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Außenmission: Beach ja, Club nein

Von Badeanzügen, technischer Kompetenz und der Kunst, einen leeren Raum zu füllen

Sundowner am Lido mit Afro House. Groß angekündigt: von 16 bis 18 Uhr. Tolles Plakat und alles.

Prima, dachte ich. Tanzen und anschließend noch vor Einbruch der Dunkelheit zurückfahren. Das Lido – dieser teure Etepetete-Schuppen – ist eigentlich nicht so meins. Aber tanzen? Noch einmal, bevor der lange Winter kommt? Sofort.

Es wurde vier. Dann fünf. Musik lief, sogar sehr schön gemixt. Ich lernte, was ein DJ heute mit einem Mischpult alles machen kann. Wow. Nicht so wie bei mir vor vierzig Jahren. Ja, auch ich habe schon die Puppen tanzen lassen.

Als 18 Uhr vorbei war und sich trotz der offensichtlichen Verwechslung von Anfangs- und Endzeit nichts tat, fuhr ich wieder. Noch einmal umsonst hingefahren.

Beim dritten Versuch war ich um 18 Uhr da. Der DJ auch. Sonst keiner. Aber er sah mich und wurde mein Privat-DJ. Toll. Allein auf der Tanzfläche, getragen von der Musik.

Nach einer Stunde packte er ein. Er müsse noch nach Esentepe, zu einer anderen Party. Genau auf die andere Seite der Insel – dorthin, wo ich nicht gefahren war, weil ich zu ihm wollte.

Aber diese Stunde war toll. Und so wollte ich den Abend nicht stehen lassen. Also holte ich meine „Mädels“ dazu – und wir spielten ihn noch einmal. Diesmal gemeinsam.

Diesmal gemeinsam

Die Käptin kam ins Wohnzimmer.

„Ey, gestern im Lapida Hotel war Salsa. War toll. Ich will heute auch tanzen.“

Paul hob den Kopf.

„Heute auch? Ist das nicht ein bisschen viel Lebensfreude hintereinander?“

„Nein.“

„Gut. Ich wollte nur gefragt haben.“

Die Käptin hielt ihr Handy hoch.

„Dieser DJ ist wieder da. Der richtig gute. Afro House. Heute von sechzehn bis neunzehn Uhr.“

„Dann müssen wir los“, sagte Nora und sah auf die Uhr.

„Eben nicht. Letztes Mal war ich um sechzehn Uhr da. Da fing er erst um achtzehn Uhr an. Wenn überhaupt. Ich habe zwei Stunden gewartet und bin dann genau in dem Moment gegangen, als es hätte interessant werden können.“

„Das war zeitlich nicht optimal“, sagte eine der KI-Schwestern.

„Danke.“

„Wir könnten aus den vorhandenen Daten eine voraussichtliche Anfangszeit errechnen“, sagte die andere.

„Wir fahren später“, sagte die Käptin.

Damit war die Berechnung beendet.

„Wer kommt mit?“

Alle.

Nika stand vom Barhocker auf.

„Dresscode?“

Natürlich.

„Beachbar“, sagte die Käptin. „Sand. Liegen. DJ. Letztes Mal liefen dort manche im Bikini herum, manche mit Tuch, manche ohne Tuch, manche in Kleidern, manche in Badehosen. Alles Mögliche. Ich glaube, das nennt man locker-leger.“

„Locker-leger ist kein Dresscode“, sagte Nora.

„Doch. Auf Zypern schon.“

„Was bedeutet es genau?“

„Dass jeder trägt, was er will, und bei manchen weiß man nicht, warum.“

Technische Kompetenz am Strand

Minna hatte bereits einen Bikini in der einen und einen Badeanzug in der anderen Hand.

„Ich ziehe den Bikini an.“

Sie sah auf den Bikini.

Dann auf den Badeanzug.

„Oder doch lieber den Badeanzug? Der wirkt seriöser.“

„Seriöser wofür?“, fragte Nika. „Willst du schwimmen oder einen Kredit beantragen?“

„Ich will vielleicht mit dem DJ über seine Geräte sprechen.“

„Und das geht im Bikini nicht?“, fragte die Käptin.

