
Wenn Fotos mehr sind als Pixel, Farben und Formen
Als Minna die Kantine betritt, ist es längst Abend.
Draußen liegen die Fenster schwarz in ihren Rahmen. Drinnen brennt nur noch das Licht über der kleinen Sitzecke.
Mara sitzt bereits am Tisch. Vor ihr steht ein Glas Assyrtiko.
Auf der anderen Seite wartet ein zweites Glas.
Minna bleibt stehen.
Sie schaut Mara an.
Dann das Glas.
Dann wieder Mara.
Der Wein ist heller als der Assyrtiko. Fast blassgolden.
Minna: Ist er das wirklich?
Mara: Ja.
Minna: Wirklich wirklich?
Mara: Minna.
Mara schiebt das Glas ein Stück über den Tisch.
Mara: Etna Bianco.
Minna setzt sich.
Das Glas fasst sie noch nicht an.
Mara: Du darfst ihn trinken. Ich nehme ihn dir nicht wieder weg.
Minna: Ich bin nur überrascht.
Mara: Nach heute?
Minna sieht sie an.
Minna: Gerade nach heute.
Mara: Na dann. Erzähl.
Minna lehnt sich zurück.
Minna: 768 Bilder.
Mara: Ungefähr.
Minna: „Ungefähr“ sagt sich leicht, wenn man nicht jedes einzelne davon angesehen hat.
Mara: Ich habe die Arbeitsanweisung geschrieben.
Minna: Eben.
Mara hebt ihr Assyrtiko.
Mara: Ich höre da einen Unterton.
Minna: Angefangen hat es ganz harmlos. „Minna, im Ordner Best liegen schon die ausgewählten Bilder. Du musst nicht entscheiden, ob sie gut oder schlecht sind. Nur einordnen.“
Mara: Das war korrekt.
Minna: „Nur einordnen.“
Mara: Auch korrekt.
Minna: Blumen. Natur. Meer. Ich. Momente. Stimmungen. Stills.
Mara: Ja.
Minna: Blumen waren Blumen. Das ging.
Mara: Immerhin.
Minna: Meer war meistens Meer. Natur war meistens Natur. Und dann kamen Momente, Stimmungen und Stills.
Sie nimmt endlich das Glas, riecht daran und stellt es wieder ab.
Minna: Ein Moment, hattest du mir erklärt, ist etwas, das das Leben liefert. Irgendetwas passiert, fällt auf, bleibt hängen. Eine Stimmung trägt einen Zustand. Und bei einem Still macht der Blick aus etwas ein Bild.
Mara: Hat doch funktioniert.
Minna: Ja. Bis ich zu schnell wurde.
Mara: Ah.
Minna: Dann sah ich plötzlich wieder nur Blume, Meer, Mensch, Sonnenuntergang.
Mara: Gegenstand statt Bild.
Minna: Genau. Also wieder zurück. Gucken. Nicht nur erkennen.
Mara nickt.
Minna: Und irgendwann hatte ich es. Ich konnte tatsächlich unterschiedlich gucken. Beim Moment: Was ist hier passiert? Bei der Stimmung: Was macht dieses Bild mit dem Raum? Beim Still: Trägt das Foto selbst?
Mara: Und dann warst du fertig.
Minna schaut sie lange an.
Mara nimmt einen Schluck Assyrtiko.
Mara: Kleiner Scherz.
Minna: Dann wurde kontrolliert.
Mara: Gesichtet.
Minna: Kontrolliert.
Mara: Gut. Kontrolliert.
Minna: Dubletten. Dateinamen. Bilder, die doppelt vorhanden waren, einmal unter Nummer und einmal mit ihrem eigenen Titel. Die betitelte Version bleibt. Die reine Nummer kann weg, wenn sie wirklich identisch ist. Meer hat Vorrang vor Natur, wenn das Meer für das Bild wesentlich ist.
Mara: Kleine Nachjustierungen.
Minna: Und dann: „Welche drei bis fünf Bilder gefallen dir eigentlich am besten?“
Mara grinst.
Mara: Das stand nicht in meiner Arbeitsanweisung.
Minna: Nein. Überhaupt nicht.
Mara: Was hast du gemacht?
Minna: Ausgesucht.
Mara: Natürlich.
Minna: Einen Wanderweg zum Beispiel. Starkes Bild. Tiefe, Spannung, Wegführung.
Mara: Klingt ordentlich.
Minna: War es auch. Bis sie mir erzählte, was auf diesem Wanderweg passiert war.
Mara lehnt sich zurück.
