
Wie sicher muss ich sein, bevor ich wieder leben darf?
„Du bist doch sicher, oder?“
Die Nachricht kam nicht dramatisch. Gerade deshalb traf sie.
Meine Ziehtochter lebt auf den Kapverden. Vor ein paar Tagen fragte sie mich: „Sag mal, du bist doch sicher?“
Was sollte ich antworten?
Wenn ich sage: Mach dir keine Sorgen, weiß ich selbst, dass das kein Vertrag mit der Weltlage ist. Wenn ich alle Möglichkeiten aufzähle, sitzt sie viele Kilometer entfernt und kann genau – nichts – daran ändern.
Also sagte ich die Wahrheit: Ja. Ich fühle mich hier sicher.
Hier. Auf Nordzypern. Nicht besonders weit entfernt von mehreren Konfliktlinien. Auf einer Insel, deren eigene Geschichte bis heute nicht still ist.
Und trotzdem: sicher.
Sicherheit ist kein Wetterbericht
Natürlich wird das, was in der Welt passiert, auch hier ankommen. Ölpreise, Benzin, Lieferwege, politische Entscheidungen. Vielleicht schneller, vielleicht anders, als uns lieb ist.
Ich lese Nachrichten. Ich schaue aus verschiedenen Richtungen. Ich versuche zu verstehen, wer gerade was behauptet – und wem die Angst nützt.
Aber ich verwechsle Information nicht mehr automatisch mit Sicherheit.
Der Nachrichtenticker kann mir sagen, was in der letzten Stunde gemeldet wurde. Er kann mir nicht sagen, wie ich die nächste Stunde leben soll.
Das ist ein Unterschied.
Angst ist ein gutes Geschäftsmodell
Angst bindet Aufmerksamkeit. Sie hält uns am Bildschirm, im Kanal, im Angebot.
Erst kommt die Gefahr. Dann die Dringlichkeit. Und erstaunlich oft wartet gleich daneben jemand mit der Lösung: dieses Konto, jene Versicherung, das sichere System, der richtige Kanal, der einzige Plan.
Paul, mein innerer Sabotageberater, liebt solche Momente. Endlich darf er rund um die Uhr warnen und nennt es Verantwortung.
„Nur noch kurz nachsehen“, sagt er.
Drei Stunden später weiß ich, dass zwölf Menschen den Untergang vorhergesagt haben, sieben ihn monetarisieren und keiner davon meinen Kühlschrank auffüllt.
Angst kann schützen. Aber sie kann auch beschäftigen, bis kein Leben mehr übrig ist, das geschützt werden müsste.
Ich weiß es nicht
Vielleicht ist das der ehrlichste Satz dieser Zeit.
Ich weiß nicht, welche Interessen hinter jeder Entscheidung stehen. Ich weiß nicht, welcher Konflikt kippt, welcher beigelegt wird und welche Meldung morgen korrigiert werden muss.
Ich kann prüfen. Ich kann vorsorgen. Ich kann Zusammenhänge suchen.
Aber ich kann Unsicherheit nicht wegdenken.
Und ich möchte auch niemandem folgen, der so tut, als könne er es. Absolute Gewissheit ist in unübersichtlichen Zeiten meist keine Kompetenz. Oft ist sie nur Lautstärke.
Was ich trotzdem tun kann
Ich kann schauen, was konkret vor meiner Tür geschieht.
Ich kann Rechnungen bezahlen, Vorräte sinnvoll ergänzen, wichtige Dokumente griffbereit halten und mit den Menschen sprechen, die mir nah sind.
Ich kann meine Freiheit dort vergrößern, wo ich tatsächlich Einfluss habe.
Und dann kann ich die Sonne genießen. Auch wenn der Wind dieses Jahr beschlossen hat, sich der Weltlage anzupassen.
Das ist keine Verdrängung.
Es ist eine Entscheidung gegen die Vorstellung, dass Angst ein Beweis von Wachheit sei.
Heute bleibt das Steuer hier
Ich fühle mich nicht sicher, weil ich glaube, mir könne nichts passieren.
Ich fühle mich sicher, weil ich mir zutraue, hinzusehen, zu reagieren und Hilfe anzunehmen, wenn etwas geschieht.
Sicherheit ist für mich weniger Mauer als Beweglichkeit.
Vielleicht kommt morgen eine Nachricht, die etwas verändert. Dann schaue ich morgen.
Heute sitze ich hier. Das Meer ist noch da. Der Kaffee auch. Mein Leben ebenfalls.
Und dieses Leben übergebe ich nicht vorsorglich an den Nachrichtenticker.
Paul darf die Schwimmwesten zählen.
Aber das Steuer bleibt bei mir.
Dazu passt: Was macht Krieg mit den Enkeln?