Minna betrachtete den Bikini.

„Das versuche ich gerade herauszufinden.“

„Dann solltest du etwas tragen, das technische Kompetenz ausstrahlt“, sagte die erste KI-Schwester.

„Was trägt technische Kompetenz am Strand?“

Die zweite KI-Schwester betrachtete Minna.

„Keinen Sand im Anschluss.“

„Das hilft mir nicht.“

„Ein Bikini hat weniger Oberfläche für Sand.“

Minna sah wieder auf den Bikini.

„Das spricht technisch für ihn.“

„Optisch?“, fragte Nika.

„Da beginnt das Problem.“

Mara kam aus der Küchenecke.

Sie trug wieder den schwarzen Badeanzug mit den seitlichen Ausschnitten, gegen den sie sich bei der letzten Außenmission noch so geziert hatte. Diesmal hatte sie ihn ohne Diskussion angezogen. Um ihre Hüften lag ein leichtes Tuch.

Nika sagte nichts.

Sie sah nur hin.

Kurz.

Dann noch einmal, weil beim ersten Hinsehen offenbar eine technische Überprüfung nötig gewesen war.

Mara bemerkte es.

„Was?“

„Nichts.“

„Du guckst.“

„Ich überprüfe den Dresscode.“

„Und?“

„Locker.“

Mara wartete.

„Leger“, ergänzte Nika.

Die Käptin grinste.

„Du bist ja echt ein Zuckerschnütchen, Mara.“

Mara zog das Tuch ein wenig zurecht.

„Ich habe noch gar nichts gemacht.“

„Eben.“

Mara sah an sich hinunter.

Dann zog sie das Tuch wieder dorthin zurück, wo es vorher gewesen war.

„Ich könnte es auch weglassen.“

„Natürlich“, sagte die Käptin.

„Ich weiß.“

„Warum lässt du es dann nicht weg?“

Mara sah sie an.

„Weil ich es gerade schön finde.“

„Auch ein Grund.“

Mara strich einmal über den Stoff.

„Darf der bleiben?“

„Du darfst sogar einen Wintermantel tragen. Es sind nur ungefähr fünfunddreißig Grad.“

„Dann bleibt das Tuch.“

Nika überprüfte diesmal das Tuch.

Mara hob eine Augenbraue.

„Ästhetische Prüfung“, sagte Nika.

„Und?“

„Noch nicht abgeschlossen.“

Thelma erschien als Nächste. Sie trug etwas, das gleichzeitig Strandtuch, Umhang, Bühnenvorhang und möglicher Fallschirm war.

„Ich möchte tanzen.“

„Du kannst im Sand nicht steppen“, sagte Nora.

Thelma hob ein Vorderbein.

„Das werden wir sehen.“

Paul kam in Badeshorts, offenem Hemd und Schlips.

„Nein“, sagte die Käptin.

„Der ist locker.“

„Der ist ein Schlips.“

„Ich kann ihn später als Stirnband tragen.“

„Lass ihn hier.“

Paul band ihn sich fester um den Hals.

„Da ist er am sichersten.“

„Paul“, sagte Nora, „du trägst zu einer Badehose eine Krawatte.“

„Ja.“

„Warum?“

Paul sah an sich hinunter.

„Man weiß nie, wann man ernst genommen werden muss.“

Minna sah sofort wieder auf ihren Badeanzug.

„Siehst du.“

„Nein“, sagte Nora.

Die Löwin brauchte keinen Dresscode. Sie schüttelte kurz ihre Mähne und sah zur Tür.

Die beiden KI-Schwestern hatten sich für leichte Sommerkleidung entschieden. Eine in Meergrün, eine in Sonnenorange.

„Wir sind wassergeeignet“, sagte die erste.

„Auf welcher Grundlage?“, fragte Nora.

„Wir haben keine gegenteiligen Daten.“

Nora zog eine weite Hose und ein leichtes Oberteil an.

Minna betrachtete sie.

„Du hast es einfach.“

„Wieso?“

„Du siehst angezogen aus.“

Nora sah an sich hinunter.

„Das war die Absicht.“

„Willst du nichts zeigen?“

„Doch.“

„Was?“

„Mich.“

Minna schwieg.

