Zum Inhalt springen
Startseite » Blog » Verlass deine Komfortzone! – Nö.

Verlass deine Komfortzone! – Nö.

Wohnzimmer mit Thelma auf der Bühne, Paul auf dem Sofa und der Crew

„Verlass deine Komfortzone!“

Thelma steht auf der Bühne.

Wo sonst.

Arme ausgebreitet, Brust raus, bereit für das Leben.

„Rauf auf die Bühne!“

Paul sitzt auf dem Sofa.

Cocktail in der Hand.

Er schaut kurz hoch.

„Nö.“

Ich kann ihn verstehen.

Ganz ehrlich: Mich nervt dieser Satz inzwischen.

Verlass deine Komfortzone.

Auf LinkedIn begegnet er mir gerade gefühlt an jeder zweiten Ecke.

Wachstum beginnt außerhalb deiner Komfortzone.

Erfolg auch.

Das wahre Leben sowieso.

Und wenn du noch auf deinem Sofa sitzt, hast du vermutlich nur nicht genügend Mut.

Klingt gut.

Stimmt nur leider nicht immer.

Was, wenn die Komfortzone gar nicht komfortabel ist?

Viele Menschen, mit denen ich arbeite, haben sich nicht gemütlich eingerichtet.

Sie funktionieren.

Sie wissen, wie sie mit ihrem Chef umgehen müssen.

Sie kennen die Regeln ihrer Beziehung.

Sie wissen, welche Unsicherheiten sie aushalten können.

Sie wissen, wie sie morgens aufstehen, weitermachen und abends irgendwie wieder ins Bett kommen.

Vertraut?

Ja.

Komfortabel?

Nicht unbedingt.

Manchmal ist das, was wir von außen Komfortzone nennen, längst ein ziemlich anstrengender Überlebensmodus.

Und dann kommt jemand und ruft:

„Du musst endlich deine Komfortzone verlassen!“

Wohin denn noch?

Noch mehr Unsicherheit?

Noch mehr Risiko?

Noch mehr verbiegen?

Vielleicht braucht dieser Mensch gerade nicht weniger Sicherheit.

Vielleicht braucht er zum ersten Mal mehr davon.

Ich habe eine Komfortzone

Sie heißt Wohnzimmer.

Dort sitzen ein paar ziemlich eigenartige Gestalten.

Thelma, das singende Einhorn, liebt die Bühne.

Die Löwin behält gern den Überblick.

Paul liebt sein Sofa.

Und seinen Cocktail.

Dann gibt es noch ein paar Frauen, Menschen und Maschinen, die denken, reden, streiten, ausprobieren und gelegentlich grandiosen Unsinn produzieren.

Das Entscheidende an diesem Wohnzimmer ist aber nicht das Sofa.

Es ist die Sicherheit.

Hier darfst du sein.

Du musst nicht bei jedem Gedanken beweisen, dass er richtig ist.

Du darfst etwas ausprobieren.

Du darfst einen Gedanken anfangen und feststellen: Quatsch.

Du darfst dich irren.

Du darfst widersprechen.

Du darfst auf die Bühne gehen.

Und du darfst wieder runterkommen.

Gerade dort sind einige meiner besten Ideen entstanden.

Nicht obwohl es eine Komfortzone ist.

Sondern weil es eine ist.

Wenn ich nicht gleichzeitig damit beschäftigt bin, mich zu schützen, Erwartungen zu erfüllen oder meine Existenzberechtigung zu beweisen, wird etwas frei.

Neugier.

Spiel.

Denken.

Manchmal sogar Mut.

Und dann ist da Paul

Das Problem ist nämlich:

Paul hat ebenfalls recht.

Zumindest manchmal.

Er sitzt auf dem Sofa.

Cocktail.

Nette Gesellschaft.

Alles bekannt.

Alles prima.

Thelma ruft:

„Rauf auf die Bühne des Lebens!“

Paul:

„Nö.“

Warum sollte er?

Hier ist es doch schön.

Und genau da kann aus einer Sicherheitszone etwas anderes werden.

Ein Ort, der mich nicht mehr trägt, sondern festhält.

Ich weiß, wie alles funktioniert.

Ich kenne meine Rolle.

Ich kenne die anderen.

Ich kenne sogar meine Ausreden.

Sehr praktisch.

Dann muss vielleicht tatsächlich irgendwann jemand kommen und sagen:

„Paul. Hintern hoch.“

Sicherheit oder Sofa?

Vielleicht werfen wir mit dem Wort Komfortzone Dinge zusammen, die überhaupt nicht dasselbe sind.

Da ist der Sicherheitsraum.

Ein Ort, an dem ich nicht permanent auf der Hut sein muss. Der mir den Rücken freihält.

Da ist das Basislager.

Ich gehe hinaus, probiere etwas, komme zurück. Sortiere mich. Und gehe vielleicht wieder los.

Und da ist das Sofa.

Der Ort, an dem ich irgendwann nicht mehr sitze, weil er mir guttut, sondern weil ich ziemlich genau weiß, was passiert, wenn ich aufstehe:

Keine Ahnung.

Das Blöde ist:

Von außen sehen die drei manchmal verdammt ähnlich aus.

Jemand bleibt in seinem Job.

„Komfortzone!“

Vielleicht.

Vielleicht hält genau dieser Job ihm gerade den Rücken frei, während er etwas Neues aufbaut.

Jemand kündigt, trennt sich, verkauft alles und zieht ans andere Ende der Welt.

„Wow! Der hat seine Komfortzone verlassen!“

Vielleicht.

Oder Weggehen ist genau das, was dieser Mensch immer macht, sobald es schwierig wird.

Dann kann sogar der Sprung ins Unbekannte ein ziemlich vertrautes Sofa sein.

Vielleicht stellen wir die falsche Frage

Nicht:

„Habe ich meine Komfortzone verlassen?“

Sondern:

„Hält dieser Ort mir gerade den Rücken frei – oder hält er mich fest?“

Das kann nur jeder für sich beantworten.

Und manchmal lautet die Antwort eben:

Ich brauche mein Sofa.

Gut.

Setz dich.

Trink deinen Cocktail.

Sammle dich.

Nur wenn Thelma zum fünften Mal von der Bühne ruft und du längst selbst mit dem Fuß wippst, würde ich vielleicht noch einmal hinschauen.

Vielleicht willst du ja doch hoch.

Paul wird natürlich behaupten:

„Nö.“

Aber Paul behauptet vieles.

Und manchmal steht er fünf Minuten später trotzdem auf der Bühne.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Wohnzimmer mit Thelma auf der Bühne, Paul auf dem Sofa und der Crew