

Es war Sonntag.
Ich wollte raus. Einfach mal wieder raus. Wandern.
Nicht alleine – dafür ist das Troodos-Gebirge zu weit, zu kompliziert, zu viel.
Also schloss ich mich einer geführten Wanderung an.
Engin macht das gut. Er stellt Gruppen zusammen, organisiert sauber, die Strecken sind stimmig. Teuer, ja – aber gut. Und meistens auch international gemischt. Dänen, Deutsche, Finnen, ein paar Zyprioten. Dann geht das. Dann entsteht was.
Aber diesmal war es anders.
Diesmal war ich die einzige Nicht-Zypriotin auf der Liste.
Nur türkische Namen.
Ein paar kannte ich – da wusste ich: Die sprechen gut Englisch.
Eine von ihnen, Nazime, hatte sogar Lust, Deutsch zu lernen.
Ich dachte: Okay, das kriegen wir schon hin. Vielleicht redet nicht jeder mit mir, aber es wird schon jemand da sein.
Aber es war niemand da.
Also, ja – natürlich waren Menschen da. Eine ganze Gruppe.
Sie waren lebendig, freundlich, laut.
Sie kannten sich.
Und sie sprachen Türkisch. Nur Türkisch.
Ein paar Sätze mal in meine Richtung, wenn ich direkt daneben stand.
Dann wieder unter sich.
Ich war da – aber nicht drin.
Und ich wusste das. Schon ganz früh.
Es war nicht feindlich. Es war einfach: nicht meins.
Und ich konnte das aushalten.
Ich habe gelächelt, ich bin mitgelaufen, ich habe mir ihren Rhythmus angeschaut.
Alle paar Meter ein Gruppenfoto, ein Selfie, ein Lachen.
Für mich zu viel Inszenierung, zu wenig Natur – aber ich wusste ja, worauf ich mich einlasse.
Das war okay. Nicht schön. Aber okay.
Und dann ging noch mehr schief.
Wir hatten Verspätung – wegen der Grenze.
Der Süden blockiert, der Norden hilflos.
Zypern eben.
Das geplante Kloster war schon zu, als wir ankamen.
Mittagessen – laut, chaotisch, das Essen schlecht.
Und ich dachte nur: Ich wollte doch einfach nur wandern.
Aber ich blieb.
Nicht trotzig. Nicht aus Pflichtgefühl.
Ich blieb, weil ich spürte: Da ist noch was.
Und dann, nach dem Essen, ein letztes Ziel: Kaffee.
Ein weiteres Haus. Noch ein Programmpunkt.
Ich saß draußen mit einigen aus der Gruppe.
Nazime war da. Zwei andere, die ein bisschen Englisch konnten.
Drei, die kein Wort verstanden von dem, was ich sagte.
Aber sie sprachen. Miteinander. Lachten. Türkisch, natürlich.
Und ich?
Ich saß da, grinste wieder höflich, nippte an meinem Kaffee.
Und dann war dieser Moment.
Nicht bitter. Nicht wütend.
Einfach: Genug jetzt. Ich bin da. Aber das hier ist nicht mein Gespräch.
Ich stand auf.
Ging ein paar Schritte.
Hinter dem Café war ein kleiner Wasserfall.
Still. Kühl. Echt.
Ich atmete. Ich war wieder bei mir.
Dann kam Nazime.
Mit ihrer Lust auf Fotos. Sie liebt es, sich in Szene zu setzen – aber nicht eitel.
Sie ist lebendig, offen, ein bisschen wild.
Sie stellte sich auf einen Felsen, balancierte, reckte sich nach oben.
Ich sah sie an. Lächelte. Streckte die Hand aus.
Und sie griff sie.

Und genau da – klick.
Ein Foto entstand.
Ich unten, sie oben.
Ich halte, sie zeigt sich.
Kein Coaching-Moment. Kein Symbol. Kein Konzept.
Aber echt.
Ich habe nicht geführt.
Ich habe nicht geredet.
Ich war nicht die, die integriert wurde.
Aber ich bin geblieben.
Ich habe nicht versucht, dazuzugehören.
Aber ich habe mich auch nicht entzogen.
Und genau da – entstand Verbindung.
Ich weiß nicht, was du siehst, wenn du das Bild anschaust.
Vielleicht siehst du eine Frau, die hilft.
Vielleicht eine, die hält.
Vielleicht siehst du nur zwei Menschen in einer schönen Umgebung.
Ich sehe den Moment, in dem ich nicht mehr gewartet habe, dazuzugehören.
Und genau dort hat sich etwas geöffnet.
Nicht durch Sprache.
Nicht durch Methode.
Sondern durch Dasein.
Genau da bin ich.
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