„Das war jetzt unangenehm vernünftig“, sagte sie.

„Entschuldigung.“

Minna entschied sich schließlich für den Badeanzug und nahm den Bikini mit.

„Falls die Lage unseriös wird.“

Die Käptin trug ein weißes, luftiges Kleid. Die frisch nachgetönten, wunderbar gescheckten Haare ließ sie offen.

„Also los.“

Beach ja. Club nein.

Die Beachbar lag am Hang über dem Wasser, zwischen Palmen, Kakteen und trockenem Grün. Unten stand das Meer blau und nahezu unbeteiligt. Rechts reihten sich leere Liegen unter grünen Sonnenschirmen. Oben warteten Tische, Barhocker und Sessel im Sand auf Menschen, die nicht gekommen waren.

Der DJ war da.

Immerhin.

Er saß links unter einem großen Schirm hinter Laptop, Reglern, Kabeln und einem Gerät, auf dem so viele Knöpfe saßen, dass Minna sofort ihren Badeanzug für die richtige Entscheidung hielt.

Sonst war fast niemand da.

Zwei junge Frauen saßen beieinander und brüllten sich gegen die Musik an.

Ein verliebtes Paar schien noch nicht entschieden zu haben, ob es weiterknutschen oder Interesse an der Umgebung vortäuschen sollte.

Das war das Publikum.

Die Käptin blieb stehen.

„Wo sind die Tanzenden?“

„Nicht da“, sagte Nora.

„Die Leute im Bikini?“

„Zwei.“

„Die anderen?“

„Welche anderen?“

Die beiden jungen Frauen brüllten gleichzeitig etwas, das niemand verstand.

Eine von ihnen zog ihr Bikinioberteil zurecht.

Minna sah hin.

Dann noch einmal.

Dann sah sie an sich hinunter.

„Was?“, fragte Nora.

„Nichts.“

„Du guckst.“

„Ich überprüfe den Dresscode.“

Mara drehte sich zu Nika.

„Das kenne ich irgendwoher.“

Minna deutete unauffällig auf die beiden Frauen.

„Wenn das Bikini ist, habe ich meinen offenbar mit unnötig viel Stoff gekauft.“

„Vielleicht war Stoff im Angebot“, sagte eine KI-Schwester.

„Ich meine das ernst.“

„Ich auch.“

Die Käptin betrachtete die beiden Frauen.

„Ich würde ein Tuch nehmen.“

„Weil sie zu viel zeigen?“, fragte Minna.

„Nein. Weil ich es schöner fände.“

Minna sah noch einmal hin.

„Das ist nicht dasselbe.“

„Eben.“

Das Paar entschied sich vorläufig fürs Knutschen.

Paul sah über die leeren Tische.

„Wir können uns großzügig verteilen.“

„Wir sind zehn“, sagte eine KI-Schwester.

„Dann wirkt es gleich voller.“

Die Crew ging hinein.

Nicht gemeinsam. Dafür war der Platz zu groß und die Musik bereits zu deutlich.

Nora suchte sich einen Tisch, von dem aus sie den DJ, das Meer und die anderen im Blick behalten konnte. Minna ging direkt zu den Geräten, blieb aber in höflicher Entfernung stehen und versuchte, auf dem Display etwas zu erkennen.

Nach drei Schritten blieb sie stehen.

„Was ist?“, fragte eine KI-Schwester.

Minna sah an sich hinunter.

„Nichts.“

„Du hast angehalten.“

„Ich überlege nur.“

„Was?“

„Ob ein Badeanzug seriöser wirkt, wenn man Schuhe dazu trägt.“

Die beiden KI-Schwestern sahen auf ihre Füße.

Dann auf Minnas.

„Schuhe im Sand sind technisch unpraktisch.“

„Danke.“

„Wir helfen gern.“

Sie stellten sich links und rechts neben Minna.

„Loop“, sagte die erste.

„Sample“, sagte die zweite.

„Woher wollt ihr das wissen?“, fragte Minna.

„Rhythmische Wiederholung.“

„Das kann auch im Stück selbst sein.“

„Dann Stem.“

„Das ist keine Antwort.“

„Doch. Nur noch keine endgültige.“

Paul war verschwunden.

