
Heute war ich schnorcheln.
Das klingt zunächst nicht besonders berichtenswert, wenn man auf einer Mittelmeerinsel lebt.
War es aber.
Vor elf Tagen ist vor der Küste Nordzyperns eine Fähre verunglückt. Noch immer werden Menschen vermisst.
Drei Tage lang galt Badeverbot. Sechs Tage lang Wassersportverbot. Seitdem sehe und höre ich Hubschrauber, Flugzeuge, größere Schiffe, auch Marineschiffe.
Es wird gesucht.
Miss Marple geht schnorcheln
Und ich recherchiere.
Denn irgendwann fing ich an, Fragen zu stellen.
Nicht, weil ich grundsätzlich alles verdächtig finde. Sondern weil manches nicht zusammenpasste. Oder weil ich auf Fragen keine Antworten fand. Oder unterschiedliche.
Das ist auf Nordzypern nun nicht vollkommen exotisch.
Man gewöhnt sich an einiges.
An anderes nicht.
Und meine innere Miss Marple hat bei Ungereimtheiten leider die Angewohnheit, nicht höflich wegzuschauen.
Also recherchiere ich seit Tagen weiter.
Heute allerdings wollte ich schnorcheln.
Allein hätte ich mich noch nicht getraut. Nicht wegen des Fährunglücks. Ich war einfach lange nicht mehr schnorcheln und hatte ein bisschen Muffensausen.
Mit ein paar anderen Frauen zusammen: gut.
Maske auf. Schnorchel rein. Ab ins Wasser.

Das erste Problem war vollkommen real.
Müll.
Dieses Jahr wird ungewöhnlich viel davon angeschwemmt. Mikroplastik, Plastikfetzen und anderer Schmodder, den ich beim Schwimmen wirklich nicht um mich herum brauche.
Also bin ich weiter rausgeschwommen, bis das Wasser sauberer wurde. Die anderen immer in Sichtweite.
Alles gut.
Eigentlich.
Denn während mein vernünftiger Kopf wusste, dass ich hier gerade ziemlich gefahrlos schnorchle, meldete sich ein anderer Teil meines Gehirns.
Was ist eigentlich nach so einem Schiffsunglück alles im Meer?
Es werden schließlich noch Menschen vermisst.
Und plötzlich war da die Frage:
Will ich wirklich sehen, was unter mir ist?
Was machst du, wenn du jetzt einen Koffer findest?
Oder etwas, das du noch viel weniger finden möchtest?
Danke, Gehirn.
Sehr hilfreich.
Zehn Fische gegen das Gedankenkarussell
Also brauchte ich eine andere Beschäftigung.
Komm zur Ruhe. Such dir zehn Fische.
Zehn Fische erschienen mir als angemessenes Ziel.
Nicht zu anspruchsvoll für das Mittelmeer, sollte man meinen.
Also schwamm ich weiter und suchte Fische.
Eins.
Zwei.
Drei.
Und tatsächlich funktionierte es.
Mein Kopf beschäftigte sich mit Fischen statt mit Koffern, Vermissten, Hubschraubern und all den offenen Fragen, die Miss Marple seit Tagen auf ihrem Schreibtisch liegen hat.
Am Ende waren es neun.
Wenn ich mich nicht verzählt habe.
Das Mittelmeer hätte mir ruhig noch einen gönnen können.
Aber vielleicht ist das gerade eine ziemlich brauchbare Beschreibung meines Lebens hier.
Manches weiß ich.
Manches sehe ich mit eigenen Augen.
Bei manchem bekomme ich Antworten.
Und bei manchem bleiben Fragezeichen.
Dann kann ich weiter recherchieren. Genau hinschauen. Widersprüche stehen lassen, solange ich nicht weiß, was dahintersteckt.
Das werde ich auch tun.
Miss Marple ist noch lange nicht fertig.
Aber deswegen lasse ich mir doch nicht das Schnorcheln vergrellen.
Vielleicht Nummer zehn
Und als ich wieder aus dem Wasser wollte, krabbelte plötzlich etwas an meinem Bein.
Die Fische hier beißen manchmal. Oder sie finden mich appetitlich.
Vielleicht war das Nummer zehn.
Dann hätten wir uns immerhin gegenseitig gefunden.
