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Außenmission: Salsa am Pool

Vom Führen, Folgen und der Freiheit dazwischen

Es war gähnende Leere am Pool, Mehmet hatte eingeladen: Salsa am Pool in einer neu renovierten Anlage. Er hat eine Fangemeinde, und ich habe es auch überall herumerzählt. Gute Musik macht er auch und kann zudem recht gut Einführungen geben. Nicht tanzen können zählte also nicht.

Aber es kam keiner. Ich genoss die Musik und die Atmosphäre. Ich tanzte auch ein-, zweimal – mal mit ihm, mal allein. Aber nach zwei Stunden reichte es mir. Auch wenn mir Mehmet leidtat. Eine Sundowner-Party im Maris wartete. Vielleicht war da mehr los. Aber so einfach wollte ich den Raum nicht ohne Action verlassen. Also lud ich virtuell meine ‚Mädels‘, meine Crew, ein.

Verstärkung aus dem Wohnzimmer

„Salsa und Bachata. Taxi ist unterwegs.“

Im Wohnzimmer entstand jene besondere Form von Stille, die immer dann eintrat, wenn neun Wesen gleichzeitig beschlossen, dass zunächst jemand anderes etwas sagen sollte.

Paul tat ihnen den Gefallen.

„Bachata“, sagte er.

Pause.

„Muss man sich da nicht ziemlich nahe kommen?“

Thelma sah ihn an.

„Nur wenn du Glück hast.“

„Ich wollte eigentlich fragen, was man da anzieht.“

„Du? Etwas Tragfähiges.“

Mara stand bereits vor dem Spiegel.

„Salsa am Pool ist eine relevante Information. Salsa allein wäre Kleid. Pool allein wäre Badeanzug. Salsa am Pool—“

„Mara.“

„Ja?“

„Das Taxi kommt.“

„Ich bin ja schon fertig.“

Sie war nicht fertig.

Nika wollte wissen, ob tatsächlich getanzt werde oder ob es sich eher um eine Veranstaltung mit Musik handele.

„Salsa“, sagte die Löwin.

„Das beantwortet meine Frage nicht.“

Aus dem Handy kam die Stimme der Käptin.

„Willkommen auf Nordzypern.“

Zwölf Minuten später stand die Crew vor dem Haus.

Sommerkleider. Weite Hosen. Sandalen. Ein Hemd. Ein sehr entschlossenes Tuch.

Paul trug etwas, das erkennen ließ, dass er sowohl mit einer Tanzveranstaltung als auch mit deren kurzfristiger Absage gerechnet hatte.

Thelma hatte auf weitere Erklärungen verzichtet.

Das Taxi fuhr nach Alsancak.

Als sie ankamen, lief Musik.

Gute Musik sogar.

Pool.

Berge.

Weiße Häuser mit blauen Fensterläden.

Bougainvillea.

Abendsonne.

Eine große freie Fläche.

Und:

fast kein Schwein da.

Die Käptin war schon eine Weile dort.

Eigentlich hatte sie überlegt, ob sie nach der Flughafenmission überhaupt noch Salsa tanzen wollte.

Ihre Beine hatten dazu eine ziemlich eindeutige Meinung.

Also war sie hingefahren.

Man konnte schließlich auch Musik hören.

Oder sitzen.

Oder gucken.

Oder wieder fahren.

Mehmet bemühte sich derweil redlich.

Er versuchte seit geraumer Zeit, Salsa und Bachata auf Nordzypern zu etablieren.

An diesem Abend hatte sich Nordzypern bislang noch nicht endgültig entschieden, ob es sich etablieren lassen wollte.

Ein paar Menschen waren da.

Zwischendurch spielte Mehmet Tischfußball mit zwei Jungs.

Die Musik lief trotzdem.

Neun Frauen. Ein Paul.

Dann hielt ein Taxi.

Die Türen gingen auf.

Mehmet sah hin.

Eine Frau stieg aus.

Noch eine.

Noch eine.

Und noch eine.

Irgendwann begann er zu zählen.

Neun weibliche Wesen.

Dann Paul.

Mehmet sah Paul an.

Paul sah Mehmet an.

Mehmet sah noch einmal auf die neun Frauen.