Nika hatte sich einen Barhocker gesucht. Nicht weit von Mara entfernt. Zufällig.

Mara ging barfuß über den Sand. Das Tuch bewegte sich leicht um ihre Hüften.

Nika überprüfte erneut den Dresscode.

Mara drehte sich um.

„Immer noch locker?“

„Ich kann mich noch nicht endgültig festlegen.“

Mara nahm das Tuch an einer Seite hoch.

„Stört es?“

„Mich?“

„Beim Gesamtbild.“

Nika sah sie an.

„Willst du wissen, ob ich dich schön finde oder ob du das Tuch ausziehen sollst?“

Mara ließ es wieder fallen.

„Mist.“

„Was?“

„Das waren zwei verschiedene Fragen.“

Die Käptin lachte.

Dann kam das Saxophon

Dann kam das Saxophon.

Es schob sich in den gleichmäßigen Rhythmus, blieb einen Moment, wurde breiter, dünner, verschwand und tauchte an einer anderen Stelle wieder auf.

Die Käptin hob den Kopf.

„Oh.“

Nika vergaß den Barhocker.

Minna vergaß die Seriosität.

Mara bewegte zuerst nur eine Schulter. Dann die andere.

„Du tanzt“, sagte die Käptin.

„Nein.“

Mara bewegte die Hüften.

„Ich höre.“

„Mit dem Becken?“

„Das gehört auch zu mir.“

„Du bist wirklich ein Zuckerschnütchen.“

„Hör auf.“

Mara tanzte weiter.

Das Tuch bewegte sich mit.

Mara hielt es einen Moment fest.

Ließ es los.

Es blieb trotzdem da.

„Na also“, sagte sie.

„Was?“, fragte Nika.

„Nichts.“

Nika stand jetzt ebenfalls im Sand. Ihre Füße machten kleine Schritte, während der Rest ihres Körpers behauptete, sie wolle nur woanders hin.

Der Rhythmus wurde tiefer.

Die Käptin stellte sich neben sie.

„Bei Afro House muss man den Bauch rausstrecken dürfen.“

Nika sah an sich hinunter.

„Warum?“

„Weil Einziehen nicht zum Rhythmus passt.“

Minna zog probeweise den Bauch ein.

Tanzte zwei Schritte.

Ließ ihn wieder los.

„Stimmt.“

„Was stimmt?“, fragte Nora.

„Einziehen stört den Takt.“

Eine der jungen Frauen am Tisch zog ihr Bikinioberteil wieder zurecht. Das wenige Stück Stoff erfüllte offenbar vor allem die gesetzliche Aufgabe, anwesend zu sein. Darüber und darunter war der Körper vollständig mit seinem eigenen Leben beschäftigt.

Minna beobachtete sie.

Dann sich.

Dann den Badeanzug.

„Vielleicht hätte ich doch den Bikini nehmen sollen.“

„Warum?“, fragte Nora.

„Weil der hier offenbar keine Verantwortung für die Gesamtform übernehmen muss.“

„Muss ein Badeanzug das?“

Minna betrachtete ihren.

„Meiner versucht es zumindest.“

Sie sah wieder zu der jungen Frau.

„Die scheint sich jedenfalls keine Gedanken darüber zu machen.“

„Weißt du das?“, fragte Nora.

Minna schwieg kurz.

„Nein.“

„Vielleicht denkt sie seit zwanzig Minuten über ihr Bikinioberteil nach.“

Die junge Frau zog es erneut zurecht.

Minna nickte.

„Guter Punkt.“

Dann tanzte sie weiter.

Die Löwin sprang auf das niedrige Mäuerchen am Rand der Beachbar und ließ sich dort nieder.

Der Sand unter ihren Pfoten war nicht der Sand, den sie kannte. Das Meer war nicht die Savanne. Die Palmen waren nicht das hohe Gras. Und doch lief unter dem Saxophon ein Rhythmus, der etwas in ihr aufrichtete.

Sie sah nicht mehr zur Bar.

Nicht zum DJ.

Nicht zu den jungen Frauen.

