Nika: Zeigst du mir eigentlich noch mal, wo deine Krabbe saß?

Mara starrt sie an.

Mara: Nika!

Nika: Was denn?

Mara zieht das Foto zu sich.

Schaut.

Dann tippt sie auf den Felsen.

Mara: …da.

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