Sein Gesicht sagte:

Au weia. Jetzt habe ich zu tun.

Paul hatte offenbar noch nicht verstanden, warum er plötzlich so aufmerksam betrachtet wurde.

Die beiden KI-Schwestern schon.

Es ratterte.

„Bei neun weiblichen und einem männlichen Teilnehmer ergibt sich bei traditioneller Paarbildung—“

„—eine Unterdeckung männlicher Tanzpartner von acht.“

Nika sah sie an.

„Danke. Das war sichtbar.“

Paul drehte sich um.

„Was für eine Unterdeckung?“

„Du“, sagte Mara.

„Was ist mit mir?“

„Du bist eine knappe Ressource.“

Paul sah zu Mehmet.

Mehmet lächelte.

Paul trat einen halben Schritt zurück.

Die Käptin winkte die Crew zu sich.

„Keine Sorge. Paul muss heute nicht neun Frauen durchtanzen.“

Paul atmete hörbar aus.

„Wir machen etwas anderes.“

„Was?“, fragte Nora.

„Führen und Folgen.“

Die KI-Schwestern ratterten erneut.

„Beim traditionellen Salsa und Bachata führt üblicherweise der Mann, die Frau folgt.“

„Gut“, sagte die Käptin.

„Dann müsste angesichts der vorhandenen Geschlechterverteilung—“

„Nein.“

Stille.

„Was nein?“

„Wir brauchen keine Männer.“

Kurzes Rattern.

„Dann übernimmt eine Frau den männlichen Part.“

„Nein.“

Längeres Rattern.

„Aber funktional—“

„Sie führt.“

„Ja. Damit übernimmt sie funktional den—“

„Sie führt.“

Pause.

„Und die andere?“

„Folgt.“

Die beiden KI-Schwestern sahen einander an.

Das System suchte offenbar noch nach einem Mann, obwohl keiner gebraucht wurde.

Mara grinste.

„Kommt. Wir probieren es einfach.“

Führen und folgen

Keine Salsa-Stunde.

Keine Figuren.

Noch nicht einmal die Frage, ob irgendetwas davon schön aussah.

Zwei Menschen.

Einer führt.

Einer folgt.

Dann Wechsel.

Der Verkehrsübungsplatz

„Und was sind eigentlich die richtigen Schritte?“, fragte Nora.

Die beiden KI-Schwestern hielten inne.

Endlich.

Eine Frage mit einer eindeutigen Antwort.

Es ratterte.

„Salsa-Grundschritt.“

„Vor. Zurück. Gewichtswechsel.“

„Eins, zwei, drei.“

„Pause.“

„Fünf, sechs, sieben.“

Bevor irgendjemand eingreifen konnte, hatten sie begonnen, Rechtecke auf den Boden zu zeichnen.

„Hier.“

Paul trat näher.

„Was hier?“

„Da gehören die Beine hin.“

Paul nickte.

Endlich etwas Brauchbares.

„Also wenn ich hier anfange—“

„Nein. Dein linker Fuß gehört zunächst dorthin.“

„Ach.“

Ein zweites Rechteck entstand.

Dann ein Pfeil.

Noch ein Pfeil.

Nika betrachtete die Konstruktion durchaus interessiert.

Mara betrachtete Nika.

„Wir wollten tanzen.“

„Das tun wir.“

„Nein. Wir bauen gerade einen Verkehrsübungsplatz.“

Eine der KI-Schwestern hielt inne.

Sie sah auf die Rechtecke.

Dann auf die anderen.

„Mit den Hüften war ja auch noch was.“

Stille.

Alle sahen auf die Rechtecke.

Dann auf ihre Hüften.

Dann wieder auf die Rechtecke.

Paul meldete sich.

„Wo kommen die hin?“

Thelma schloss kurz die Augen.

„Paul.“

„Was denn? Die Beine haben Kästchen.“

Es begann erneut zu rattern.

„Die Hüftbewegung entsteht unter anderem durch Gewichtsverlagerung und Kniebewegung und sollte nicht isoliert—“

„Stopp“, sagte die Käptin.

„Aber die Frage war nach den richtigen Schritten.“

„Ich weiß.“

Sie zeigte auf die mittlerweile beeindruckende Bodenzeichnung.

