
Manche Menschen wandern mit zwei Koffern aus.
Ich kam mit fünfzehn Kisten.
Fünf davon enthielten Dinge, die viele vermutlich für völlig überflüssig halten würden: Bücher, alte Dias, Schallplatten, CDs und sogar Musikkassetten aus meiner Zeit als DJ.
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten.
„Warum schleppst du das alles mit? Das gibt’s doch längst im Netz.“
Damals habe ich darüber gar nicht groß diskutiert.
Heute würde ich antworten:
Wirklich?
Fünf Kartons voller Originale
Natürlich habe ich nicht alles mitgenommen.
Ich habe aussortiert.
Zwei Monate lang.
Von rund 16.000 Dias habe ich etwa 15.000 digitalisiert.
Nur ungefähr tausend Originale durften mit nach Nordzypern.
Ich habe CDs durchgesehen.
Schallplatten aussortiert.
Musikkassetten geprüft.
Was heute noch in den fünf Kartons liegt, hat eine bewusste Entscheidung bereits überlebt.
Und trotzdem stehen diese Kartons heute noch bei mir.
Nicht aus Nostalgie.
Sondern weil ich irgendwann gemerkt habe:
Ein Digitalisat ist unglaublich praktisch.
Aber es ist nicht das Original.
Wenn alte Technik Erinnerungen bewahrt
Meine alte Musikanlage funktioniert übrigens kaum noch.
Die Endstufe ist kaputt.
Also habe ich sie überlistet.
Bluetooth-Sender dran.
Bluetooth-Box daneben.
Jetzt kann ich meine alten Kassetten trotzdem noch hören.
Eric Burdon.
Alexandra.
Black and Blue von den Rolling Stones.
Zusammenstellungen, die ich mir früher selbst aufgenommen habe.
Juliane Werding.
Melanie.
Ton Steine Scherben.
Konstantin Wecker.
Manches davon finde ich heute problemlos.
Manches kaum noch.
Und manches vielleicht gar nicht mehr.
Oder ich finde es einfach nicht.
Ist wirklich alles im Netz?
Denn genau dort beginnt meine eigentliche Frage.
Alle sagen:
„Das ist doch im Netz.“
Aber was heißt das eigentlich?
Ist es wirklich im Netz?
Oder nur das, was irgendjemand irgendwann für wichtig genug gehalten hat, zu digitalisieren?
Wer entscheidet überhaupt, was eingescannt wird?
Wer katalogisiert es?
Unter welchen Begriffen finde ich es?
Und wenn ich es nicht finde – bedeutet das, dass es nicht existiert?
Oder bedeutet es nur, dass ich keinen Zugang mehr dazu habe?
Digital erhalten – aber wo?
Vor ein paar Tagen sah ich ein Video über Bücher, die legal gekauft, aufgeschnitten, eingescannt und anschließend vernichtet werden, um Künstliche Intelligenz zu trainieren.
Mein erster Gedanke war:
Na und? Hauptsache, sie sind digital erhalten.
Dann blieb ich an einem Satz hängen.
Digital erhalten.
Ja.
Aber erhalten wo?
Wer hat Zugriff?
Wer entscheidet, was auffindbar bleibt?
Wer entscheidet, wie es katalogisiert wird?
Und wer könnte es irgendwann verändern?
Ich dachte plötzlich an das alte Kochbuch meiner Mutter.
An meine Schallplatten.
An meine Musikkassetten.
An meine Dias.
Nicht, weil Papier oder Vinyl grundsätzlich besser wären.
Sondern weil sie etwas sind, das unabhängig von einem Algorithmus existiert.
Ich kann das Kochbuch aufschlagen.
Ich kann ein Dia gegen das Licht halten.
Ich kann eine Kassette einlegen.
Ich brauche niemanden, der entscheidet, ob sie mir heute angezeigt werden.
Was bleibt, wenn Originale verschwinden?
Geschichte wurde schon oft vernichtet.
Manchmal durch Feuer.
Manchmal durch Verbote.
Manchmal durch Gleichgültigkeit.
Heute digitalisieren wir.
Das ist etwas völlig anderes.
Und trotzdem bleibt bei mir eine Frage.
Nicht:
Ist das eine moderne Bücherverbrennung?
Sondern:
Was geschieht mit einer Kultur, wenn ihre Originale nach und nach verschwinden und wir irgendwann nur noch sagen können:
„Das müsste doch irgendwo im Netz sein.“
Vielleicht stimmt das.
Vielleicht auch nicht.
Aber seit ich meine fünf Kisten nach Nordzypern geschleppt habe, glaube ich nicht mehr, dass diese Antwort so einfach ist.
Denn inzwischen weiß ich:
Es gibt einen Unterschied zwischen Information und einer Quelle.
Und manchmal passt das Wertvollste eben nicht in eine Cloud.
Sondern nur in einen Umzugskarton.