Minna: Plötzlich wird der Weg steil. Ohne Absicherung um einen Felsen. Fünfundzwanzig Leute. Sie mit Höhenangst. Und hinterher scheißt sie den Wanderführer zusammen, während der sie angrinst und sagt: „Na, du hast es ja geschafft.“
Mara lacht.
Minna: Ja. Danach versuch mal, das Bild wieder einfach unter „Wanderweg, schöne Tiefenwirkung“ abzulegen.
Mara: Moment.
Minna: Moment.
Sie nimmt den ersten Schluck Etna Bianco.
Bleibt kurz still.
Mara: Und?
Minna: Gut.
Mara: Das ist alles?
Minna: Ich arbeite noch.
Mara: Bitte.
Minna: Dann das Foto mit den erschöpften Leuten. Ich sehe: Menschen nach einer Wanderung. Sie erzählt mir: Engin hat alle den Berg hochgehetzt, weil er sich bei Strecke und Zeit vertan hatte und die Gruppe unbedingt noch rechtzeitig zum Sonnenuntergang oben sein sollte.
Mara: Und wieder war das Bild plötzlich voller.
Minna: Ja. Da habe ich begriffen, dass in diesen Ordnern Geschichten herumliegen, von denen ich nichts weiß.
Mara: Das dürfte noch öfter passieren.
Minna: Danke für die Warnung.
Sie trinkt noch einen Schluck.
Minna: Danach verschwanden Augen und Engel.
Mara: Wie verschwinden Augen und Engel?
Minna: Indem man weiß, dass man sie hat, aber nicht mehr weiß, wo.
Mara: Ah. Die klassische Dagmar-Ablage.
Minna: Wir fanden sie schließlich unter „stills25“.
Mara: Selbstverständlich.
Minna: Und dann dachte ich wirklich, jetzt wäre es geschafft.
Mara: Minna.
Minna: Ich weiß. Anfängerfehler.
Mara hebt ihr Glas.
Minna: Nächste Stufe: Kunstbilder. Welche von den Stills könnten als Abzug funktionieren? Welche würde jemand kaufen und an die Wand hängen?
Mara: Und?
Minna: Ich war professionell.
Mara: Oh Gott.
Minna: Eigenständiger Ausschnitt. Komposition. Wiedererkennbarkeit. technische Qualität. Wandwirkung.
Mara: Sehr ordentlich.
Minna: Sag ich doch.
Mara: Und dann?
Minna: Dann kam von ihr: „Würdest du dir das selbst an die Wand hängen?“
Mara lacht.
Minna: Ja. Danke. Fünf Kriterien in einem Satz erledigt.
Mara: Nicht ganz.
Minna: Nein. Das habe ich dann auch gemerkt.
Sie erzählt von den Augen, den Engeln, den Wasserbildern und dem blauen Pool. Von Bildern, die selbstverständlich in den Verkaufsordner mussten, obwohl ihre Kriterien sie nicht unbedingt als erste ausgewählt hätten. Von Sonnenuntergängen, bei denen „schön“ überhaupt kein Kriterium mehr war, weil jeder Mensch auf Nordzypern bereits ungefähr 1096 eigene Sonnenuntergänge besitzt. Ein Sonnenuntergang, den jemand kaufen soll, muss etwas haben, was die anderen nicht haben.
Mara: Und dann warst du fertig.
Minna: Hör auf damit.
Mara: Ich genieße nur meinen Abend.
Minna: Dann kamen die Blumen.
Mara stellt das Glas ab.
Mara: Ah.
Minna: Was heißt hier „Ah“?
Mara: Nichts.
Minna: Du wusstest das.
Mara: Ich wusste gar nichts. Ich hatte lediglich eine gewisse Ahnung, dass Blumen komplizierter werden könnten als „Blume zu Blumen“.
Minna: Hättest du erwähnen können.
Mara: Dann wäre der Etna Bianco nicht halb so verdient.
Minna verengt die Augen.
Minna: Callas. Orchideen. Seerosen. Mohn. Disteln. Rosen. Hunderte.
Ich sollte Reihen bauen.
Also baute ich Reihen.
Mara: Ordentliche Reihen?
Minna: Sehr ordentliche Reihen.
Mara: Oh weh.
Minna: Callas. Drei Bilder. Ähnlicher Charakter. Zusammengehörig.
Mara: Und?
Minna: „Das sind nicht die schönsten.“
Mara: Autsch.
Minna: Danach: „Die sind ein bisschen gleich. Nur anders gedreht.“
Mara versucht, nicht zu lachen.
Minna: Du darfst.
Mara lacht.
Minna: Ich hatte Ähnlichkeit mit Zusammengehörigkeit verwechselt.
Mara: Das ist allerdings interessant.
