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Ich hatte Panik vor Larnaca.

Nicht vor dem Flughafen.

Vor der Fahrt.

Zweieinhalb Stunden. Über die Grenze. Später im Dunkeln wieder zurück.

Ich hatte es versprochen. Einem befreundeten Paar helfen, Gäste vom Flughafen abzuholen.

Also Pass eingesteckt. Das andere Handy rausgesucht. Das, bei dem Roaming eventuell funktioniert. Noch mal überlegt, wo ich über die Grenze fahre.

Kurz bevor es losging, schaute ich noch einmal auf die Flugdaten.

Ercan.

Nicht Larnaca.

Ach.

Anderthalb Stunden. Keine Grenze. Kein Roaming. Alles Nordzypern.

Auch gut.

Manchmal erledigt sich ein Drama durch Lesen.

Ich wusste noch nicht, dass die Fahrt trotzdem anstrengend werden würde.

Ich fuhr mit Loni.

Loni erzählte mir, dass Holger immer meckert.

Über dies. Über das. Sie hätte doch alles gemacht. Und dann müsse er wieder …

„Loni, hör auf zu meckern.“

Das half nicht nachhaltig.

Am Flughafen war es Loni zu heiß.

Also gingen wir ins klimatisierte Gebäude.

Mir wurde es dort zu kalt.

Klimaanlagen und ich sind keine Freunde.

„Ich gehe raus. Bleib du ruhig hier.“

Das schien mir eine ziemlich einfache Lösung.

Loni kam mit raus.

Jetzt war ihr heiß.

Es ging ihr wohl nicht gut damit, aber sie war tapfer. Auch wenn sich ihr Tonfall leicht änderte.

Die Gäste kamen nicht.

Andere Gäste kamen.

Unsere nicht.

Wir schauten auf die Tür.

Warteten.

Es wurde gequengelt, nein, falsches Wort,

Mal über Holger. Mal von Holger. Mal darüber, dass der andere schon wieder quengelte.

Ich dachte irgendwann nur noch:

Ach Leute.

Bitte.

Dabei war eigentlich nur eines passiert:

Wir warteten auf Menschen, die noch nicht durch die Tür gekommen waren. Keinen Handyempfang hatten, und das sorgfältig ausgearbeitet Merkblatt für eine gelungene Ankunft anscheinend nicht zu einem schnellen Durchbruch führte.

Unangenehm.

Aber nun mal gerade so.

Irgendwann kamen sie.

Zwei Erwachsene, zwei Kinder, eines davon ungefähr zwei Jahre alt und nach einem langen Flug nicht mehr sonderlich interessiert an gesellschaftlichen Konventionen.

Wir fuhren los.

Mein Auto schaltete nicht vom dritten in den vierten Gang.

Na wunderbar.

Holger fuhr vor mir langsamer.

Ich probierte herum.

Irgendwann drückte ich einen zusätzlichen Knopf.

Vierter Gang.

Ah.

Das Auto war jetzt etwas lahm.

Aber es fuhr.

Weiter.

Dann kam die Autobahnabfahrt.

Burger King.

Plötzlich bog der andere Wagen ab.

Die Männer wollten etwas essen.

Also Burger King.

Später stellte sich heraus:

Nicht die Männer wollten etwas essen.

Holger wollte etwas essen.

Kann man machen.

In meinem Wagen schlief währenddessen der Zweijährige im Kindersitz.

Und plötzlich waren alle Erwachsenen weg.

Ich saß da und dachte:

Ey.

Soll ich jetzt auf das Kind aufpassen? Mache ich, brauche nur einen Auftrag.

Ich wartete eine Weile.

Dann wollte ich wenigstens kurz hineingehen und fragen, wie der Plan eigentlich aussieht.

Das Kind schlief.

Fünf Minuten konnte ich es im Auto lassen.

Den Autoschlüssel allerdings nicht.

Also nahm ich ihn mit und steckte ihn in meine Tasche.

Drinnen wachte das Kind irgendwann auf.

Es quengelte.

Angeblich war die Hose voll.

Jetzt fehlten Feuchttücher. Windeln. Wickelunterlage. Irgendetwas musste jedenfalls organisiert werden.

Wir waren noch ungefähr eine halbe Stunde von zu Hause entfernt.

Ich gebe zu, mein pädagogisch wertvollster Gedanke war:

Bis dahin wird die Scheiße ihn nicht durchgeätzt haben.

Also:

Was ist jetzt wirklich nötig?

Nicht besonders schön.

Aber auch kein Notfall.

Weiter.

Irgendwann kamen wir tatsächlich zu Hause an.

Gäste da.

Kinder da.

Loni da.

Holger da.

Ich da.

Alle heil.

Sie setzten mich ab und wollten weiterfahren.

Der andere Wagen sprang nicht an.

„Wir kommen nicht weiter!“

Stimmt.

Im Augenblick nicht.