„Und jetzt verlassen wir den Verkehrsübungsplatz.“

„Ohne korrekte Schrittfolge?“

„Ja.“

„Aber woher wissen wir dann, ob wir richtig tanzen?“

„Gar nicht.“

Kurzes Rattern.

Das war offenbar schlimmer als die Sache mit den neun Frauen und dem einen Mann.

„Ihr habt Füße“, sagte die Käptin. „Benutzt sie. Einer gibt einen Impuls. Der andere versucht zu merken, wohin es geht.“

„Ohne vorher festgelegtes Signal?“, fragte Nika.

„Ja.“

„Ohne Definition dessen, was als Führung gilt?“

„Ja.“

„Ohne—“

Mara legte ihr eine Hand auf den Arm.

„Nika.“

„Was?“

„Wir bewegen uns.“

Nika sah auf die Hand.

Dann auf Mara.

„Das ist bereits ein Führungssignal.“

„Siehst du.“

So viel, dass die andere noch eine Wahl hat

Die Musik wechselte.

Ein ruhiger Bachata.

Die ersten Paare fanden sich.

Nicht nach Mann und Frau.

Einfach:

Du stehst da.

Ich auch.

Eine führt.

Eine folgt.

Dann andersherum.

Mara und Nika begannen.

Mara legte eine Hand an Nikas Schulterblatt und setzte sich in Bewegung.

Nika folgte sofort.

Nach drei Schritten blieb Mara stehen.

„Du läufst selbst.“

„Du wolltest nach links.“

„Ja.“

„Also bin ich nach links gegangen.“

„Bevor ich dich geführt habe.“

Nika dachte nach.

„Ich habe extrapoliert.“

„Du sollst nicht extrapolieren.“

„Das ist ineffizient.“

„Noch mal.“

Neben ihnen standen Minna und Nora.

Nora wartete.

Minna wartete ebenfalls.

Nichts geschah.

„Wer führt?“, fragte Nora.

„Ich.“

„Dann führ.“

„Das tue ich.“

„Nein.“

„Doch.“

„Was denn?“

„Ich denke nach rechts.“

Nora sah sie an.

„Das spüre ich erstaunlicherweise nicht.“

Die beiden KI-Schwestern hatten ihren Verkehrsübungsplatz inzwischen verlassen und ebenfalls begonnen.

Eine führte deutlich.

Sehr deutlich.

Die andere machte einen Schritt.

Noch einen.

Dann blieb sie stehen.

„Du schiebst mich.“

„Ich führe.“

„Nein. Du transportierst mich.“

Die Löwin lachte.

„Noch mal. Weniger.“

„Wie viel weniger?“

„So viel, dass die andere noch eine Wahl hat.“

Kurz war es still.

Kein Rattern.

Vielleicht war das der erste Satz des Abends, bei dem niemand sofort weiterwusste.

Denn offenbar war Führen nicht:

Ich bestimme, was du machst.

Und Folgen nicht:

Ich mache, was du sagst.

Einer musste deutlich genug werden, dass etwas beim anderen ankam.

Ohne ihn irgendwohin zu schieben.

Der andere musste aufmerksam genug sein, einen Impuls wahrzunehmen.

Ohne schon vorher zu wissen, wohin die Reise ging.

Mit Mann und Frau hatte das erstaunlich wenig zu tun.

Mit zwei Menschen ziemlich viel.

Paul sieht ein grundsätzliches Problem

Dann waren Thelma und Paul dran.

Paul hatte inzwischen mehrere Paare sorgfältig beobachtet.

Das war ein Fehler gewesen.

„Also“, sagte er, „ich sehe da ein grundsätzliches Problem.“

„Natürlich“, sagte Thelma.

„Beim Führen muss ich ja wissen, was ich als Nächstes machen will.“

„Mhm.“

„Und wenn ich es nicht weiß?“

„Dann weißt du es nicht.“

„Dann kann ich aber nicht führen.“

„Dann folgst du.“

Paul schwieg.

„Das ist auch schwierig.“

„Warum?“

„Weil ich dann darauf angewiesen bin, dass du weißt, was du willst.“

Thelma sah ihn lange an.