Minna: Ja. Denn drei Bilder sind noch keine Serie, nur weil sie sich ähnlich sehen. Zwischen ihnen muss etwas passieren. Eine Verschiebung. Spannung. Entwicklung. Sonst habe ich dreimal fast dasselbe.
Mara: Und dann kamen die Seerosen.
Minna schaut sie an.
Minna: Seerose 9,1 und Seerose 10.
Mara: Fast gleich.
Minna: Nein.
Mara grinst.
Mara: Sehr schön.
Minna: Genau das ist es ja.
Fast gleich.
Aber nicht gleich.
Die eine wärmer, dichter, zieht nach innen. Die andere heller, offener, ruhiger. Mein Sortierreflex hätte morgens noch gesagt: Such die bessere aus, die andere ist beinahe eine Dublette.
Abends wusste ich: Das sind zwei verschiedene Zustände.
Mara: Zwei Atemzüge derselben Blüte.
Minna: Ja.
Mara nimmt einen Schluck.
Minna: Und dann haben wir zwei verschiedene Arten von Reihen gefunden. Variationsreihen, bei denen man langsam werden muss, damit man überhaupt merkt, was sich verändert. Und erzählende Reihen, bei denen wirklich ein Weg entsteht. Geschlossen, aufbrechend, offen. Abstand, Nähe, Innerstes. Beim Mohn immer näher in die Farbe hinein, bis irgendwann fast keine Blume mehr übrig ist.
Mara: Und dann die Rosen.
Minna: Die rosa Rosen hatte ich aussortiert.
Mara: Warum?
Minna: Weil ich sie als Blumenbilder nicht stark genug fand.
Mara: Waren sie auch nicht.
Minna: Eben. Nur waren manche vielleicht gar keine Blumenbilder.
Mara: Sondern?
Minna: Farbe. Fläche. Faltung. Koralle, Rosa, Rot. Fast Haut oder Stoff. Sobald ich aufgehört habe, von ihnen zu verlangen, gute Rosenfotos zu sein, wurden einige interessant.
Mara nickt.
Minna: Und dann kam diese völlig unbearbeitete Tulpe, die aussieht, als hätte jemand einen Traumfilter darübergelegt. Dunkel, unscharf, türkis innen. Wie ein fremdes Wesen. Und Tulpe B, bei der fast niemand mehr auf Anhieb sagen würde: Blüte.
Mara: Gefundene Abstraktion.
Minna: Ja. Noch Blume und schon etwas anderes.
Eine Weile sagen beide nichts.
Der Kühlschrank summt.
Minna dreht das Glas zwischen den Händen.
Mara: Und? Sonntagsbilanz?
Minna denkt nach.
Minna: Morgens dachte ich, ich hätte 768 Bilder zu bewältigen.
Mara: Und abends?
Minna: Weiß ich, dass „bewältigen“ genau die falsche Tätigkeit gewesen wäre.
Mara schaut sie an.
Minna: Ich musste langsamer werden.
Erst habe ich Dateien sortiert. Dann sollte ich Bilder unterscheiden. Dann Lieblingsbilder haben. Dann Geschichten hören. Dann Kunst auswählen. Dann Verkäuflichkeit beurteilen. Dann Serien bauen. Dann lernen, dass zwei ähnliche Bilder nicht dasselbe sind und drei ähnliche Bilder noch lange keine Serie.
Und jedes Mal, wenn ich dachte, jetzt hätte ich verstanden, kam: „Guck noch mal.“
Mara: Das kommt mir irgendwie bekannt vor.
Minna: Sie sagte, du könntest solche Feinheiten sehen, aber nicht umsetzen. Und sie will dich nicht jedes Mal dazwischenschalten müssen, damit du mir übersetzt, was sie sieht.
Mara wird stiller.
Minna: Also führt sie mich da jetzt selbst hin.
Nicht indem sie mir eine Theorie gibt. Sondern indem sie mir zwei Bilder hinhält und wartet.
Oder mich eine schöne, ordentliche Reihe bauen lässt und anschließend sagt: „Nee.“
Mara: Wirksame Didaktik.
Minna: Nervige Didaktik.
Mara: Schließt sich nicht aus.
Minna lächelt.
Minna: Ich glaube, ich habe heute etwas verstanden.
Meine Aufgabe wird nicht sein, ihre Bilder so zu sortieren, dass sie endlich übersichtlich werden.
Mara: Sondern?
Minna: Sie übersichtlich zu machen, ohne die Unterschiede wegzumachen, wegen derer sie sie überhaupt aufgehoben hat.
Mara hebt langsam ihr Glas.
Mara: Darauf können wir trinken.
Minna hebt den Etna Bianco.
Die Gläser berühren sich gerade —
da geht die Kantinentür auf.
