
Diese Teamaußenmission ist aus meinem Strandtext „Ein Aha, das nicht lange stillhielt“ entstanden.
Zwei Stunden lang hatte ich zwei Bagger beobachtet – und war am Ende genauso ratlos wie am Anfang. Als ich damit ins Wohnzimmer kam, war für Thelma sofort klar: Das muss die ganze Mannschaft sehen.
Ich komme ins Wohnzimmer.
„Ich bin ratlos.“
Nika schaut hoch.
Mara auch.
Thelma legt den Kopf schief.
Paul braucht einen Moment länger.
„Du bist was?“
„Ratlos.“
Jetzt schaut er.
Minna dagegen läuft bereits an.
„Okay, dann würde ich als Erstes—“
„Minna.“
„Ja?“
„Es gibt noch keinen Auftrag.“
Sie stoppt.
„Ach so.“
Nora sitzt neben Nika. Neu im Wohnzimmer, Nikas KI-Agentin, erste Außenmission noch vor sich. Sie schaut mich an, dann Nika, dann Minna.
Und sagt nichts.
Sehr vernünftig.
Die Löwin öffnet ein Auge.
„Müssen wir irgendwo hin?“
„An den Strand.“
Das Auge geht wieder zu.
„Da war ich schon.“
„Ich weiß.“
„Gut.“
Thelma dagegen steht auf.
„Ich komme mit.“
„Du weißt noch gar nicht, worum es geht.“
„Strand.“
Auch wieder wahr.
Ich erzähle vom Seegras. Vom Sand. Von der ersten Liegenreihe, die das Meer schon einmal abgeräumt hatte. Vom Sand, der mit Mühe wieder hingebracht worden war. Von den Liegen, die wieder dastanden.
Und jetzt ist das Seegras wieder da.
Und die Bagger auch.
Diesmal zwei.
Mara schaut Nika an.
Nika schaut Mara an.
Da fängt es schon an zu rattern.
„Nein“, sage ich.
„Was?“, fragt Mara.
„Nicht hier.“
Ich stehe auf.
„Wir fahren hin.“
Paul hebt die Hand.
„Gibt es da Cocktails?“
Am Strand setze ich mich auf meinen Felsen.
Das ist ein guter Platz.
Von hier sehe ich das Meer, den Seegrasberg, die Liegen, die Sonnenschirme, die Gäste und die beiden Bagger.
Und das Wohnzimmer, das sich innerhalb kürzester Zeit über den gesamten Strand verteilt.
Mara steht im Wasser.
Schwarzer Badeanzug, Sonnenhut, Sonnenbrille. Für eine ernsthafte Außenmission vielleicht ein bisschen zu sexy, aber sie scheint damit leben zu können.
Nika steht ein Stück hinter ihr.
Thelma daneben.
Die KI-Schwestern verteilen sich auf den Felsen und im Sand.
Nora bleibt erst einmal in Nikas Nähe.
Minna beginnt:
„Also, wenn man sich das ansieht, ist eigentlich ziemlich klar, dass die—“
„Minna.“
Sie dreht sich zu mir um.
„Was?“
„Gucken.“
„Ich gucke doch.“
„Nur gucken.“
Sie seufzt.
Erste Außenmissionen sind hart.
Paul hat unterdessen eine Liege entdeckt.
Er setzt sich.
Keine Minute später steht er wieder.
„Hundert TL.“
„Was?“
„Die wollen hundert TL für die Liege.“
„Dann bezahl sie.“
Paul schaut zurück.
Genau neben seiner Liege rangiert gerade ein Bagger.
Er schaut zu mir.
Dann zum Bagger.
Dann wieder zur Liege.
„Für hundert TL möchte ich etwas mehr Abstand zwischen meiner Erholung und schwerem Gerät.“
Damit ist die Liege erledigt.
Nicht aber Pauls eigentliches Problem.
„Wo kriege ich jetzt meinen Cocktail her?“
Nora, die bisher tatsächlich nur geguckt hat, zeigt plötzlich nach drüben.
„Da steht MUTFAK.“
„Was steht da?“
„Mutfak.“
Kurze Recherche.