Der Schlüssel fehlte.

Ich hatte den Wagen zuletzt angemacht.

Also musste der Schlüssel bei mir sein.

„Ich suche.“

Rucksack auf.

Alles raus.

Und da war er.

„Sorry. Ich hab ihn abgesichert.“

Schlüssel übergeben.

Auto sprang an.

Weiter.

Erst später fiel mir wieder ein, warum ich den Schlüssel überhaupt in meinen Rucksack gesteckt hatte.

Burger King.

Schlafendes Kind.

Alle Erwachsenen weg.

Ich hatte ihn nicht versehentlich eingesteckt.

Ich hatte ihn absichtlich gesichert.

Nur hatte mein Kopf den dazugehörigen Film inzwischen gelöscht.

Und irgendwann saß ich bei Zihni’s.

Meer vor mir. Berge dahinter.

Völlig fertig.

Vor mir eine schwarze Dose Strongbow.

Meine Spracherkennung machte daraus:

Strong Woman.

Ja und?

Passte.

Während ich da saß, ging mir dieser Tag noch einmal durch den Kopf.

Eigentlich war ziemlich viel schiefgegangen.

Oder anders:

Es war ziemlich viel unangenehm gewesen.

Das ist nicht dasselbe.

Ich hatte vor einer Fahrt nach Larnaca Panik gehabt, die gar nicht nach Larnaca führte.

Wir hatten am Flughafen gewartet.

Einer wollte rein, eine raus.

Das Auto wollte nicht in den vierten Gang.

Einer wollte Burger King.

Ein Kind hatte vermutlich die Windel voll.

Ein Autoschlüssel war verschwunden.

Aus jedem einzelnen dieser Momente hätte man ein ordentliches Drama machen können.

Teilweise haben wir das auch versucht.

Ich kenne das.

Ich kann Drama-Queen.

Wenn bei mir im Kopf erst einmal alle Alarmleuchten angegangen sind, hilft mir allerdings ein Satz überhaupt nicht:

„Stell dich nicht so an.“

Dann könnte ich auf die Palme gehen.

Was mir hilft, ist etwas anderes.

„Jo. Ist blöd.“

Und dann:

„Was machen wir jetzt damit?“

Ich habe vor einiger Zeit einen Artikel gelesen. Darin ging es um diesen winzigen Moment zwischen dem, was geschieht, und unserer Reaktion darauf.

Diese kleine Lücke dazwischen.

Dort, so die Idee, liegt unsere Freiheit.

Heute hatte diese Freiheit wenig Philosophisches.

Sie sah eher so aus:

Ercan oder Larnaca?

Drinnen oder draußen?

Fährt das Auto noch?

Wer hat eigentlich Hunger?

Was braucht dieses Kind jetzt?

Wo ist der Schlüssel?

Was ist wirklich passiert?

Und was machen wir jetzt damit?

Vielleicht war genau das die eigentliche Anstrengung dieses Tages.

Diese kleine Lücke immer wieder aufzumachen.

Nicht jedes Mal gelungen.

Aber immer wieder.

Denn ich habe heute auch erlebt, wie schnell sie verschwinden kann.

Einer fährt hoch.

Der andere fährt mit hoch.

Oder zieht sich zurück.

Darauf fährt der Erste noch höher.

Und plötzlich geht es nicht mehr um Hitze, Hunger, Warten oder einen fehlenden Schlüssel.

Sondern um alles Mögliche.

Nur nicht mehr um das, was gerade tatsächlich passiert.

Vielleicht wünsche ich mir deshalb manchmal jemanden an meiner Seite.

Nicht jemanden, der verhindert, dass ich Drama-Queen werde.

Viel Glück dabei.

Auch keinen, der sagt:

„Stell dich nicht so an.“

Sondern einen, der kurz neben mir stehen bleibt und sagt:

„Jo. Ist gerade blöd.“

Pause.

„Komm. Kriegen wir hin. Was machen wir jetzt?“

Im Augenblick muss ich diesen Satz meistens selbst sagen.

Auch jetzt.

Denn eigentlich hatte ich später noch Salsa vor.

Meine Beine sagten inzwischen ziemlich deutlich:

Vergiss es.

Früher hätte daraus vielleicht die nächste Entscheidung werden müssen.

Hingehen oder absagen.

Durchziehen oder vernünftig sein.

Heute dachte ich:

Ja und?

Ich kann doch einfach hinfahren.

Mehmet Hallo sagen.

Ein bisschen Musik hören.

Vielleicht tanze ich.

Vielleicht auch nicht.

Vielleicht fahre ich anschließend zum Amati Beach Club und gucke, was die da beim Sundowner für Musik machen.

Vielleicht fahre ich nach Hause.

Mal sehen.

Die Beine sind, wie sie sind.

Der Tag war, wie er war.

Und dazwischen ist immer noch diese kleine Lücke.

Mal sehen, was ich daraus mache.

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