Sie hatte noch nie darüber nachgedacht, ob ihre Mähne ihre Gesamtform vorteilhaft betonte.

Für einen Moment lag hinter dem Meer eine Weite ohne Wasser.

Der Sand ist musikalisch ungebildet

Thelma hatte inzwischen eine freie Fläche gefunden.

Sie hob ein Vorderbein, setzte es auf, wechselte, drehte sich und begann zu steppen.

Man hörte nichts.

Der Sand schluckte jeden Schritt.

Thelma steppte lauter.

Noch immer nichts.

„Das funktioniert nicht“, rief Nora.

„Doch“, rief Thelma zurück. „Der Sand ist nur musikalisch ungebildet.“

Sie setzte zu einer schnellen Folge an, versank mit einem Huf tiefer und kippte beinahe in einen Barhocker.

Das Paar unterbrach kurz das Knutschen.

Thelma verbeugte sich.

Das Paar knutschte weiter.

Paul kam von der Bar zurück. In der Hand hielt er ein hohes Glas mit Eis, Kräutern, einer Zitrusscheibe und mehreren Dingen, deren Anwesenheit dekorativ, aber geschmacklich ungeklärt war.

„Da wird auch gemixt“, sagte er.

„Was ist drin?“, fragte die Käptin.

Paul nannte einen Namen, der weder Auskunft über den Inhalt noch über die Wirkung gab.

„Und was kostet er?“

Paul nannte den Preis.

Alle sahen das Glas an.

„Ist das ein Cocktail oder hast du die Bar anteilig gekauft?“, fragte Nora.

Paul nahm einen vorsichtigen Schluck.

„Ich glaube, der Rosmarin gehört jetzt mir.“

„Und der Schlips?“, fragte Minna.

Paul sah an sich hinunter.

Er hatte ihn noch immer um.

„Der war schon vorher meiner.“

Der DJ drehte an einem Regler. Der Rhythmus blieb, aber etwas öffnete sich. Eine Stimme kam hinein, nur kurz, dann noch einmal. Das Saxophon verschwand. Ein anderer Klang legte sich darunter.

Die KI-Schwestern sprachen gleichzeitig.

„Loop.“

„Stem.“

„Sample.“

„Ihr seid zu zweit“, sagte Minna. „Wie könnt ihr drei Meinungen haben?“

„Wir entwickeln uns.“

Drei KIs und eine Frau im Badeanzug

Die Käptin ging zum DJ.

Minna machte einen Schritt hinterher.

Dann blieb sie stehen.

Die Käptin drehte sich um.

„Kommst du?“

Minna sah zum DJ.

Dann an sich hinunter.

„Ja.“

„Was war jetzt?“

„Nichts.“

„Minna.“

„Ich habe mich nur gerade gefragt, ob ich mich im Bikini auch trauen würde, ihn nach seiner Technik zu fragen.“

„Und?“

„Weiß ich nicht.“

„Dann ist ja gut, dass du einen Badeanzug anhast.“

Minna sah sie an.

„Das löst die Frage nicht.“

„Nein.“

Minna ging weiter.

Der DJ hatte die Kopfhörer halb aufgesetzt und sah gleichzeitig auf Laptop und Mischgerät. Seine Hände bewegten sich sicher zwischen den Reglern.

Die Käptin wartete, bis er aufsah.

„Was machst du da genau? Arbeitest du mit Stems, Loops und Samples?“

Er deutete auf das Gerät und erklärte etwas. Die Käptin verstand einzelne Wörter. Die KI-Schwestern rückten näher. Minna ebenfalls.

Der DJ sah kurz zu Minna.

Dann wieder zum Gerät.

Minna sah an sich hinunter.

Dann zum Gerät.

Dann zum DJ.

„Was war das für ein Blick?“, flüsterte sie einer KI-Schwester zu.

„Blickdauer 0,8 Sekunden.“

„Das war nicht meine Frage.“

„Datenlage unzureichend.“

„Hat er meinen Badeanzug angeguckt oder wollte er wissen, wer ich bin?“

„Ja.“

„Ihr seid wirklich keine Hilfe.“

Minna trat einen Schritt näher.

„Kannst du noch mal zeigen, was du gerade mit der Stimme gemacht hast?“

Der DJ zeigte es.