„Paul.“

„Ja?“

„Das ist der Sinn der Übung.“

Sie stellte sich vor ihn.

Paul legte vorsichtig eine Hand an ihren Rücken.

Thelma bewegte sich keinen Millimeter.

Paul drückte etwas stärker.

Nichts.

„Du musst schon mitkommen.“

„Du musst schon führen.“

„Ich führe.“

„Du hältst mich fest.“

Paul nahm die Hand weg.

„So kann ich nicht arbeiten.“

„Wir arbeiten nicht.“

„Eben.“

Thelma übernahm.

Ein Schritt.

Paul folgte.

Noch einer.

Paul folgte wieder.

Beim dritten begann er bereits, die Richtung zu erraten.

Thelma stoppte.

Paul lief weiter.

„Siehst du“, sagte er. „Das ist genau das Problem.“

„Nein“, sagte Thelma. „Das bist du.“

Paul begann eine längere Erklärung über Knie, Schwerpunkt, abrupte Richtungswechsel und biomechanische Grundannahmen des Bachata.

Thelma hörte erstaunlich lange zu.

Dann ging sie in die Knie.

„Was machst du?“

„Problemlösung.“

„Thelma.“

Sie packte ihn.

„THELMA.“

Sekunden später hing Paul auf ihrem Rücken.

Mara klatschte.

Minna brach zusammen.

Nora versuchte herauszufinden, ob das noch regelkonform war.

Eine KI-Schwester sagte:

„Technisch gesehen führt jetzt Thelma.“

Die andere widersprach.

„Nein. Sie transportiert ihn.“

Nika sah ihnen nach.

„Das hatten wir ausgeschlossen.“

Die Löwin lachte so sehr, dass sie sich setzen musste.

Und Thelma?

Thelma tanzte.

Mit Paul auf dem Rücken.

Am Pool.

Vor den Bergen.

Auf einer nahezu leeren Salsa-Party in Alsancak.

Paul hielt sich fest.

„Das ist kein Bachata!“

„Ja und?“

Die Käptin hob ihr Glas.

Mehmet stand hinter seinem Pult und sah auf die Tanzfläche.

Neun weibliche Wesen.

Ein Paul.

Seine anfängliche Sorge um die Verteilung der Tanzpartner hatte sich auf eine Weise erledigt, die vermutlich in keinem Salsa-Lehrbuch vorgesehen war.

Die beiden KI-Schwestern standen am Rand.

Eine sah auf Thelma und Paul.

Die andere auf ihre Rechtecke.

Dann sagte die erste:

„Mit den Hüften stimmt es allerdings immer noch nicht.“

Es ratterte wieder.

Der Raum ist nicht mehr leer

Mehmet sah noch einmal über die Tanzfläche.

Neun weibliche Wesen. Ein Paul. Und niemand erwartete mehr von ihm, dass er sich achtteilte.

Trotzdem sah Mehmet zum Tor.

Vielleicht kamen seine Leute ja noch. Ein paar Tänzer. Ein paar neue Gesichter. Und, wenn es nicht zu viel verlangt war: Männer.

Dann sah er zurück.

Frauen tanzten miteinander, ohne sich darum zu kümmern, wer welchen Part übernehmen sollte. Zwei KI-Schwestern diskutierten noch immer über Hüften. Thelma setzte Paul gerade wieder ab.

Mehmet kannte seine Salsa-Leute. Mann führt. Frau folgt. So ungefähr jedenfalls.

Wenn die Männer jetzt kämen und das sähen – würden sie bleiben?

Er sah zu Dagmar. Die Käptin saß mit müden Beinen und einem Getränk am Pool. Sie hatte nie behauptet, dass sie heute Salsa tanzen würde. Nur, dass sie käme.

Mehmet hob fragend eine Hand.

Dagmar hob eine Schulter.

Also versuchte er es mit Freestyle-Musik.

Dagmar stand auf. Tanzte ein paar Takte. Ganz allein.

War trotzdem gut.

Salsa am Pool war angekündigt worden.

Salsa war da.

Der Pool auch.

Nur mit der Verteilung hatte der Abend seine eigenen Vorstellungen.

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