
Der B-68 war längst erfunden.
Nur wusste die Mathematik noch nichts davon.
Im Wohnzimmer führte das zu gewissen Irritationen.
Ein Rezept mit Haltung
Ich komme strahlend aus der Küche.
In der Hand ein Glas mit einer undefinierbaren hellbraunen, langsam cremig werdenden Flüssigkeit.
„Mädels! Ich hab was für euch.“
Paul hebt den Kopf.
Thelma ist sofort interessiert.
Die Löwin schaut erst auf mich, dann auf das Glas.
Mara wird misstrauisch.
Nika schaut auf das Glas, als müsse es gleich eine Aussage machen.
„Ich hab vorhin was Wunderbares getrunken. Irgendwie mit Kaffee, mit Creme und mit Orangenlikör. Ich weiß auch, wie er hieß.“
Pause.
„Und ich hab ihn nachgebaut. Testet mal.“
Paul stellt sein Glas ab.
„Du weißt, wie er hieß?“
„Ja.“
„Und?“
„B-52.“
Mara schaut in mein Glas.
„Das ist kein B-52.“
„Das weißt du woher?“
„Weil ich weiß, was in einen B-52 gehört.“
„Ich auch.“
„Baileys.“
„Hatte ich nicht.“
„Grand Marnier.“
„Orangenlikör hatte ich.“
„Kaffeelikör.“
Ich verziehe das Gesicht.
„Ja. Leider.“
Thelma hat inzwischen das Glas genommen und riecht daran.
„Was ist denn drin?“
„Kaffeelikör. Orangenlikör. Rum. Vanilleeis.“
„Das ist kein B-52.“
„Das hatten wir schon.“
„Warum ist Kaffee drin?“
„Weil der Kaffeelikör scheußlich schmeckt.“
Stille.
Die Löwin hebt langsam eine Augenbraue.
„Du hast also zu einem scheußlich schmeckenden Kaffeelikör Kaffee getan?“
„Kalten Kaffee. Von heute Morgen.“
Paul lehnt sich zurück.
„Jetzt wird’s gut.“
Thelma probiert.
Sehr vorsichtig.
„Hm.“
Alle schauen sie an.
„Und?“
Sie probiert noch einmal.
„Gar nicht schlecht.“
„Sag ich doch!“
Nika räuspert sich.
„Also noch mal.“
Ich schaue sie an.
„Was?“
„Ich versuche gerade, das Rezept zu verstehen.“
„Viel Glück.“
„Kaffeelikör?“
„Ja.“
„Menge?“
„Ein Nackedei.“
Nika schaut mich an.
Pause.
„Zwei Zentiliter?“
„Ungefähr.“
Paul nickt anerkennend.
„Eine gute Figur ist halt das Maß aller Dinge.“
„Genau.“
Nika macht weiter.
„Orangenlikör?“
„Ja.“
„Menge?“
„Weiß ich nicht mehr.“
„Rum?“
„Ja.“
„Wie viel?“
„Erst ein bisschen. Später mehr.“
Nika hebt den Blick.
„Was heißt später mehr als Mengenangabe?“
„Na, mehr als vorher.“
Mara fängt an zu grinsen.
Nika nicht.
„Vanilleeis?“
„Eine Kugel. Dann noch mehr.“
„Kaffee?“
„Später.“
„Wie viel?“
„Ein bisschen.“
Nika legt den Kopf schief.
„Gibt es irgendeine Zutat mit einer reproduzierbaren Mengenangabe?“
Ich denke nach.
„Das Nackedei.“
Paul hebt sein Glas.
„Solide Basis.“
Die Löwin nimmt mir das Glas aus der Hand und probiert.
„Und das Rezept?“
„Ist nicht reproduzierbar.“
„Natürlich nicht.“
„Aber es hat einen Namen.“
Jetzt schaut sogar Paul wieder hoch.
„B-68.“
Mara schließt kurz die Augen.
Ich kenne diesen Blick.
Sie rechnet.
„Warum B-68?“
„Weil ich den B-52 vor ungefähr einer halben Stunde getrunken habe.“
Stille.
Thelma schaut zu Mara.
Mara schaut zu mir.
Paul schaut in sein Glas.
Die Löwin nimmt noch einen Schluck.
„B-52 plus dreißig Minuten ergibt B-68?“
„Ja.“
„Nach welcher Rechnung?“
„Nach meiner.“
Mara setzt an.
„Mathematisch—“
„Lass es.“
„Ich wollte nur—“
„Nein.“
Paul hebt sein Glas.