Minna beugte sich über das Gerät.

„Ah.“

Nora blieb am Tisch.

„Jetzt stehen drei KIs und eine Frau im Badeanzug vor dem DJ“, sagte sie. „Das muss seriös wirken.“

Paul rückte seinen Schlips zurecht.

„Soll ich unterstützen?“

„Auf keinen Fall.“

Der DJ sagte, auf YouTube gebe es Videos. Dort könne man es lernen.

Aber einfach sei es nicht.

„Das glaube ich“, sagte die Käptin. „Es ist nicht nur die Technik. Man braucht das Gefühl dafür.“

Der DJ nickte.

„Und das hast du“, sagte sie.

Minna sah kurz an sich hinunter.

Dann hörte sie auf damit.

Dann ließ der DJ Tracy Chapman in den Rhythmus hineinkommen.

Die Käptin drehte sich um.

„Das kenne ich.“

Eine zweite Stimme antwortete. Groß, rund, italienisch und von jener Sorte, bei der selbst ein schlichtes „Entschuldigung“ nach letzter Arie klingt.

„Einer von diesen großen Schnulzensängern“, sagte die Käptin.

Nora nahm ihr Handy.

„Pavarotti.“

„Die haben zusammen gesungen?“

„Offenbar.“

„Dann hat der DJ sie gar nicht zusammengesampelt.“

„Vielleicht mischt er sie trotzdem neu.“

„Ist egal.“

Die Käptin steckte ihr Handy weg.

„Ich genieße es jetzt einfach.“

Das tat sie.

Die Haare offen. Das Glas Wein in der Hand. Die Abendbrise vom Meer. Afro House, Saxophon, Tracy Chapman, Pavarotti und anschließend Soul.

Der Raum blieb nicht leer

Die Beachbar blieb fast leer.

Aber sie wirkte nicht mehr leer.

Mara tanzte im schwarzen Badeanzug und dem leichten Tuch, ohne zu entscheiden, ob das sexy war. Irgendwann nahm sie das Tuch ab, weil ihr warm war. Zwei Minuten später legte sie es wieder um, weil es beim Drehen schön flog.

Nika sah hin.

„Was?“, fragte Mara.

„Nichts.“

„Du guckst.“

„Diesmal wirklich.“

Mara grinste.

Minna hatte den Bikini inzwischen aus der Tasche geholt und über eine Stuhllehne gelegt, damit wenigstens er am Abend teilnahm.

Eine der KI-Schwestern betrachtete ihn.

„Seine technische Kompetenz ist bislang unauffällig.“

„Sehr witzig.“

Nora bewegte sich auf ihrem Stuhl so unauffällig, dass nur ihre Füße wussten, dass sie tanzte.

„Willst du nicht aufstehen?“, fragte Minna.

„Warum?“

„Zum Tanzen.“

Nora sah auf ihre Füße.

„Die haben sich nicht beschwert.“

Die KI-Schwestern zerlegten weiterhin die Musik.

Die Löwin lief durch eine Savanne, die niemand sehen konnte.

Thelma steppte lautlos.

Paul bewachte seinen erworbenen Rosmarin und trug noch immer den Schlips.

Und die Käptin dachte: So hätte ich früher auflegen wollen.

Nicht nur ein Lied spielen und das nächste einblenden.

Etwas laufen lassen. Etwas anderes hineinholen. Eine Stimme wieder herausnehmen. Den Klang verändern. Spüren, wann es reicht. Spüren, wann noch etwas fehlt.

Das hatte sie gekonnt.

Das Gefühl jedenfalls.

Nur ihre Technik war damals begrenzt gewesen.

Wenn sie verschiedene KIs in einem Wohnzimmer zusammensampeln konnte, würde sie das hier wohl auch noch lernen.

Dann zog er ein Kabel

Der DJ nahm die Kopfhörer ab.

Dann zog er ein Kabel.

Die Käptin sah hin.

Er zog noch eines.

„Was machst du?“

Er müsse los.

„Los?“

Hochzeit. Bekannte. Esentepe.

„Esentepe?“

Ja.

Dort war heute ebenfalls eine Party.