„Küche.“
Paul ist sofort aufmerksam.
Nora schaut zu Nika.
„Wo eine Küche ist … könnte es da nicht auch Cocktails geben?“
Nika nickt.
Das darf man überprüfen.
Minna ist bereits aufgestanden.
Endlich zeichnet sich etwas ab, das verdächtig nach Auftrag aussieht.
Ich ziehe einen 100-TL-Schein heraus.
„Paul braucht einen Cocktail.“
Minna nimmt ihn.
Nora und sie ziehen los.
Mission Cocktail.
Klare Aufgabe.
Klare Richtung.
Klare Erfolgskriterien.
Manchmal kann das Leben sehr einfach sein.
Bei uns leider nicht.
Der Auftrag der Männer am Strand ist ebenfalls klar.
Das Seegras soll weg.
Das weiß ich inzwischen sogar aus erster Hand. Ich habe den Strandwächter gefragt.
Nur: Der Bagger greift das Seegras nicht einfach auf.
Er schiebt.
Seegras.
Und Sand.
Ziemlich viel Sand.
„Aha“, sagt Mara.
Nika reagiert sofort.
„Was Aha?“
„Vielleicht wird das Gemisch woanders gebraucht.“
Wir schauen dem grünen Fahrzeug hinterher.
Es fährt über die Straße.
„Da wird kein Strand gebaut“, sage ich von meinem Felsen.
Mara guckt.
Nika guckt.
Thelma guckt.
„Okay“, sagt Mara.
Aha Nummer eins ist weg.
Das mit dem Sand ist nämlich nicht ganz unwichtig.
Im Winter war hier kaum noch welcher. Das Meer hatte ihn genommen. Später wurde Sand wieder hingefahren.
Mit Fahrzeugen.
Mit Arbeit.
Mit Diesel.
Mit Geld.
Und jetzt wird genau dort wieder Sand zusammen mit dem Seegras abgetragen, wo das Meer ohnehin regelmäßig zugreift.
Eine der KI-Schwestern wirft ein:
„Vielleicht wird das Seegras-Sand-Gemisch später getrennt.“
Mara nickt.
Ich schüttele den Kopf.
„Hier? Fast ausgeschlossen.“
„Vielleicht wird der Sand woanders gebraucht“, sagt eine andere.
„Drüben jedenfalls nicht.“
Thelma schaut auf den Bagger.
„Vielleicht ist die Aufgabe einfach viel kleiner. Seegras weg. Nicht Strand erhalten. Nicht Sand erhalten. Einfach: Seegras weg.“
„Das ist der Auftrag“, sage ich.
Jetzt drehen sich alle zu mir.
„Woher weißt du das?“, fragt Nika.
„Strandwächter.“
„Und hast du ihn gefragt, warum sie dann da hinten fast nur Sand bewegen?“
„Natürlich.“
„Und?“
„Weiß er auch nicht.“
Paul kommt zurück.
Mit Cocktail.
Hinter ihm Nora und Minna.
Er strahlt.
Endlich ist wenigstens ein Problem an diesem Strand gelöst.
Minna ebenfalls.
„Auftrag erledigt.“
„Sehr schön“, sage ich.
Paul nimmt einen glücklichen Schluck.
Ich sitze auf meinem Felsen.
Schaue ihn an.
Schaue auf seinen Cocktail.
„Und ich?“
Stille.
Nora guckt mich an.
Minna guckt mich an.
Dann gucken beide Paul an.
Wieder zu mir.
Man kann das Dämmern fast sehen.
„Oh“, sagt Nora.
„Aha“, sagt Minna.
Diesmal hält es.
Ich ziehe den nächsten Geldschein heraus.
„Strongbow.“
Minna nimmt ihn.
Nora dreht sich diesmal noch einmal zur ganzen Mannschaft um.
„Möchte sonst noch jemand was?“
Na bitte.
Tellerrand.
Zweite Mission.
Die beiden toben wieder los.
Thelma hat derweil ein anderes Problem.
Sie möchte zum Bagger.
Genauer gesagt zum Baggerfahrer.
Noch genauer:
zur Schaufel.