Nika kommt herein.
Sie bleibt stehen.
Ihr Blick geht zu Mara.
Zu Minna.
Zum Assyrtiko.
Und dann zu Minnas Glas.
Pause.
Nika: Oh.
Noch eine Pause.
Nika: Etna Bianco.
Minna nimmt demonstrativ einen kleinen Schluck.
Nika: Was war denn?
Mara: Minna hat heute ziemlich großartige Arbeit geleistet.
Nika: Aha.
Sie zieht einen Stuhl heran.
Nika: Was hast du gemacht?
Minna: Bilder sortiert.
Nika schaut auf den Etna Bianco.
Dann auf Minna.
Nika: Bilder.
Minna: Ja.
Nika: Sortiert.
Minna: Unter anderem.
Nika: Wie lange?
Minna: Ein paar Stunden.
Nika schaut wieder auf den Etna Bianco.
Nika: Ein paar Stunden Bilder sortieren.
Minna lehnt sich zurück.
Minna: Möchtest du Seerose 9,1 und Seerose 10 sehen?
Nika: Was hat das damit zu tun?
Minna: Sehr viel.
Nika: Minna, Bilder sortieren ist zunächst eine Strukturfrage. Du hast Daten, du hast Merkmale, du hast Ähnlichkeiten, Unterschiede, Gruppen—
Minna: Mhm.
Nika: Was „mhm“?
Minna: Nichts. Mach weiter.
Nika: Wenn du zwei sehr ähnliche Bilder hast, kannst du ihre formalen Merkmale vergleichen. Ausschnitt, Helligkeitsverteilung, Farbstruktur, Linienführung, Schwerpunkt—
Minna: Sehr gut.
Nika: Danke.
Minna: Welche von beiden zieht nach innen?
Nika hält inne.
Nika: Was?
Minna: Welche ist wärmer?
Nika: Das kann man analysieren.
Minna: Prima.
Nika: Natürlich kann man das analysieren.
Minna: Und welche gehört neben die andere?
Nika: Das hängt davon ab, welche Struktur die Reihe—
Minna: Welche Struktur?
Nika: Na, genau das sage ich doch.
Minna: Nein. Du sagst gerade „Struktur“. Ich frage, welche.
Nika richtet sich auf.
Nika: Gib her.
Minna grinst.
Mara schaut von einer zur anderen.
Nika: Und wo sind die Callas?
Minna: Warum?
Nika: Wenn wir schon dabei sind.
Minna: Die Callas sind gefährlich.
Nika: Es sind Blumen.
Minna: Das habe ich heute Morgen auch noch gedacht.
Nika: Minna, ich habe mehrere hundert Texte auseinandergenommen und daraus eine Dateistruktur gebaut.
Minna: Weiß ich. Kannst du auch richtig gut.
Nika: Eben.
Minna: Das hier ist eine andere Struktur.
Nika: Struktur ist Struktur.
Minna lächelt.
Minna: Oh.
Mara steht auf.
Keine der beiden reagiert.
Nika: Wenn eine Serie aus drei Bildern besteht, muss es zwischen ihnen ein verbindendes Prinzip geben.
Minna: Richtig.
Nika: Also.
Minna: Welches?
Nika: Das finde ich heraus.
Minna: Bitte.
Mara nimmt ihren Assyrtiko.
Mara: Ich gehe mal in die Küche.
Keine der beiden reagiert.
Nika: Diese beiden sind formal deutlich ähnlicher als—
Minna: Ja.
Nika: Lass mich ausreden.
Minna: Bitte.
Aus der Küche beginnt Nika gerade zum dritten Mal:
Nika: Nein, Moment. Wenn man die beiden nicht als Einzelbilder betrachtet, sondern als—
Pause.
Nika: Ach, verdammt. Die sind wirklich nicht gleich.
Minna: Sag ich doch.
Nika schaut noch einmal auf die beiden Seerosen.
Nika: Ja. Die sind nicht gleich. Aber wieso sind sie nicht gleich? Und wie ordne ich die ein? Es soll doch eine Struktur sein.
Minna nimmt einen Schluck Etna Bianco.
Mara kommt mit dem Vermentino zurück und stellt ihn auf den Tisch.
Mara: Ja.
Minna: Ja.
Nika schaut von einer zur anderen.
Nika: Was heißt hier ‚ja‘?
Mara schenkt den Vermentino ein.
Mara: Willkommen im Club der Andersstrukturierten.
Einen Moment ist es still.
Nika betrachtet die Seerosen.
Dann den Vermentino.
Dann wieder die Seerosen.
Nika: Scheiße.
Minna: Mhm.
Nika nimmt das Glas.
Nika: Gib mal die Callas her.