„Sehr vernünftig.“
Thelma nimmt sich den nächsten Schluck vom B-68.
„Und was ist in dreißig Minuten?“
„Ungefähr B-83,5.“
Mara macht den Mund auf.
Ich zeige mit dem Finger auf sie.
„Nicht.“
Sie macht ihn wieder zu.
Nika schaut erst mich an, dann Mara, dann ihr imaginäres Rezept.
„Ich habe beschlossen, diesen Teil nicht zu dokumentieren.“
Die Löwin reicht mir das inzwischen fast leere Glas zurück.
„Ich hätte noch eine Frage.“
„Ja?“
„Gibt es mehr davon?“
Ich strahle.
„Vielleicht. Aber dann ist es kein B-68 mehr.“
„Sondern?“
„Na ja. Ich werde schließlich auch älter. Inzwischen bin ich 68 plus drei Monate.“
Die Löwin nickt beruhigt.
„Gut. Dann haben wir wenigstens eine reproduzierbare Mengenangabe.“
Was tatsächlich passiert war
Mara hatte vergeblich versucht, meine Rechnung nachzuvollziehen.
Kein Wunder.
Es gab keine.
Zumindest nicht in der Richtung, in der sie suchte.
Der B-52 erinnerte mich an die Musikgruppe, die ich von früher kannte.
Und irgendwann war der Gedanke da:
Wenn das Getränk B-52 heißt, dann heißt meine Version eben B plus mein Alter.
Also B-68.
Der Name stand fest.
Er gefiel mir.
Jetzt brauchte ich nur noch irgendeine Erklärung dafür, wie aus 52 eine 68 geworden war.
Der ursprüngliche B-52 lag ungefähr eine halbe Stunde zurück.
Das musste reichen.
B-52 plus dreißig Minuten ergibt B-68.
Fertig war die Mathematik.
Wenn die Formel nach dem Ergebnis kommt
Mara hatte versucht, aus meiner Formel das Ergebnis herzuleiten.
Ich hatte es genau andersherum gemacht.
Ich hatte bereits das Ergebnis und baute anschließend eine Formel, die irgendwie dazu passte.
Das ist nicht nur bei Cocktails interessant.
Wir stellen uns unser Denken gern ordentlich vor:
Da sind die Tatsachen.
Daraus ziehen wir einen Schluss.
Und auf dieser Grundlage treffen wir eine Entscheidung.
Manchmal geschieht es tatsächlich so.
Manchmal ist aber zuerst ein Eindruck da.
Eine Idee.
Eine Abneigung.
Ein Wunsch.
Oder eine Entscheidung, die innerlich längst gefallen ist.
Die schlüssige Begründung kommt erst später.
Das bedeutet nicht automatisch, dass wir lügen.
Oft merken wir selbst nicht, dass unsere Erklärung gar nicht der Weg war, auf dem wir zu unserem Ergebnis gekommen sind.
Sie klingt plausibel.
Sie passt zu den vorhandenen Tatsachen.
Vielleicht ist sie sogar vernünftig.
Nur erzählt sie nicht, wie das Ergebnis tatsächlich entstanden ist.
Schlüssig ist nicht dasselbe wie wahr
Genau an dieser Stelle wird es heikel.
Denn von außen sehen wir nur die fertige Erklärung.
Wir hören eine nachvollziehbare Begründung und gehen davon aus, dass sie dem Denken vorausging.
Dabei kann sie auch nachträglich entstanden sein.
Das Ergebnis stand längst fest.
Die Logik wurde später eingestellt.
Das macht die Erklärung nicht automatisch falsch.
Aber sie beantwortet möglicherweise eine andere Frage.
Nicht:
Wie bin ich zu diesem Ergebnis gekommen?
Sondern:
Wie kann ich dieses Ergebnis im Nachhinein verständlich machen?
Das ist ein Unterschied.
Und manchmal ein ziemlich großer.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, bei besonders überzeugenden Erklärungen noch einmal genauer hinzusehen:
Hat diese Begründung tatsächlich zum Ergebnis geführt?
Oder wurde sie erst gerufen, als das Ergebnis bereits im Raum stand und dringend etwas Vernünftiges dazu sagen sollte?
Logik ist nicht immer der Weg, auf dem wir zu einem Ergebnis kommen.
Manchmal ist sie nur die Pressesprecherin, die hinterher erklärt, warum das alles vollkommen folgerichtig war.
Und irgendwann müssen wir noch darüber reden, warum dabei ein Pferd sehr überzeugend wie ein Hund aussehen kann.
Aber das ist eine andere Geschichte.