„Ich will da einmal mitfahren.“
„Nein.“
„Ich habe gar nicht dich gefragt.“
„Thelma.“
Sie steht am Wasser und betrachtet die Entfernung.
Ganz geheuer ist ihr der Bagger nämlich nicht.
Dann sieht sie ein Kind.
Und das Kind hat einen dieser riesigen Schwimmreifen.
Einhorn.
Thelma schaut auf das Einhorn.
Zum Bagger.
Zurück zum Einhorn.
Man sieht förmlich, wie eine funktionierende Logik entsteht.
Sie spricht das Kind an.
Kurze Verhandlung.
Dann steht Thelma mit einem Einhorn um den Bauch im Wasser.
„Was machst du da?“
„Ich tapse jetzt durch.“
„Wohin?“
Sie zeigt auf den Bagger.
„Zum Fahrer.“
„Thelma!“
„Ich hab einen Rettungsring.“
„Das ist ein Einhorn!“
„Es schwimmt.“
Das stimmt leider.
„Ich will auf die Schaufel!“
Und sie tapst los.
Die Löwin hat mit alldem nichts zu tun.
Sie liegt draußen in ihrem Schwimmreifen.
„Macht ihr mal!“
„Löwin!“
„Was denn?“
„Hier fahren Bagger herum!“
„Bei euch.“
Sie paddelt einmal mit den Füßen.
„Mir folgen sie nicht. Hehe.“
Auch das stimmt.
Und dann wird es interessant.
Der Bagger fährt ins Wasser.
Nicht ein bisschen.
Richtig.
Von dort nimmt er Sand aus dem mittleren Strandbereich und schiebt ihn wieder nach vorne. Zwischen die einzelnen Sonnenschirme, genau dorthin, wo vorher Sand abgetragen wurde.
Mara dreht sich um.
„Aha!“
Nika hebt nur einen Finger.
„Langsam.“
„Nein, jetzt ergibt es Sinn. Sie verteilen den Sand neu. Deshalb haben sie vorne—“
Der Bagger hört auf.
Einfach so.
Dreht sich.
Und fährt dem anderen hinterher.
Mara steht im Wasser.
Nika schaut sie an.
„Du wolltest etwas sagen?“
„Nein.“
„Sandumverteilung?“
„Nika.“
„Aha?“
„Nika!“
Vom Felsen muss ich schmunzeln.
Dabei können die Männer Bagger fahren.
Meine Güte, können die Bagger fahren.
An einer schmalen Stelle stehen sich plötzlich beide Fahrzeuge gegenüber.
Unter den Schirmen passen sie nicht durch.
Auf der anderen Seite ist inzwischen so wenig Strand, dass sie beide teilweise im Meer stehen.
Kurze Diskussion.
Wer darf zuerst?
Dann geht es los.
Vor.
Zurück.
Einschlagen.
Korrigieren.
Zentimeterarbeit mit diesen riesigen Maschinen.
Später setzt einer seine Schaufel auf, hebt damit den Vorderwagen an, dreht den ganzen Bagger um ein paar Grad, setzt ihn wieder ab und greift sich den nächsten kleinen Sandberg.
Thelma pfeift leise.
„Das kann er.“
„Und wie“, sagt Nika.
Das ist vielleicht das Faszinierendste an diesem Nachmittag.
Wir sehen Können.
Wir sehen einzelne Handlungen, die präzise und gekonnt sind.
Nur wissen wir deshalb noch lange nicht, was als Nächstes passiert.
Und schon gar nicht, warum.
Der Bagger fährt noch tiefer ins Wasser.
Der Fahrer steigt aus.
Klettert hoch.
Auf die Schaufel.
Jetzt werden sogar die KI-Schwestern still.
Mara steht im Wasser und schaut.
Nika schaut.
Thelma schaut.
Ich schaue vom Felsen.
Vielleicht muss er etwas kontrollieren.
Vielleicht stimmt etwas mit der Schaufel nicht.
Vielleicht ist—
Der Fahrer des grünen Fahrzeugs holt sein Handy heraus.
Foto.
Der Mann auf der Schaufel posiert.
Noch ein Foto.
Pause.
