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Genieß es doch einfach.

Dagmar Thiel beim Tanzen im Lido auf Nordzypern

Genieß es doch einfach.

Ich komme nach Hause und bin traurig.

Dabei hatte ich einen wunderschönen Nachmittag.

Musik. Menschen. Tanzen. Meer. Ein Glas Sekt, das mit ein bisschen Charme dann doch voller ausfiel als vorgesehen.

Ich hatte Frauen beim Tanzen zugesehen. Mich selbst bewegt. Menschen angelächelt und dieses offene Lächeln zurückbekommen.

Ich wäre gerne noch geblieben.

Aber ich musste fahren. Und nach zwei Stunden war ich ohnehin durch.

Nicht, weil irgendetwas unangenehm gewesen wäre.

Im Gegenteil.

Es war zu schön.

Es war nicht einmal perfekt

Ich war vorher schon mehrmals sonntags dort.

Beim ersten Mal fing die Musik viel später an, als ich gedacht hatte.

Beim nächsten Mal hörte sie viel zu früh wieder auf.

Dann kam ich hin – und es war kaum jemand da. Niemand tanzte.

Schön war es trotzdem.

Ich habe jedes Mal das genommen, was da war. Habe aufs Meer geschaut, Musik gehört, meinen Nachmittag genossen. Ich kann aus so etwas etwas Schönes machen.

Und auch diesmal war nicht alles perfekt.

Ich musste noch Auto fahren und deshalb beim Sekt aufpassen. Nach zwei Stunden merkte ich, dass mir die vielen Eindrücke reichten. Ich wäre gern länger geblieben und konnte es gleichzeitig nicht.

Also eigentlich nichts, woraus man einen perfekten Glücksmoment bauen würde.

Und trotzdem hat es mich erwischt.

Nicht, weil diesmal endlich alles gestimmt hätte.

Sondern weil für ein paar Momente offenbar etwas anderes stimmte.

Musik. Bewegung. Schönheit. Menschen. Ein offenes Lächeln, das zurückkommt. Körper, die sich bewegen. Ein bisschen Spiel miteinander.

Und dieses Gefühl, nicht daneben zu stehen und das Leben anzuschauen.

Sondern drin zu sein.

Und plötzlich dachte ich:

Wow. Wie groß muss die Sehnsucht danach gewesen sein, wenn mich ein paar solche Momente derart erwischen?

Zweimal geweint

Seit vier Jahren lebe ich auf Nordzypern.

In diesen vier Jahren habe ich zweimal geweint.

Einmal im Schnee.

Drei Jahre lang hatte ich gesagt: Ich möchte in den Schnee.

Irgendwann fuhr ich mit einem Bekannten hinauf in die Berge. Schnee. Endlich.

Und ich konnte mein Glück nicht fassen.

Ich weinte.

Das zweite Mal war jetzt.

Wieder nicht aus Schmerz.

Aus Rührung.

Weil plötzlich etwas da war, nach dem ich lange gesucht hatte.

Lebendigkeit.

Nicht als großes Wort.

Sondern ganz banal und körperlich: Musik hören und sich bewegen wollen. Schöne Menschen anschauen. Einander angrinsen. Ein bisschen flirten. Tanzen. Dazugehören, ohne irgendwo dazugehören zu müssen.

Für ein paar Momente einfach mittendrin sein.

Und irgendwann sagt der Körper:

Jetzt reicht’s.

Sonst fallen hier die Platinen durch.

Von Glück kann man doch nie genug haben

Oder?

Wir reden viel darüber, wie wir mit unangenehmen Gefühlen umgehen können.

Stress regulieren. Ängste aushalten. Trauer zulassen. Grenzen wahrnehmen.

Aber wer redet eigentlich darüber, dass auch Glück anstrengend sein kann?

Dass Schönheit überwältigen kann.

Dass Verbundenheit so intensiv werden kann, dass der Körper irgendwann sagt: Mehr geht gerade nicht.

Ich dachte zunächst:

Vielleicht kann ich Glück nur sehr dosiert an mich heranlassen.

Aber vielleicht stimmt das gar nicht.

Vielleicht ist es genau andersherum.

Vielleicht lasse ich es so tief an mich heran, dass ich es nur dosiert vertrage.

Das gefällt mir besser.

Nicht, weil es schöner klingt.

Sondern weil es näher an dem ist, was ich erlebt habe.

Ich bin nicht hierhergezogen, damit es mir gut geht

Das habe ich an diesem Nachmittag wieder verstanden.

Natürlich wollte ich ein schönes Leben, als ich nach Nordzypern gezogen bin.

Meer, Sonne, Freiheit – nehme ich alles.

Aber darum ging es darunter nicht.

Ich bin nicht hierhergezogen, damit es mir gut geht.

Ich bin hierhergezogen, weil ich wieder fühlen wollte, dass ich lebe.

Und das ist offenbar nicht dasselbe.

Lebendigkeit ist nicht immer angenehm.

Sie kann laut sein.

Sie kann erschöpfen.

Sie kann einen zum Lachen bringen und eine Stunde später traurig machen.

Sie kann wunderschön sein und gleichzeitig wehtun.

Vielleicht gerade deshalb, weil man plötzlich merkt:

Da ist es. Genau danach habe ich gesucht.

Und dann kommt die Traurigkeit

Zu Hause war ich müde.

Ich wollte keinen Film mehr sehen. Keine weiteren Bilder. Keine Geschichte.

Eigentlich war schon alles voll.

Und trotzdem war ich traurig.

Warum?

Ich weiß es nicht genau.

Vielleicht weil ich gern noch geblieben wäre.

Vielleicht weil etwas satt geworden ist und ich dadurch erst gemerkt habe, wie groß der Hunger danach war.

Vielleicht war ich traurig, weil diese wenigen Momente mir gezeigt haben, wie groß die Sehnsucht danach ist.

Oder vielleicht gehören die Traurigkeit und das Glück viel enger zusammen, als unsere hübschen Sortierungen es vorsehen.

Ich muss es nicht entscheiden.

Ich weiß nur:

Es waren ein paar Momente.

Ein paar verdammt lebendige Momente.

Und vielleicht liegt genau da der Denkfehler in diesem freundlichen Satz:

„Genieß es doch einfach.“

Als wäre Glück etwas, das man möglichst lange festhalten müsste.

Als wäre mehr automatisch besser.

Als wäre ein schöner Moment erst dann genug, wenn er bleibt.

Vielleicht war er längst genug.

Vielleicht war ich einfach voll.

Und heute denke ich:

Es waren nur ein paar Momente.

Egal.

Sie waren da.

Und nein, in diesem Zusammenhang rede ich nicht vom halb vollen Glas. Das sehe ich häufiger. Genießen kann ich auch. Wertschätzen auch.

Das hier war noch eine Nummer heftiger.

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Dagmar Thiel beim Tanzen im Lido auf Nordzypern