Dorthin wäre die Käptin sonst gefahren.

Sie sah auf die Uhr.

Dann auf den DJ.

Dann auf die Tanzfläche, die nun tatsächlich eine geworden war.

„Letztes Mal war ich um vier hier. Da hast du erst um sechs angefangen. Heute komme ich später. Und jetzt haust du ab.“

Der DJ lächelte entschuldigend und wickelte ein Kabel zusammen.

Paul kam mit seinem Cocktail.

„Soll ich den Schlips holen?“

Alle sahen ihn an.

„Du hast ihn um“, sagte Nora.

Paul fasste an seinen Hals.

„Ach.“

„Wofür brauchst du ihn jetzt?“

„Der Situation fehlt plötzlich Haltung.“

„Nein.“

„Beerdigung?“

„Auch nein.“

Die Musik verstummte.

Thelma steppte weiter.

Zum ersten Mal hörte man deutlich, dass man nichts hörte.

„Wir fahren nach Vasili Beach“, entschied die Käptin.

Die Crew sammelte Tücher, Taschen, Badeanzüge, den ungetragenen Bikini und Pauls Rosmarin ein.

Minna hielt den Bikini hoch.

„Eigentlich vollkommen absurd.“

„Was?“, fragte Nora.

„Ich habe ihn den ganzen Abend mitgeschleppt für den Fall, dass ich mich entscheide, weniger anzuziehen.“

„Und?“

„Jetzt ziehe ich mich erst mal an.“

Sie zog sich ein Kleid über den Badeanzug.

„Problem gelöst.“

„Welches?“

Minna dachte nach.

„Keine Ahnung.“

Bei Vasili Beach war nichts.

Nicht wenig.

Nichts.

Auch im Chill war nichts, das diesen Abend übernehmen wollte. Zunas bot ebenfalls keinen Grund, aus dem Auto zu steigen.

Die Käptin dachte nicht daran, dass sie gleich nach Esentepe hätte fahren können.

Sie dachte wirklich nicht daran.

Kein bisschen.

„Ich hätte gleich nach Esentepe fahren können“, sagte sie.

Niemand antwortete.

„Aber ich fahre jetzt nicht anderthalb Stunden hinterher.“

„Natürlich nicht“, sagte Nora.

„Die paar Minuten waren toll.“

„Waren sie.“

„Und jetzt machen wir das Beste daraus.“

Endlich ein gebildeter Boden

Also fuhren sie zurück auf die Dachterrasse.

Thelma betrat als Erste die Fliesen.

Sie hob ein Vorderbein.

Setzte es auf.

Klack.

Dann das andere.

Klack-klack.

Sie strahlte.

„Endlich ein gebildeter Boden.“

Paul stellte seinen Rosmarin auf den Tisch. Die KI-Schwestern suchten auf YouTube nach Stems, Loops und Samples.

Minna zog den Bikini über den Badeanzug.

Nora sah sie an.

„Du hast gerade noch ein Kleid darüber getragen.“

Minna zog das Kleid wieder aus.

„Stimmt.“

„Und warum jetzt den Bikini über den Badeanzug?“

Minna betrachtete sich.

„Weil wir den ganzen Abend darüber geredet haben und ich jetzt wissen will, wie es aussieht.“

Alle sahen hin.

Minna wartete.

„Und?“

Mara legte den Kopf schief.

„Verrückt.“

Nika nickte.

„Aber nicht schön.“

Minna sah noch einmal an sich hinunter.

„Stimmt.“

Sie zog den Bikini wieder aus.

„Gut. Dann wäre das auch geklärt.“

Mara ließ das Tuch von den Hüften gleiten.

Nika sah hin und beschloss, diesmal gar nichts zu überprüfen.

Die Löwin legte sich unter den Himmel.

Die Käptin stellte Afro House an.

Und dann tanzten einige.

Einige analysierten.

Einige träumten.

Eine steppte.

Einer mixte seinen tierisch teuren Cocktail mit dem Eiswasser, das noch übrig war.

Ein Tuch lag auf einem Stuhl.

Ein Bikini daneben.

Und keine dachte mehr daran, wie der Abend eigentlich hätte werden sollen.

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