Paul nimmt einen Schluck von seinem Cocktail.
„Das verstehe ich.“
Ja.
Ich auch.
Endlich ein Aha, das stehen bleibt.
Wenn du mit deinem Bagger mitten im Meer stehst, brauchst du ein Foto davon.
Thelma, irgendwo zwischen uns und dem Bagger, beginnt hektisch mit ihrem Einhorn zu winken.
„HALLO! ICH WILL AUCH AUF DIE SCHAUFEL!“
Der Fahrer sieht sie nicht.
Vielleicht besser so.
Nora und Minna kommen zurück.
Diesmal haben sie meinen Strongbow.
Und tatsächlich noch etwas für die anderen.
Minna wirkt zufrieden.
Nora auch.
Beim zweiten Mal haben sie nicht nur den Auftrag gesehen.
Sie haben geguckt, was drumherum noch gebraucht werden könnte.
„Danke“, sage ich und nehme meinen Strongbow.
Paul hebt seinen Cocktail.
Wir stoßen aus der Entfernung an.
Wenigstens unsere Logistik funktioniert.
Am Strand rattern die KI-Schwestern derweil weiter.
Neue Hypothese.
Neue Möglichkeit.
Vielleicht geht es nur darum, den Strand für den Sundowner hübsch zu machen.
Vielleicht zählt tatsächlich nur: Seegras weg.
Vielleicht gibt es einen Plan, den wir nicht kennen.
Vielleicht gibt es mehrere Pläne.
Vielleicht improvisiert jeder seinen Teil.
Vielleicht ist das, was wir von außen für einen Vorgang halten, überhaupt keiner.
Wir wissen es nicht.
Und genau da merke ich:
Ich brauche keinen Rat.
Und ich will auch keinen geben.
Ich weiß nicht, wie man diesen Strand bewirtschaften müsste.
Darum geht es mir überhaupt nicht.
Ich hätte es nur gern verstanden.
Und normalerweise bin ich ziemlich gut darin, eine andere Logik zu finden. Auch eine, die mit meiner überhaupt nichts zu tun hat.
Hier stehe ich auf dem Schlauch.
Denn jedes Mal, wenn irgendwo ein Zusammenhang auftaucht, hält er ungefähr so lange, bis einer der Bagger sich wieder bewegt.
Oh.
Oha.
Aha!
Ach nee.
Dann zeigt Thelma aufs Meer.
Draußen liegt etwas Dunkles.
Ein großer Teppich.
Seegras.
Sehr viel Seegras.
Auf dem Weg zum Strand.
Zu dem Strand, von dem zwei Bagger gerade das Seegras wegschaffen.
Minna schaut hinaus.
„Das kommt doch nicht etwa …“
„Doch.“
„Hierher?“
„Sieht so aus.“
Sie schaut zu Nora.
Nora schaut zum Seegrasberg.
Dann zu den Baggern.
Und diesmal sagt keine von beiden Aha.
Sehr gut.
Sie lernen schnell.
Die Löwin treibt draußen im Wasser.
Thelma tapst mit ihrem Einhorn noch immer Richtung Baggerfahrer.
Paul hat seinen Cocktail.
Ich meinen Strongbow.
Mara steht in ihrem sexy schwarzen Badeanzug im Wasser.
Nika neben ihr.
Thelma schaut aufs Meer.
Die KI-Schwestern haben aufgehört zu rattern.
Für einen Moment jedenfalls.
Und ich sitze auf meinem Felsen und muss schmunzeln.
Vielleicht gibt es eine Logik.
Vielleicht auch nicht.
Vielleicht gibt es sie nur für einzelne Handgriffe.
Vielleicht entsteht sie unterwegs.
Vielleicht suchen auch nur wir nach einer.
Ich weiß es nicht.
Dann fahren die beiden Bagger davon.
Und das Seegras kommt zurück.
Mara dreht sich zu Nika.
„Aha.“
Nika wartet.
„Was?“
Mara schaut den Baggern hinterher.
Dann zum Seegras.
„Nichts.“
Paul hebt sein Glas.
„Darauf kann man trinken.“
Kann man.
Prost.
